Das ist ja wirklich kaum zu glauben

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Wenn man sich von hier aus ziemlich weit in eine ganz bestimmte Richtung begibt, so kann man bei klarem Wetter schon weit in der Ferne ein hohes Gebirge erkennen. Und vorgelagert sieht man eine große Ebene, die so flach ist wie ein Stullenbrettchen. Wäre man ein Vogel, so könnte man von oben die ganze Weite überblicken und mit Verwunderung feststellen, daß es dort drei kleine Städte gab, die vollkommen gleich gebaut waren, nur daß jede Stadt in einer anderen Farbe die Landschaft belebte. Es gab die blaue, die weiße und die gelbe Stadt. Jede Stadt hatte auch die gleiche Kirche, aber jede Stadt hatte einen anderen Kirchturm. Die blaue Stadt zum Beispiel hatte einen runden Kirchturm, an dessen Spitze eine große goldene Kugel das Sonnenlicht in alle möglichen Winkel streute. Die gelbe Stadt hatte einen viereckigen Kirchturm, und auf dessen Spitze gab es auf einer goldenen Scheibe einen goldenen Würfel, in dem die Vertiefungen, die die Augen des Würfels symbolisierten, mit Rubinen ausgefüllt waren. Die Sonne zauberte die interessantesten Beleuchtungseffekte und die Bürger der gelben Stadt waren sehr entzückt, daß ein Baumeister einstmals solche guten Einfälle gehabt hatte. Der Würfel stand hochkant auf der Ecke, so daß man, wenn starker Sturm war, schon mal befürchtete, er könne herabfallen. Das tat er aber nicht. Jedenfalls tat er es bisher nicht.

In der weißen Stadt nun gab es die Kirche mit dem spitzen Turm. Der spitze Turm war aus Lapislazuli, und manche Leute sagten, er sähe aus wie eine Zuckertüte. Denn in früheren Jahren konnte man noch beim Kaufmann ein halbes Pfund Zucker kaufen, und das wurde abgewogen und in eine blaue spitze Tüte gefüllt. Rundum nun in diesen Kegel waren Vertiefungen eingeschnitten, die mit Gold ausgefüllt waren und ein Heer von Sternen zum schimmern brachten, wenn nachts der Mond darauf schien. So daß man fast sagen konnte, bei Mondenschein schimmere im Umkreis alles taghell.

Aufgereiht wie auf einer Schnur lagen die drei Städte nebeneinander, und mit einer großen breiten Straße waren sie miteinander verbunden, Man muß nicht besonders erwähnen, daß ein reger Austausch zwischen den Städten stattfand, und der Einfachheit halber sprach man eben von den Bewohnern nur von den Gelben, den Blauen und den Weißen. Ungefähr nach einer halben Tagesreise Entfernung, in gemütlichem Trott versteht sich, stieß man auf das Schloß, in welchem der König dieses kleinen Reiches mit seiner Familie wohnte. Die Straße zum Schloß ging schnurstracks von der gelben Stadt aus, die ja in der Mitte lag und von da aus erreichte man die Residenz am schnellsten. Von der blauen und von der weißen Stadt aus gesehen dauerte es natürlich einige Zeit länger, aber das machte ja nicht so viel aus. Es reichte, wenn man sich ein paar Butterbrote und ein bißchen Obst oder eine Flasche Saft mitnahm.

Der König war ein feingliedriger, zierlicher Mann und für seinen, na sagen wir mal Beruf, viel zu mitfühlend und empfindsam. Es widerstrebte ihm auch, den Untertanen harte Gesetze zuzumuten oder anders geartete Sorgen aufzubürden. Die Königin war da viel strenger und ließ nicht locker, so daß sie, wahrscheinlich viel zu oft, sagte: los, Machdas. So war allmählich der wirkliche Name des Königs total in Vergessenheit geraten und mit der Zeit wurde aus ihm König Machdas der Erste. Da aber, und das kann man ja in der Weltgeschichte ganz leicht nachprüfen, kaum ein König nur einen einzigen Namen hat, so hieß er inzwischen Kannich-Machdas; und das war ja nun auch gar nicht so verkehrt. Denn immer wenn er mit einer königlichen Aufgabe nicht zurande kam, sagte er traurig: Kannich, und die Königin sagte darauf auch sofort ernergisch: los, Machdas!

Eigentlich war es ja auch ein Segen, daß der König und seine Gemahlin nur eine einzige Tochter hatten. Mit mehreren Kindern wäre die Königin auch total überfordert gewesen, da sie ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem Gemahl widmen und ständig aufpassen mußte, daß er nach Möglichkeit immer das Richtige tat. Und das tat er ja, denn so wie sie sagte, los Machdas, machte er es ja auch. Bisher war es doch nicht ganz verkehrt gewesen. Die Bürger jedenfalls dieses kleinen Ländles, die Weigelblauer, waren bisher mit ihrem Dasein ganz zufrieden.

Christelingelorettaanna, Die Prinzessin und Thronerbin hatte einen Namen nach verschiedenenVorfahrinnen bekommen, den kein Schwein aussprechen konnte. Aber dafür war er ja auch nicht gedacht. Der Einfachheit halber sagte man von frühester Kindheit an: Kind! und je nachdem: Kind, Kind! Im besonderen Härtefall aber auch sehr energisch KIND!!! Die Königin hatte es wohl nicht ganz so leicht mit dieser eigenwilligen kleinen Person, denn sehr oft mußte sie sie zur Ordnung rufen. Zum Beispiel: „Sitz gerade!“ und was antwortet diese kleine Teufelin? „Willnich!“ „Iß deine Suppe “ „Willnich!“ „Hast du dir den Hals gewaschen?“ „Willnich!“ „Hast du dein Nachtgebet gesprochen?“ „Willnich!“ „Ach, das ist ein Kreuz mit dir“ ägerte sich die Königin, und dann mußte sie ganz energisch jede Anordnung noch einmal wiederholen und die Ausführung auch kontrollieren. „Tu es!“ sagte sie dann. Aber ganz lieb und freundlich, und dann klappte es in den meisten Fällen. So hatte nun auch diese Prinzessin, genauso wie unzählige Prinzessinnen auf der Welt, ihren Doppelnamen bekommen, und ihr Taufname war inzwischen längst in Vergessenheit geraten. Willnich-Tues, oder Tues-Willnich. Die Eltern stritten sich bisweilen. Man konnte sich eben nicht so recht entscheiden.

