Eines schickt (eignet) sich nicht für alle

Nach dem Kriege hatte es uns eine Weile durch die Bezirke gescheucht, bis wir dann in Kreuzberg landeten und da auch eine Weile gewohnt hatten. Man gewöhnt sich an alles, und so schlimm war es gar nicht, denn da wohnten eine Menge ziemlich nette Leute
und auch alles noch Berliner. Ur – zum Teil. Und da wußte man auch immer gleich, um was es geht und woran man ist.

Alles war ja auch nicht so gut, aber das lag nicht an Kreuzberg, sondern an den zum Teil noch ziemlich verkleisterten Ansichten, die sich erst in späteren Jahren allgemein gelockert hatten. Aber sonst…..!

Zur Zeit der folgenden Geschichte hatte ich einen Bruder, und der
Bruder wohnte auch bei uns zuhause und hatte ein Auto. Und das ist wichtig, weil man sich da doch teilweise etwas luxuriöser und auch bequemer fortbewegen kann. Von einem Ort zum anderen, sozusagen. Wovon wir ja auch sehr gerne und relativ oft Gebrauch gemacht hatten. Und nicht zu verachten, der Neid der autolosen Mitmenschen. Je nach Charakter, Neid oder Bewunderung. Letzteres kam aber nicht allzu oft vor. Aber es kam…

Unser Vater war tot, unsere Mutter führte das Regiment mit eiserner
Energie (ich habe dir ja schon immer gesagt – wie oft soll ich das denn noch sagen – hättest du lieber gleich auf mich gehört – zu meiner Zeit war alles ganz anders – das hätten WIR uns nicht erlauben dürfen), mein Bruder hatte trotzdem seine Lehre beendet
und hatte einen Führerschein und einen Opel, und ich hatte zwei kleine Kinder.

Na jedenfalls, an einem schönen Sonntagmorgen entschlossen wir uns, ins Bad am Columbiadamm zu fahren. Zu dieser Zeit muß aber
das Wetter noch von der entsprechend zuständigen Stelle ordnungsgemäß nach Jahreszeiten auf uns gekommen sein, denn es war Juli, sonnig und heiß, und das sogar über längere Zeiträume
hinweg, wie es sich eben so gehört. Sommer ist Sommer hieß die Devise, und man konnte oft nachts nicht schlafen, weil es trotz geöffnetem Fenster so heiß war. Meistens lag man unbekleidet nur auf der Matratze und deckte sich mit dem Laken zu, und das empfand man schon als eine Last. Nun ja. Damals war‘s….!

Ich hatte schon einen leichten Sonnenbrand und saß auf dem Rand des Beckens, und mein Bruder zog eine Bahn um die andere, und bevor er wieder wendete, sagte er bewundernd: Du hast ja eine Haut wie eine Spanierin. Na, das ging runter wie öl, denn ich bin hellhäutig und neige zu Sommersprossen. Ich nahm die Sonnenbrille ab, damit ich nun gut im gleißenden Sonnenlicht meine unerwartete Schönheit bewundern konnte, aber als der Schwimmer wieder auftauchte und mich ansah, sagte er leicht abfällig: deine Augen sehen ja aus wie
Zwiebeln. „Wie Zwiebeln????“ „Ja, gelb!“

Also machten wir uns langsam auf den Heimweg, denn ich hatte eine Gelbsucht bekommen. Nix mit Spanierin, obwohl mein goldenes Blondhaar inzwischen schwarz gefärbt war, denn mein Bruder wurde Friseur und ich ich war sein Modell bei Schaufrisieren und bei Lehrgängen in den einschlägigen Firmen, die die einzelnen Produkte
herstellten, mit denen man die Verwandlungen mit Erfolg herstellen
konnte.

