Luisen – Eck (5)

eDer Himmel war inzwischen dunkelgrau, und dicke, fast schwarze Wolken sorgten für ein ansprechendes Muster. Ein kurzer Blick nach oben signalisierte: ,Leg mal‘n Zahn zu, sonst schaffst du es nicht, trocken nachhause zu kommen‘. Na, so sechs bis acht Minuten wird es ja wohl noch klappen, bevor sich die Schleusen öffnen. Aber sie öffneten sich unerwartet und sofort und auch alle auf einmal. Mit wenigen Schritten erreichte ich die Eingangstür des Luisen-Ecks. Ich war nicht nass, ich war aufgeweicht. Es ging so schnell – es war, als hätte ich ein paar Eimer Wasser über den Kopf bekommen. Mengenmäßig haute es sogar ungefähr hin.

„Mädel, wie siehst du denn aus!!! Wie eine nasse Ratte!“ „Danke für das Kompliment“ brabbelte ich vor mich hin und schielte vorwurfsvoll auf Bernhard, der am Stammtisch saß und heiße Würstchen verputzte. „Komm mit.“  Der Schöne Ottokar (der liebe Otti) nahm mich an die Hand und führte mich zu Luise in die Küche. „Ach Gott“ sagte sie entsetzt und hielt sich die Hände ins Gesicht. Aber dann setze sie mich auf einen Stuhl, nachdem sie die Decke, die Otti brache, um mich wickelte und die nassen Sachen, die ich ausgezogen hatte, über einen Stuhl warf. Dann rubbelte sie mir die Haare trocken und stopfte Zeitungspapier in meine völlig aufgeweichten Schuhe. Mir kamen die Tränen. „Weinst du etwa?“ fragte sie mich. „Nein“ sagte ich, „ich find‘s ja furchtbar komisch.“

Ottokars Nichte Magdalene, genannt Lenchen, war heute hier um bißchen zu helfen, aber außer jetzt mir und ein paar Stammgästen, denen das Restaurant fast Heimat war und die sowieso immer hier waren, war nichts los. Ein paar Blitze zuckten so hell, daß man sie durch die  zogenen Gardinen sah. Beängstigend. Ein paarmal krachte es gewaltig. „Jetz hat et irjendwo injeschlagen – janz in de Nähe, vermute ick ma. Na, wer‘n wa bestimmt morjen erfahren.“ Opa Schumke nickte zur Bestätigung seiner Vermutung mehrmals mit dem Kopf. Bald darauf hörten wir  die Feuerwehr.  „Seht‘a, Habe ick soeben profeßeit!“

Lenchen hatte heiße Brühe gemacht und mir eine große Tasse davon hinhingestellt. „Sonst erkälteste dich noch“ lächelte sie. „Und so‘n oller Schnuppen is ja nu ooch nich grade das richtige. Trink ma, solange es noch heiß is, das tut gut!“  „Seid ma‘ stille“ sagte Otti und neigte den Kopf zur Seite, um besser hören zu können. „Hört ihr nischt? Es klopft doch. Wo klopft es denn. Is eener abjesoffen?“ Das Klopfen verstärkte sich. Es trommelte inzwischen. „Das is doch an der Hintertür“ sagte Luise energisch und machte sich auf den Weg zum Hinterausgang. Nach kurzer Zeit später betrat sie mit einem Rattenschwanz Personen hinter sich den Schankraum. „Müllers bitten um Asyl“ sagte Herr Müller und sah Otti verschämt von unten herauf an. „ Die Blitze und das Donnern haben die Kinder geweckt und es war bei uns oben wirklich so unheimlich – Mann, Mann Mann, ick hatte selber inzwischen ooch Angst. Dit is ja wie im Kriech. Isset wohl ooch. Nu sind wa erstma hier und nich so alleene.“ Herr Müller sank auf einen Stuhl und tastete sich ab, ob er irgendwo eine Zigarre im Röhrchen deponiert hatte. Hatte er leider nicht,  „Hier wird jetz nich die Luft verpestet. Wehe, det wagt eener.!“ Luise blickte zornig in die Runde.

Um den Stammtisch hatte schon mal eine große Runde Platz genommen, und Lenchen hatte für alle Kaffee gekocht. „Wollta‘n Stück Nappkuchen, selbst jebacken, oder lieba ne Wurststulle? Oder lieba mit Keese?“ Für Müllers Kleinste hatte man auf einem Billardtisch ein bequemes Bettchen gebaut, und nach einer Tasse warmer Milch und Zwieback schliefen die Beiden wie zwei kleine Engel. Die beiden „Großen“ sahen mich erwartungsvoll an.  „Erzählste uns was?“ „Was!Ich???? Wie kommt ihr denn darauf.?“ „Wegen dem Herrn Bernhard. Der hat jesacht, wenn se sich erholt hat quatscht se wie ein Wasserfall. Ohne Punkt und ohne Komma. Aba immer interessant. Denn isse nich zu bremsen. Mutich, mutich – fracht se doch einfach. Die macht det. Hatta gesacht. Denn is die olle Gewitternacht nich mehr so schaurich. Erzählste uns nu wat?“

Nach einem kurzen Blick zur Decke setze ich mich im Billardzimmer an den kleinen Tisch, die beiden Kinder gesellten sich dazu. Bernhard nahm sich den vierten Stuhl. „Was willst du denn hier“ frage ich unmutig.  „Ja“ fragen die Kinder, „was willst du denn hier!“ „Na zuhören. Det wird sicher spannend. Mir alleene erzählte doch bloß Stuß!“

Leider habe ich keine Schuhe an. Den Tritt ans Schienbein hat er hoffentlich nicht als zärtliche Berührung eingestuft. Inzwischen haben wir alle vier ein Getränk vor uns, und nun frage ich: „Was soll ich denn erzählen. Was wollt ihr denn hören?“ „Na wat von früher. Wie es so war und so. Nischt mit Jespenster oder so. Und ooch keene traurije Geschichte. Eben – na du weeßt schon. ne Geschichte eben-“  “ Na gut. Mein Vater hat sie mir leider viel zu oft erzählt, als ich noch klein war.  Er kannte sie schon,  als er selber noch kein war.“ Ich machte ein ernstes Gesicht und hub an:  „Es war einmal ein Mann, der hatte sieben Söhne. Und die sieben Söhne sprachen: Vater, erzähl uns mal eine Geschichte! Da fing der Vater an: Es war einmal ein Mann, der hatte sieben Söhne. Und die sieben Söhne sprachen: Vater, erzähl uns mal eine Geschichte! Da fing der Vater an…….

Die Kinder waren mit dem Kopf auf den Armen am Tisch eingeschlafen. Es war ja auch ein langer und aufregender Tag. „Wenn deine Klamotten trocken sind, bring ich dich nachhause, du hinterhältiges Frauenzimmer“ sagte Bernhard. „Aber vor der Tür machst du kehrt“ antwortete ich.  Was gab’s denn da zu grinsen!

 

 

 

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