Hin und wieder ritt der König zusammen mit seiner Tochter ein bißchen in der Gegend herum, um die Pferde zu bewegen. Dann traf man natürlich auch auf einige Untertanen, die grüßend ihre Kopfbedeckungen lüpften und im Chor “Gott segne Sie, königliche Hoheit, und ebenso die kleine Prinzessin!“ sprachen. Dann dankte der König mit einem freundlichen Kopfnicken und winkte jovial nach allen Richtungen. Selbst in die, wo gar kein Untertan zu sehen war. ,Besser ist besser‘ dachte er, denn die Aufforderung seiner Gemahlin klang stets in ihm nach. „Los, Machdas!“

Eines Tages hatte sich ein Fremder an den Hof des König verirrt. Da es schon Abend und deshalb auch ziemlich dunkel war, bat der Fremde um Aufnahme, etwas zu essen und ein Nachtlager. Er hatte bereits einen langen Fußweg hinter sich, war erschöpft und hungrig. „Kümmert euch um den armen Kerl“ ordnete der König an, befahl dem Haushofmeister, dafür zu sorgen, daß es dem Gast an nichts fehle und ging dann in sein kleines Kabinett, um sich seine Briefmarkensammlung anzusehen. Die war ganz besonders kostbar, weil ja Briefe mit Briefmarken darauf ihn so gut wie nie erreichten, sondern immer nur, oder jedenfalls größtenteils, per Brieftaube oder reitenden Boten. Man darf ja nicht vergessen, daß es doch nur ein kleines Land mit drei kleinen Städten war. Und die, wie man ja inzwischen erfahren hatte, alle drei gleich groß und nach dem selben Stadtplan gebaut waren.

Der König und die Königin Mußichdennimmerallesalleinemachen saßen bereits am Frühstückstisch. Die Könnigin hatte einen besonders langen Namen, weil sie sich auch für besonders viele Dinge verantwortlich fühlte. Einmal schon, um ihre kleine Familie zu schützen und dann noch die ganze Verantwortung für den königlichen Haushalt. Für all diese Aufgaben war ja ihr Name noch viel zu kurz. Der Haushofmeister bat nun auch noch um eine Audienz, und da sagte der König kurz und bündig, „nehmt Platz und setzt euch, Haushofmeister, und frühstückt mit uns zusammen. Wir werden eine Lösung finden.“ Der Haushofmeister Ichkannjanichalleswissen nahm sich ein Käsebrötchen und ließ sich von der Küchenmamsell Kakao in eine große Tasse gießen. „Langt nur tüchtig zu Haushofmeister“ sagte die Königin, und „Guten Appetit Frau Königin“ antwortete er mit vollen Backen, denn er hatte einen ziemlich großen Happen vom Käsebrötchen abgebissen. Die Prinzessin saß am unteren Ende des Tisches zusammen mit ihrem Lieblingsgespielen, dem Hofnarr Wasfragstemichdenn und beide überlegten, was sie heute Wichtiges zu tun hätten, um einen geordneten Tagesablauf zu garantieren. Denn außer dem Stallmeister, Herrn Augustin, hatten Wasfragstemichdenn und die Prinzessin auch einen Teil der Verantwortung zu tragen, damit ein geordneter Tagesablauf garantiert wurde. Sie hatten sich um ein Teil der Tiere zu sorgen. Der Sekretär des Königs, Warumdennimmerich. hatte sich inzwischen auch eingefunden und schielte auf die große Platte, ob er da noch ein Käsebrötchen ergattern konnte, bevor der Haushofmeister auch noch das letzte verschlingen würde.

Man wird sich natürlich sehr über die eigenartigen Namen wundern, die die Leute an diesem Königshof führten, beziehungsweise, wieso es in diesem Lande üblich war, so lange Namen zu haben. Nun, das lag an der Übersetzung, denn in der Landessprache waren die Namen natürlich bedeutend kürzer, aber da hätte doch kein Mensch gewußt, um wen es sich handelt und was der Name zu bedeuten hat. Zum Beispiel Koliko, Mabalu, Tikubo, Jujapile; wer sollte denn da wirklich Bescheid wissen. Keiner. Ist doch ganz klar. Denn es gab ja selbst in den größeren Bibliotheken keine richtigen Wörterbücher, mit deren Hilfe man diese eigenartige Sprache übersetzen konnte. Nach einer gemütlichen Stunde am Frühstückstisch sagte der König zu seiner Gemahlin Mußichdennimmerallesalleinemachen, die er wegen der Länge des namens einmal Mußichdennimmer oder auch immerallesalleine rief: „meine Liebe, hatten wir denn nicht einen Gast?“

Bei den Ställen waren die Prinzessin und der Hofnarr angekommen, hatten sich soweit möglich um alles gekümmert und sich dann ein bißchen ins das Gras gesetzt und sahen den kleinen Enten bei ihren ersten Schwimmversuchen im Weiher zu. Die beiden Knechte, Hättichdirjagleichsagenkönnen und Michfragtjakeiner waren gerade vorübergegangen und unterhielten sich leise über den fremden Gast. Der Gärtner kam nach kurzer Zeit zusammen mit seinem Gehilfen Wustichdochschonlange vorbei, und auch diese beiden sprachen leise miteinander. Der Gärtner Mankannmirdochnichtsvormachen schüttelte sogar mehrmals den Kopf.

Der Hofnarr, Wasfragstemichdenn, war ein kleiner, sehr kluger und gutherziger Geselle, dem es auch zuwider war, gemeine Scherze zu machen, die Leute zu verkohlen oder ihnen ihre Fehler und Gebrechen auf herzlose Weise vorzuhalten; kurz, sich auf gemeine Weise über andere lustig zu machen. Trotzdem fürchteten ihn die meisten, denn wenn er meinte, er müsse auf einen Mißstand hinweisen oder eine Person auf ihr ungebührliches Verhalten, dann bediente er sich eines Beispiels, was ja schon in der Antike angewandt wurde: er ließ es die Tiere vorführen, und manchmal erst nach Tagen dämmerte es dann bei einigen Personen und sie erkannten: ach du meine Güte. Ja ja, ach du meine Güte. Genau so ist es mir passiert.

Der Hofnarr und die Prinzessin hatten nun den Enten lange genug zugesehen und sich davon überzeugt, daß alle Tiere gut versorgt waren und gingen langsam und sich miteinander unterhaltend den Hauptweg zum Schloß zurück. Auf dem kleinen Mäuerchen, das den Obstgarten eingrenzte, saß der Fremde und biß in einen unreifen Apfel. Den hatte er nicht im Fallobst gefunden, sondern hatte ihn vom Spalierobst weggenommen. Das war nicht recht, und man konnte nur hoffen, daß es dem Gärtner nicht so schnell auffiel, denn es hätte auf jeden Fall seinen Zorn entfacht. Möglicherweise hätte er sogar einen Veitstanz aufgeführt, wenn er bemerkt hätte, daß an einem zweiten Spalier ebenfalls ein Apfel fehlte. Zur Zeit war er aber in einer anderen Ecke des Gartens beschäftigt, die Vögel aus den Kirschbäumen zu vertreiben. Warumdennimmerich rief nach dem Gärtnergehilfen, um ihn mit neuen Aufgaben zu betreuen und machte ihm Vorhaltungen. Dafürkannichdochnich zog eine Flappe und brummelte vor sich hin und ärgerte sich natürlich über das schreiende Unrecht, welches man ihm antun wollte. Sollte er sich den ganzen Tag neben das Spalierobst stellen, um Diebe fernzuhalten?