Unsere Mutter nahm Abweichungen vom gewöhnlichen Zeitablauf immer sehr ungehalten auf und nachdem sie sich nun von meinem Aussehen überzeugt hatte, ging sie in die Küche und sprach mit sich selbst: “Daß das nun wieder hat kommen müssen, als ob man nicht schon genug durchgemacht hat. Ich habe doch wieder das ganze Leid zu tragen.“ Insofern hatten wir es eigentlich sehr gut zuhause. Wir hörten uns immer geduldig die Vorträge an und lebten unser Leben und keiner von uns beiden trug das Leid, das trug Mama.

Nachdem am Montagmorgen die Nachbarin und die Frau in der Reinigung von allem unterrichtet wurden, welche „Päckchen“ meine Mutter nun wieder zu tragen hatte, kam sie mit der Anschrift eines guten Arztes in der Wrangelstraße an mein Bett und scheuchte mich, denselben sofort aufzusuchen. Was ich auch folgsam tat, nicht ohne vorher mein Bübchen im Kindergarten abzuliefern. Der Arzt war nett, jung und gut aussehend und ein wohltuend ruhiger Typ. Seine Helferin war bereits in den Fünfzigern und machte einen ziemlich resoluten Eindruck. Man konnte beinahe meinen, sie hätte ihn unter der Fuchtel.

Also, ich hatte eine Gelbsucht, bekam ein paar Anweisungen und ein Rezept, und mußte alle Vorschriften genau und gewissenhaft befolgen. Ja mache ich. Und in vierzehn Tagen wiederkommen.
Und der Doktor meinte auch, ich solle mal lieber die Sonnenbrille auflassen, denn ich sehe furchterregend aus. Also, von Spanierin nicht einen Mucks.

Nach vierzehn Tagen machte ich mich wieder auf zum Arzt, diesmal mit weißen Augen ohne Sonnenbrille. Aber, wer will das heutzutage noch glauben! Es war noch immer Sommer und ich trug ein luftiges Kleid und Riemchensandalen. Und hatte meinen kleinen Sohn dabei. Na, die Schwester war begeistet und scherzte mit dem Knaben. Damals waren die Wartezimmer auch noch nicht so gerappelt voll. Anscheinend waren die Leute durch die sparsamen Jahre gesünder. Nicht so vollgefressen und nervös und überfordert.

Die alten Häuser trugen auch noch viele Narben vom Krieg, und öft waren sie ziemlch baufällig und beschädigt. Am Haus vom Doktor fehlte stellenweise der Putz und auch sonst war es eine ziemliche Bruchbude, wie viele Häuser in dieser Straße und überhaupt in dieser ganzen Gegend. In der ersten Etage, am Sprechzimmer des Arztes, gab es eine kleinen baufälligen Balkon mit einem schönen Eisengeländer. Von der Unterseite des Balkons fiel schon gelegentlch den Passanten mal ein bißchen Putz auf den Kopf.
Eine Doppeltür führte vom Sprechzimmer des Arztes auf den Balkon, und jetzt im Sommer stand die Tür immer offen, damit frische Luft hereinkam. Na, frisch war sie nun gerade nicht, und riechen tat sie auch nicht besonders gut.

Ich bekam noch ein Rezept, ein paar gute Ratschläge und Verhaltensmaßregeln, und da riß sich mein Knabe von der Hand und flitzte auf den Balkon und rüttelte ein bißchem am Gelänter. Die Schwester erbleichte, riß die Hände vor‘s Gesicht und rief mit erstickter Stimme “Kind, Kind – komm sofort zurück. Der Balkon
steht unter Absturzgefahr!“ Das Kind kam brav zurück. Aber nun erbleichte der Doktor. „Schwester, ich stehe jeden Mittag auf dem Balkon und rauche meine Zigarette. Das haben Sie mir noch nie gesagt.“ „Sie sind ja auch erwachsen!“ gab sie ihm ziemlich patzig zur Antwort

Die Praxis befand sich in der ersten Etage. Also, ganz so schlecht waren die Chancen nicht…! Und das Bethanien-Krankenhaus nur einen Steinwurf entfernt…!

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