Als die Prinzessin und der Hofnarr sich im Schlenderschritt näherten, hob der Fremde die Augen und vergaß für einen Moment, von seinem Apfel abzubeißen. Er wollte ihn gerne in seiner Tasche verbergen, aber da man ihm nur ein paar schlapperige Gewänder gab, bis seine eigenen Sachen wieder gewaschen und gebügelt waren, bemerkte er, daß es gar keine Tasche gab, wo er etwas verbergen könne. Jedenfalls keine, die er auf Anhieb entdeckte. So saß er nun mit dem angebissenen grünen Apfel in der Hand etwas unglücklich auf dem Mäuerchen und sah den Ankommenden mißtrauisch entgegen. Beim Anblick der liebreizenden Prinzessin und dem gutmütigen Gesichtsausdruck von Wasfragstemichdenn faßte er ziemlich schnell Vertrauen (in sich selbst) und dachte: na, die beiden Landeier lege ich ziemlich schnell aufs Kreuz! Die beiden Landeier blieben bei ihm stehen und fragten, ob er sich inzwischen schon wieder gut erholt hätte. „Oh oh“ sagte er und ließ ein leises Stöhnen hören. „Aber ich muß leider weiter. Mein Regent hat mich abgesandt, um einen gewissen Gegenstand zu beschaffen, von dem ich nicht genau weiß, wo er sich befindet. Aber wenn ich nur ein bißchen Unterstützung fände – gegen einen guten Lohn“ nickte er dem Hofnarren zu. „Mein Herrscher ließe es sich schon etwas kosten.!“

Die Prinzessin und der Hofnarr wechselten einen kurzen schnellen Blick just in dem Moment, als der Fremde wieder in seinen Apfel biß und für den Bruchteil einer Sekunde auf seine Finger sah. Die Beiden stellten sich nun höflicherweise mit Namen vor, so daß man sich doch auch richtig anreden konnte „Würdet Ihr uns Euren Namen verraten fragte süß lächelnd die Prinzessin und strich ihm sanft über den Unterarm. Der Fremde war doch ein wenig verwirrt, daß eine leibhaftige Prinzessin so freundlich mit ihm sprach und ihn tatsächlich, wenn auch nur mehr oder weniger am Ärmel, berührte. „Ich führe einen französischen Namen und bin von Adel“ bemerkte er ein bißchen hochtrabend. „Ich heiße Manometer du Cretin. Das du wird natürlich dü ausgesprochen, da es ja französisch ist.“ „Selbstredend“ bemerke der Hofnarr und gab sich Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken, während sich der Fremde an die Prinzessin wandte und mit einer kurzen Verbeugung „Hoheit können Mano zu mir sagen“ wieder zurück auf das Mäuerchen sank, von dem er sich kurz zuvor erhoben hatte. Nun wurde es Zeit sich zu trennen, denn schließlich konnte man ja nicht stundenlang die Zeit mit überflüssigen Gesprächen vertrödeln. Und da war man schon fast auf dem besten Wege, dies zu tun. „Wir sehen uns heute Abend auf der Bank am Brunnen“ sagte die Prinzessin über die Schulter nach rückwärts und entfernte sich, und der Hofnarr winkte auch kommentarlos nach hinten, ohne sich davon zu überzeugen, ob man seine Geste bemerkte oder nicht. „Da habt Ihr aber eine Eroberung gemacht“ grinste der Hofnarr mit einem leisen Kichern die Prinzessin von der Seite her an, und als sie sich ihm zuwandte und sie sich in die Augen sahen, fielen beide wie auf Kommando in ein irres Lachen ein und konnten eine ganze Weile nicht wieder aufhören. Und wenn es nicht vollkommen unstandesgemäß gewesen wäre, hätte sich die Prinzessin gerne auf den Boden geworfen und sich wie ein kleines Ferkel im Matsch gesühlt. Als sie sich dann endlich einigermaßen beruhigt hatten, sagte Wasfragstemichdenn: „Hoheit dürfen Mano zu mir sagen“ und dann prusteten beide wieder aufs Neue los und konnten nicht so schnell wieder aufhören zu lachen.

Es war ein milder Abend und fast der ganze Hofstaat, ja immerhin achtzehn Personen, hatten sich unter der großen australischen Silbereiche versammelt, um den schönen Abend zu genießen und gemeinsam alte Lieder zu singen. Auch hatte so mancher eine lustige Geschichte zum Besten zu geben oder auch von einem weniger komischen Vorfall zu berichten. Für die königlichen Eltern hatte man bequeme Sitzgelegenheiten mit weichen Polstern und Fußstützen herbeigeschafft, das Gesinde saß auf einer ausgebreiteten Decke auf dem Rasen und die Regierungsvertreter und übrigen Hausgenossen saßen gemütlich auf der Bank. Etwas abseits hatte sich die Prinzessin mit dem Hofnarren auf dem Rand des Wassertroges niedergelassen, aus dem das Vieh trank, wenn es dort vorbeikam. Und auch der Fremde setzte sich, nachdem er die Beiden entdeckt hatte, mit einem freundlichen „Guten Abend“ dazu. Der Kellermeister hatte sogar ein kleines Fäßchen Most spendiert, der sehr harmlos schmeckte aber nach einer gewissen Menge selbst einen Elefanten von den Füßen kippte. Man konnte natürlich keinen Beweis dieser Behauptung erbringen, denn so groß war das Faß ja nun auch wieder nicht, und außerdem mangelte es an geeigneten Kandidaten, da ja weit und breit keine Elefanten zu sehen waren. Aber Wasfragstemichdenn meinte schelmisch zum Schweinehirten Neinichstinkenich: „trink mal noch einen, dann siehst du massenhaft Elefanten kommen.“

Mano entpuppte sich mehr als ein Nassauer als ein Franzos. Da es ja nichts kostete, dem Most reichlich zuzusprechen, tat er sein Bestes, um nicht zu kurz zu kommen, Auch schien ihn sein Gedächtnis insoweit verlassen zu haben, daß er vor nicht allzu langer Zeit heimlich zwei grüne Äpfel vom Spalierobst entwendet und auch noch gegessen hatte. Noch war er in dem Stadium, wo sich die Zunge löste und man das Bedürfnis hatte, sein Herz auszuschütten, unheilvolle Drohungen anzukündigen oder jammernd Selbstanschuldigungen auszustoßen. Und bei genauerem Hinhören erfuhr man andeutungsweise, was dieser linke Vogel, ja so mußte man es fairer Weise tatsächlich ausdrücken, hier in dieser Gegend wollte. Hier im Ländle kannte doch jedes Kind die Legende vom Prinzen, der von einem Zauberer für einen großen Dienst mit einer blauen Perle belohnt worden war, die große Zauberkräfte besaß. Nun hatte dieser Prinz in seinem jugendlichen Alter natürlich alles Mögliche im Kopf, aber nichts Gescheites. Das gibt es bei Fleischersöhnen genau so häufig wie beispielsweise bei Prinzen oder auch umgekehrt. Jedenfalls hatte dieser Luftikus total vergessen, was es mit dieser blauen Perle für eine Bewandtnis hatte. Manchmal saß er an einem kleinen Bach unter einem großen Baum mit der Perle in der Hand und sagte: “Ich wünsche mir die drei schönsten Frauen der Welt“. Aber die Perle war taub und hörte nichts. Nur drei Libellen flogen manchmal über das Wasser, aber das hätten sie ohne Perle auch getan. Dann dachte er ganz intensiv und angestrengt: „ Ich wünsche mir auf der Stelle ein schnelles Pferd.“ Aber selbst nach einer Stunde war weit und breit kein Pferd zu entdecken, nur der Esel vom Müller, der in der Nähe angebunden war, machte hin und wieder Iaah. Iaah. Iaaaaah! Und als er mal wieder am Bach saß, spielte er mit der Perle herum, warf sie in die Luft, fing sie wieder auf – und schwupp, fiel sie ins Wasser. Aber da war sie nicht mehr zu sehen. Auch nach langem Suchen nicht. Sie war in den Bach gefallen und weg war sie. Auch der Prinz war verschwunden. Man hatte tagelang nach ihm gesucht, jedoch konnte man nicht die geringste Spur entdecken, wo er wohl geblieben sein könnte. Man erforschte sogar die Umgebung, ob es dafür Anzeichen gab, daß ihm irgendjemand ein Leid zugefügt hätte. Nix da. Weg war er. Und nach und nach verschwand auch die Legende aus den Köpfen der Bewohner, denn die hatten genügend mit ihren Alltagsgeschichten zu tun.

Manometer du Cretin ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß er auf der Suche nach dem verschwundenen Prinzen und dem Verbleib der Zauberperle war. Denn beides, so sagte er, kann ja nicht spurlos von der Erdoberfläche verschwinden. Nicht nach oben, nicht nach unten sagte er und schlug mit der Faust auf sein Knie. Anderntags beim Frühstück hatten fast alle Schloßbewohner einen gehörigen Brummschädel, und unser Mano hatte dazu noch einen argen Durchfall, so daß er stöhnend und sich windend über den Rasen kullerte, denn er wollte sich auf die Suche begeben und konnte keine drei Schritte vorwärts kommen, ohne daß ihm etwas Unangenehmes passierte. Wasfragstemichdenn hatte sich ein kleines Pony satteln lassen, das er mit seinen kurzen Beinen sehr bravourös besteigen konnte und saß fest im Sattel. Die Prinzessin nahm heute den Braunen, denn der Schimmel, befand sie, war viel zu auffällig. „Wir werden erst mal in die weiße Stadt reiten und den Bürgermeister fragen, ob ihm etwas bekannt ist“ sagte die Prinzessin und klopfte dem Braunen den Hals. „Das halte ich für falsch“ antwortete Wasfragstemichdenn. „Am ehesten könnte man doch in Blau etwas wissen.!“ „Wir wollen uns nicht streiten, also laß uns zunächst in Gelb nachfragen. Kommt doch sowieso nichts dabei heraus“ sagte die Prinzessin ungehalten.

Inzwischen war es ganz schön warm geworden und die beiden Reiter bekamen Hunger und Durst und suchten ein Plätzchen, um Rast zu machen. Aber es mußte auch so beschaffen sein, daß auch die Pferde saftiges Gras und frisches Wasser bekamen. „Wir sind nicht allzu weit vom Bach entfernt, hörst du ihn? Laß uns hinreiten und einen geeigneten Platz finden.“ Wasfragstemichdenn gab seinem Pony die Sporen und ritt voraus.

An der Stelle, wo der Bach wieder einen seiner vielen Knicks machte, ließen sie sich nieder und auch die Tiere ließen sich ermüdet in das weiche Gras plumpsen. Aus dem Gegenüber der breitesten Stelle des Baches, an der üppige Pflanzen wucherten und sich ausgebreitet hatten, trat gravitätisch ein blauer Fischreiher hervor, sah einen Augenblick lang zum Himmel und tauchte dann seinen Schnabel in das Wasser. Dann wandte er seinen Kopf und schaute zu den rastenden Menschen herüber. In seinem Schnabel hielt er eine blaue Perle. Dann entfernte er sich lautlos durch das Dickicht und verschwand.

Die Prinzessin und der Hofnarr saßen wie vom Donner gerührt im Gras, aber die Tiere hatten von dem Vorfall überhaupt keine Notiz genommen, als ob solche Ereignisse an der Tagesordnung wären und zum täglichen Leben gehörten. Die Prinzessin zog nach einer Weile ihre Schuhe aus, watete durch den Fluß und untersuchte das Dickicht, denn erstens war sie sehr mutig, zweitens war sie sehr neugierig und drittens sozusagen gehörte sie zur gehobenen Gesellschaftsschicht und da hatte man eben eine besondere Art, mit Katastrophen und ähnlichen Überraschungen umzugehen,

Wasfragstemichdenn hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt, schaute in den Himmel und reckte sich. Dann gähnte er herzhaft und beschloß, erst mal ein Mittagsschläfchen zu machen. „Sie wird mich schon wecken.“ dachte er noch und sofort war er eingeschlafen. Erst bei Anbruch der Dunkelheit erschien die Prinzessin barfuß und Hand in Hand mit einem schönen jungen Mann, der einen hellblauen Anzug trug und seine Schuhe in der Hand hielt, zwischen seinen Lippen trug er die blaue Perle. Dann durchschritt das Paar gemeinsam den Bach, trocknete im Gras die Füße und zog die Schuhe wieder an. Dann standen sie eine ganze Weile eng umschlungen an diesem schönen Ort, wo der Prinz so viele Jahre als Reiher gelebt hatte. Trotzdem hatte man das Gefühl, daß überhaupt kein bißchen Zeit vergangen war. Andächtig blickten sie sich noch einmal um. „Wollen wir ihn schlafen lassen?“ fragte die Prinzessin. „Ja, laß ihn ruhig schlafen. Es passiert ihm ja nichts1“ Dann küßte der Prinz die Prinzessin, tat einen tiefen Atemzug und spuckte die Perle bis in die Mitte das Baches, wo sie wieder ihre blaue Farbe verlor und nur noch wie eine weiße Murmel aussah.

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Wasfragstemichdenn wollte sich eigentlich auf den Heimweg machen, aber die Dunkelheit hatte längst eingesetzt. Sein Pony kam zu ihm gelaufen, und so schliefen sie nebeneinander, bis sie frühmorgens die Sonne weckte. „UUAAHHHH“,gähnte Wasfragstemichdenn und streckte sich. „Jetzt aber ab nachhause“ Auf dem Rückweg traf er einen Bauern, der seine Felder inspizierte, und so fragte er diesen, ob er ihm wohl den Weg nach Gelb beschreiben könne. Der Bauer sah ihn an und lachte. „Spaßvogel, was?“ Dann sah er eine Bauersfrau, die dabei war, ihre Hühner von der Straße zu treiben, damit sie im Hof geschützt umherlaufen können. „Würden Sie mit bitte sagen, wie ich nach Blau komme?“ Sie sah ihn verächtlich an. „Selbst blau, was?“ Wasfragstemichdenn ersparte es sich, einen weiteren Menschen nach Weiß zu fragen. Er ging, beziehungsweise ritt da hin, wo er hergekommen war, und sein Pony hatte wohl den gleichen Gedanken, denn es fand seinen Weg ganz allein. Bald erkannten sie auch die Stelle am Bach, wo sich die merkwürdigen Ereignisse zugetragen hatten. Ein Gefühl von Trauer und Verlassenheit bemächtigte sich des kleinen Mannes, so daß es einem in der Seele weh tat, wie er auch Sehsucht nach der Prinzessin verspürte, die doch eine wirkliche Freundin gewesen war. Und jetzt? Jetzt hatte er nur das Pony. Mit dem konnte man sich doch nicht unterhalten. Und mit dem konnte man ja auch nicht lachen, Ach! Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Dann schien es ihm, als winkten von der gegenüberliegenden Seite aus den grünen Pflanzen am Ufer zwei paar Hände. Sie winkten auch noch, als er nach einer kleinen Weile noch einmal hinüber schaute. Dann nahm er sein Ponny am Geschirr, watete durch den Bach und hatte seine Schuhe nicht ausgezogen, denn man konnte ja nie wissen. Und dann wäre er barfuß gewesen.

Zwei Paar Hände zogen ihn und sein Pony hilfreich ans Ufer. Dann war eigentlich alles wieder genauso wie es immer gewesen war. Der ganze Zwischenfall ging sozusagen im täglichen Tagesablauf unter. Man wartete noch zwei Jahre, dann konnte die Prinzessin ihren Prinzen Fragmichdochnichandauernd, zu dem sie sozusagen ganz überraschend gekommen war (wie die Jungfrau zum Kind, haha,) lachte der Kammerdiener Schmeißnichimmerallesrum ,heiraten, und diese kleine Welt läge geschützt vor aller Augen und könne doch auf keiner Landkarte verzeichnet sein. Es bliebe unsichtbar für alle Zeit und schütze die Bewohner vor Krieg und Unheil, denn die blaue Perle, die zu einer riesengroßen Blase werden könne, schütze für alle Zeiten alles was darunter liegt. Sozuzsagen unter einer großen Käseglocke. Die Gegend, von der man annimmt, daß sie sich dort befindet, ist karg und ungemütlich und keine Menschenseele ist gewillt, sich dort anzusiedeln. Aber in Wirklichkeit, wer weiß?

Ich hatte sie mal irgendwo kennengelernt und wollte Näheres wissen. Wasfragstemichdenn und Fragmichdochnichandauernd gaben stets solche Gummiantworten, daß man überhaupt nicht wußte, woran man war.

Na, ich krieg das schon raus, keine Sorge.
Ich laß mir doch von Euch keine Märchen erzählen.

Berlin , den 15. September 2012/LEWI

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Wär‘ ja gelacht

Meine Lieben,

ich habe schon immer Geschichten geschrieben und Gedichte gemacht. Seit September 2012 kann man bei den Geschichten zurückgehen die im Archiv bereitliegen. Da gibt es viel zu lesen – und es wird euch bestimmt auch unterhalten und gefallen. Und das Luisen-Eck werde ich jetzt auch endlich mal vervollständigen. Und Gedichte stelle ich alle Tage ein – keine Angst. Ich will keinen von euch verlieren.

Man muß sich halt das Leben so angenehm und schön machen, wie es nur geht.

Ich werde mich durch word.press nicht unterkriegen lassen.

Alles Liebe, Lewi

SPLITTRER (55)

Ich habe sie versehentlich gelöscht und hatte sie noch nicht gespeichert. Hu hu heul !!!j

SPLITTER (55)

Schaufensterbummel

Die Zeiten ändern sich – das ist ja nun mal nicht von der Hand zu weisen. Und auch die Ansichten ändern sich. Ganz unbemerkt zuweilen. Der eine sagt: nimm dir ‘nen Schirm mit, wenn Regen angesagt ist, der andere rät: stell dich einfach irgendwo unter. Also, nicht nur die Zeiten ändern sich, die Menschen auch.

Als ich noch Kind war und an der Hand der Oma durch die Leipziger Straße flanierte, oder über den Spittelmarkt in die andere Richtung zum Alex, sahen wir uns stets begeistert und aufmerksam die Schaufenster an. Gegen das grelle Sonnenlicht, daß die Farben der Stoffe und anderer Auslagen schnell erblassen ließ, war an vielen Schaufenstern von innen ein durchsichtiges gelbes Rolleau angebracht, um die Waren zu schützen.

Auf dem Heimweg saßen wir zur Entspannung gern mal auf einer Bank auf dem Dönhoff-Platz oder machten einen kleinen Abstecher zum Hausvogteiplatz. Das war noch eine Zeit, bevor der Ernst des Lebens, sprich Schule, begann. Unterwegs hatten wir uns stets angeregt unterhalten, das heißt, ich fragte der Oma „Löcher in den Bauch“, wie diese Redensart heißt, und ich hörte aufmerksam zu. Es gab doch viel zu fragen, um schließlich auch viel zu wissen.  Dann sagte der Papa beim Abendessen schon mal: „Ja ja, du hörst das Gras wachsen“, wenn ich vom Ausflug mit der Oma erzählte und meine gewonnenen Eindrücke erläuterte.

Inzwischen wurde es Krieg, und durch die aufregende Leipziger Straße mit den schönen Geschäften und Kaufhäusern flanierten (nicht nur) am Wochenende die Offiziere mit ihren Damen. Da gingen wir ziemlich selten nur noch bis zur Friedrichstraße bis Unter den Linden, und dann durch das Brandenburger Tor in den Tiergarten. Ein paar Jahre später, als der Krieg in vollem Gange war, sah man keine dekorierten Schaufenster mehr und verzichtete längst auf einen Bummel, falls einen unterwegs ein Fliegeralarm erwischen sollte und es in der Nähe keinen Bunker oder andere Sicherheitsräume gab.

Nun ja: alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei – während der unmittelbaren Nachkriegszeit war die Welt ziemlich grau und man entbehrte auf jeden Fall Farben. Aber auch diese Zeit ging einigermaßen an uns vorbei – wir überlebten. Mehr schlecht als recht, aber immerhin. Es gab genug Schieber und Kriegsgewinnler, aber auch reichlich, wie immer, die Verlierer. „Augen zu und durch“ war eine gute Parole. Wir lebten nun in Kreuzberg, wo durch die Bomben noch ziemlich viel zerstört, und trotz Aufräumungsarbeiten noch sehr viele Trümmergrundstücke vorhanden waren. Unsere Flaniermeile ersetzte nun der Kottbusser Damm und ein Teil der damals glaube ich noch Bergstraße, inzwischen Karl-Marx-Straße genannten Erlebnismeile. Ein kurzer Teil der Sonnenallee floß ebenfalls mit ein, so wie die Hermannstraße, die wir auch sehr oft frequentierten, um zum Friedhof zu gelangen, auf dem ein Anteil der verstorbenen Familienangehörigen begraben war.

Man wurde älter, langsam veränderte sich das Umfeld, obwohl es noch reichlich Kriegsschäden gab. Und gerne machten wir in den späteren Jahren einen Bummel über die Tauentzien und den Ku-Damm rauf und runter. Da war es hell, da war es bunt, da war es teuer, verlockend und geschmackvoll. Und selbst wenn man wußte, daß man dort niemals dazu gehören könnte oder würde, erfreute man sich an den herrlichen Auslagen, Garderoben, Accessoires, Lederwaren, Schuhen, Restaurants. Da war man noch meilenweit entfernt, bevor man selbst eines Tages, nicht gerade dazu gehörte, aber doch einen kleinen Teil des Kuchens abschneiden konnte. Wir sahen gerne die Schaufenster vom KaDeWe an, träumten von eleganten Garderoben und ahnten, daß wir eines Tages wirklich „erwachsen wären“ und uns vielleicht auch etwas leisten könnten.

Auch die Schaufenster haben sich inzwischen frappant verändert. Es kommt vor, daß man überhaupt keine Lust hat, sie anzusehen. Ich benutze in jedem Falle ein paar Marken, die ich nie gewechselt habe und die in all den Jahren gleichbleibend gut und gediegen sind. Nur ein paar mal habe ich andere „Marken“ ausprobiert. Ich kaufe nie wieder Verpackung. Das muß man auch lernen – und es tut weh. Immerhin, eine ziemliche Zeitspanne ist inzwischen vergangen, und die Vorstellung, wie alles einmal war, ist längst passeé. Wer davon betroffen war, will von der Vergangenheit sowieso nichts mehr hören, und wer die Zeit nicht kannte, erst recht nicht. Und von den betroffenen ist ja wohl auch kaum noch jemand da, der ein Mitteilungsbedürfnis hat. Also, ich hab das auch nicht. Es ist so viel geschrieben worden, kann man alles nachlesen. Ob man alles glaubt, ist wie immer jedem selbst überlassen. Ich lese gerne in den drei Bänden von Tausendundeine Nacht. Da sind wirklich 1001 Geschichten erzählt. Aber ehrlich – ich   g l a u b e   davon nicht eine. Eben. Es sind ja Geschichten.

Vor einigen Tagen kam ich etwas spät von einer Verabredung zurück und wollte zur U-Bahnstation Richtung Rudow. Dann kann ich ganz bequem umsteigen. Es war noch nicht so richtig finster und in den Schaufenstern des Kaufhauses brannte Licht. Na bummel ruhig, ist ja noch nicht so spät, dachte ich und trottete gemächlich an den Schaufenstern vorbei. Schöne Dekorationen. Camping-Motive, tolle Ausrüstungen, Anglerparadies, passene Kluft und Netze aufgespannt mit Fischen darin. Urlaub am Meer, Seesterne, Segelboote im angedeuteten Hintergrund. Fröhliche Kinder, zum Teil im Sandkasten, mit allerlei Freizeit Gestaltungsmöglichkeiten. Kleinkinderausstattungen mit allen nur erdenklichen Schikanen. Eine Wohlstandsdokumentation, ohne Frage. Dann bog ich um die Ecke in die schmalere Straße, und da waren die fleißigen Dekorateure noch am Werk. Die Fenster waren nicht verhangen, nur zwei oder drei.

Man war dabei, auch für die Erwachsenen interessante Eindrücke zu vermitteln, um die Passanten zum Kauf zu animieren. Zum Beispiel mit Strandleben. Ein braungebrannter Adonis mit Kurzhaarschnitt und ordendlich Muskeln lehnte sich in einer superknappen Badehose an den Erfrischungsstand und trank wahrscheinlich einen Zitronensaft. Eine elfenzarte Nixe im besonders sparsamen Bikini strahlte ihn an und streckte die Hand aus, da der Mixer hinter dem Erfrischungsstand gerade einen neuen Drink fabrizierte. Na ja, noch einige Situationen wurden in den einzelnen Schaufenstern demonstriert und machten doch tatsächlich Laune auf Urlaub.

Die letzten beiden Schaufenster waren nicht verhängt. Die dachten betimmt nicht daran, daß dort noch jemand um diese Zeit vorbeikommen würde. Einige Torsi, männlich oder weiblich, lagen am Boden, in einem Karton lagen verschiedene Köpfe, Kahl, die später bestimmt „Frisuren“ übergestülpt bekamen. Im Hintergrund übereinander gelegte Plastik- Körperteile. Arme, Beine,  und auch noch ein paar Köpfe, Plastiktüten, Leitern, Kartons, Füllmaterial -und dazwischen turnten ein paar Dekorateure umher,  wahrscheinlich, um sich nun etwas Neues auszudenken. Zunächst fand ich diese Situation absolut erheiternd, und wir lächelten uns durch die Schaufensterscheibe zu.

Die jungen Dekorateure und Dekorateurinnen kasperten mit den Utensilien herum und ich mußte lachen. Aber plötzlich schüttelte es mich und mir wurde eiskalt auf dem Rücken. Ich setzte mich auf dem leeren Bahnsteig auf eine Bank und wartete auf den passenden Zug. Ja, so war es. Das war eine plötzliche Erkenntnis, die mich das Grauen lehrte. Denn im Hintergrund wirkten die Zertörer, die Gefühllosen, die Macher. Sie entschieden, wer oder was von den ganzen noch für eine Daseinsberechtigung verbliebenen Resten auserkoren wird, im Schaufenster zu stehen und etwas nach aussen zu transportieren. Aber was hinter dem Vorhang passiert – das wissen wir nicht, und wir dürfen es ja auch nicht wissen. Wir werden es nicht wirklich erfahren und die meisten Menschen wollen überhaupt nichts erfahren. Man will leben. Im Schaufenster stehen. Vorne. Aber da ist kein Gott zuständig.Der ist an Dekorationen nicht interessiert. Aber es ist wie es ist. Und wir bemerken es nicht. Oder wollen nicht….

Aus den einzelnen genannten Gründen hängt man schon seit ziemlich langer Zeit beim dekorieren die Schaufenster zu. Wir stehen vor dem Fenster, die fremdbestimmten und ausgewählten stehen hinter dem Fenster, und die Macher bleiben gewöhnlich im Hintergrund.

Schaufensterbummeln ist längst aus der Mode gekommen. Und außerden: ich finde, man bummelt heutzutage gar nicht mehr. Man latscht…..

SPLITTER (54)

SPLITTER (54)

Ordnung ist das halbe Leben – (und die andere Hälfte?)

Manchmal denke ich, meine Bücher reden zu mir und sagen: „Ja, was is denn – willste nich endlich mal wieder reinschau‘n?“ Also das stimmt ja, aber dichten, schreiben, lesen, unterhalten und zuhören – ? Heute wollte ich nun endlich wieder einmal produktiv werden, aber seit heute früh, Viertel vor 7 Uhr, laufen diverse Baumaschinen auf der gegenüberliegenden Seite. Der Sonnenschein ist leider schon verschwunden, es wird bereits wieder finster. Ich habe mir für heute sowieso Arbeit verschrieben. Hausarbeit, Balkon, Wäsche, Ordnung – und schreiben und dichten. Na ja, mit Kaffee kochen habe ich schon erst mal begonnen, eine Schrippe eingeweicht für nachher Bouletten machen. Ach, und die langen Hosen in den Schrank (schön auf den Bügel gehängt) und ebenso zwei leichte Sakkos, schon ist es auf der Flurgarderobe wieder übersichtlich. Zwei Jacken hängen da noch rum. Und der Müll kommt morgen runter. Gut, wa?

Es sind ja ziemlich turbulente Zeiten, in denen wir leben, so daß man auf   jeden
Fall in bestimmten Angelegenheiten nicht so auf dem laufenden ist. Da kann ich
dann immer meinen Spruch: :“Mir sagt ja keiner was, ich bin ja nur die Mutter!“
anbringen und löse auf der Stelle eine wütende Reaktion aus.  Dann  ist  der Sonntag Nachmittag schon erst mal gerettet, und ich stelle intelligente Fragen, die meistens kopfschüttelnd unbeantwortet bleiben und dann spielen wir alle mit dem kleinen Hundchen.

Irgendwie fehlt mir zur Zeit sowieso der nötige Ernst. Ich bin nicht dazu aufgelegt, tief schürfende Themen zu überdenken und mich dazu zu äußern, weil ich eine ziemlich alberne Phase habe. Ich kann das ganze Leben und die ganzen Zeitgeschehen einfach nicht mehr mit dem nötigen Ernst betrachten. Ich kann nur denken: immer macht man weiter so, ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt.

So, das war es für heute. Nur ein kleiner Zwischenbericht. Ich muß erst wieder Ordnung in meinem Gehirn  schaffen. Aber dann – schreibe ich Euch was !!! Also, Kritik finde ich gut, Belehrung auch, besonders gewonnene Erkenntnisse, bloß so Oberlehrer-Attitüden ohne entsprechendes Hintergrundwissen -das mag ich gar nicht. Ist aber allgemein oft in Gebrauch. Ach, was sind wir doch für schlimme Finger! Augen auf – schadet vielleicht nicht so sehr……

Bis die Tage, LEWI

Schwierigkeiten

Schwierigkeiten

Mein Gott, ich bin ja nicht mehr die Jüngste. Immerhin. 81.
Aber mein Gehirn hat doch bis jetzt immer noch ganz gut
funktioniert; und ansonsten auch noch sonst noch alles ganz gut.
Gottseidank.

Aber anscheinend läßt es jetzt rapide ab, weil ich die neueste
Wordpress-Variante eigentlich nicht begreife. Wenn da bei
einem Blog, denen ich folge, z.B unter einem Foto steht,
„Lektüre 1 Sekunde“ oder „Lektüre „1Minute“! ? Also, manche
Fotos, z. B. von Alois der Stefan und noch von einigen anderen
schaue ich manchmal ziemlich oft und auch länger an, um
Einzelheiten wahrzunehmen.

Also, Lektüre? Na ja. Muß ich jetzt die Minuten korrigieren
oder kann ich einfach schummeln und sagen “War ja nur eine Minute.“
Bei manchen sind sogar nur Sekunden angezeigt. Also drei Sekunden
sozusagen für den Storch im Salat. Bei einigen k ö n n t e ja auch
stehen: „Einfach wegsehen, 0 Sekunden“ Und werden meine Minuten,
Sekunden und weitere Zeitangaben gesammelt? Wo habe ich zu
lange hingeschaut und wo nicht lange genug?

Und was bedeutet die Aufforderung „Forum ansehen?“ Was habe ich denn
gewöhnlich angesehen? Ach so, die meinen. Wenn ich da rauf tippe? Oder?
Was bedeutet „Webseite blockieren“. Warum denn dieses? Ich habe
noch nicht geforscht, was dann passiert –

Am schärfsten ist ja „Diesen Beitrag melden!“ Wo, bei der STASI?
Ich denke, die existiert gar nicht mehr. Wie im Gedicht „Finstere Rache!“
Wenn ich einen von Euch nicht leiden kann oder nur mal eins
auswischen will: ZACK – mach ich einfach ‘ne Meldung.

Dann folgt da noch eine große leere weiße Seite, rechts oben 5 Sternchen*****
links oben ein Pfeil und eine diskrete Namensnennung (des Bloggers?)

Ich hänge so sehr an meiner Schreiberei und die ganzen letzten Jahre
waren mir nach meiner schweren Krankheit eine große Freude und
seelische Stütze -aber WordPress wird in großem Tempo immer – na, ja,
Intelligenz wird eben sparsam verteilt…

Ja da legst di nieder…. (Wenn Du denkst, die Welt geht unter….)

Ja da legst di nieder….1

Am vormittag wurde es dunkel, dann wurde es finster,
dann wurde es rabenschwarze Nacht. Und gegen späten
Nachmittag wurde es langsam wieder hell. Und jetzt sind es 18 Grad,
da hat man noch eine schöne Abkühlung zur Nacht. Denn morgen
wird es wieder heiß und täglich heißer.

Aber die Sonne hat ihren Standort gewechselt. Sie scheint jetzt von
der gegenüberliegenden Seite. Bevor ich an meinem Verstand zweifle,
wollte ich mal herausfinden, ob das überhaupt sein kann. Bin ich
denn schon so verwirrt? Komisch, daß überhaupt kaum ein Mensch
sich über solche Dinge Gedanken macht.

Aber ich bin nicht plem plem. Die Sonne wird bis zum Jahresende
die magnetischen Pole wechseln. Die NASA Wissenschaftler haben herausgefunden, daß die magnetischen Pole der Sonne innerhalb der nächsten drei
Wochen ihre Plätze tauschen werden. Es wird betont, daß dies eine
normale Erscheinung sei. Die Sonne wechselt den Süden und
Norden etwa alle elf Jahre.

Der Polenwechsel der Sonne beeinflußt das Magnetfeld der Erde: es kommt zu zahlreichen magnetischen Stürmen und die Anzahl von Polarlichtern steigt.

Die magnetischen Stürme können zu Betriebsausfällen im
Kommunikationssystem und Verschlechterung des Gesundheitszustandes
von Menschen führen.

Zur gleichen Zeit schützen solche Störungen an der Sonne die Erde vor
gefährlicher kosmischer Strahlung, die in der Galaxie bei Explosionen von Supernovae und anderen Raumkatastrophen ansteht.

Quelle: Sonne-wird-bis-zum-Jahresende-magnetische-Pole-wechseln

So, nu wißt‘er schon erst mal wieder alle Bescheid, ne?
Nicht, daß sich da einer vielleicht wundert. Ach nee, die Befürchtung hab‘ ich eigentlich nich. Aber dasset auf einmal duster war, das haben‘se ja bemerkt.

Bleibt mir gewogen – LEWI

SPLITTER (53)

Die Zeit, in der wir leben

So lange ich denken kann, habe ich mich überwiegend mit Geschichte beschäftigt. Einmal aus naheliegenden Gründen wegen der einige Jahrhunderte umfassenden Familiengeschichte, zum anderen weil ich wißbegierig war und Abenteuer schätzte, und weil mein Vater mir immer Bücher kaufte. Und weil ich über das Gelesene auch mit meiner Großmutter und mit meinem Vater diskutieren konnte. Mit meiner Mutter konnte ich auch einige Dinge erörtern; ihr fehlte nicht das Interesse, aber die Leidenschaft. Und die packte mich eigentlich von Anfang an. Nicht gezielt auf ein bestimmtes Thema: am liebsten hätte ich alles gewußt. Ich glaube, ich bin manchmal meiner Umgebung ziemlich auf den Wecker gefallen bevor ich merkte, daß, auch in späteren Jahren, eigentlich so gut wie niemand meine Leidenschaft teilte.

Der Mensch hatte wahrhaftig kein angenehmes Leben und war ständig in Gefahr. Er lag die meiste Zeit in Fehde mit den Nachbarn und im Laufe der Jahrtausende und der Jahrhunderte gab es auf dem Globus ständig Kriege, die mehr oder weniger menschliche Verluste erforderten. Mord und Totschlag war ja nicht so ungewöhnlich; aber ich sag mal, es konzentrierte sich meistens auf bestimmte Regionen, wenn sich wieder eine neue Hölle auftat. „Einer ist immer dem anderen sein Deibel“ Hat mein Vater weise ausgesprochen. In den verschiedenen Kulturen ging es ja auch nicht immer unbedingt sehr friedfertig zu, und es gab auch Gegenden, wo man durch wilde Tiere recht oft in Bedrängnis kam. Man kämpfte um alles mögliche; um Weideland, um Mineralien, um Erze, um Frauen, um Macht – .Kurz gesagt, der Mensch zeigte sich nicht unbedingt vom seiner besten Seite. Aber nun war er einmal da und mußte mit sich leben. Da hatte man ja auch die abwegigsten Methoden, mal mehr, mal weniger erfolgreich angewandt. Und natürlich entwickelte man auch allerhand Gerätschaft, um dem „Feind“ mal so richtig weh zu tun, oder ihn eben gleich abzumurksen.

Ich will ja keinen Geschichtsunterricht erteilen, sondern nur darauf hinweisen, daß ein friedliches Miteinander auf diesem Planeten vielleicht erstrebt, aber niemals erreicht wurde. So war man eigentlich dem Schicksal ausgeliefert, denn wo es einen hinstellte, da mußte man es eben schlecht und recht ertragen. Es hat viele blutige Kriege gegeben und viele Menschen haben mit dem Leben bezahlt. Hinter das Geheimnis des Lebens ist noch niemand gekommen. Aber in all den vergangenen Zeiten war letztlich immer der Mensch des Menschen Feind und hat ihm so gut es ging größtmögliche Pein verschafft. Aber mir ist nicht bekannt, daß sich die Menschheit in all den vielen Tausend Jahren je in diesem Maße an der Natur vergriffen hat.

Er hat Raubbau in gewissem Maße betrieben, als viele Wälder abgeholzt wurden um weltweit die Dampfschiffe mit Feuerholz zu versorgen und bestimmt noch viele Sünden begangen, die der Natur abträglich waren. Aber was der Mensch von heute, dem man ja nun ein gewisses Maß an Intelligenz zubilligen sollte, mit der Natur macht, ist schädlich und sträflich und gewissenlos. Es zeigt zumindest, daß ihm diese Erde nicht allzu viel bedeutet. Daß mit Gewalt in immer schnellerem Tempo so viel zerstört wird, ohne darüber nachzudenken. Ich finde, man sollte sich über solche Nachrichten wirklich mehr Gedanken machen. Irgendwann in nicht allzu ferner Zeit wird diese Erde vielleicht nicht mehr bewohnbar sein. Das sollte sich jeder vor Augen führen. Möglicherweise ist die Erde eines Tages mit ihrer Behandlung nicht mehr einverstanden.

Früher habe ich immer gedacht, die Erde hat auch ein Gedächtnis – sie hat ja schon große Ströme aus ihrem Bett geworfen und wo anders wieder erstehen lassen. Kann ja sein, ihre Geduld ist bald zu Ende. Man könnte ihr ja mal paar Vorschläge machen……