Luisen – Eck (6)

Es kommt ja vor, daß man manchen Menschen täglich begegnet, obwohl sie ganz wo anders wohnen. Und manchmal trifft man die Leute aus der Nachbarschaft seit ewig  nicht. Sie sind einfach zu anderen Zeiten an- beziehungsweise abwesend. So kam es eben zu einer ungewöhnlichen Begegnung, als ich ausnahmsweise mal im Sturmschritt unterwegs war, daß ich mit einem Mann zusammenstieß der die Auslagen des kleinen Uhrengeschäftes betrachtet hatte und nun ebenfalls etwas unerwartet schnell sein Studium beendete und auf eine junge Frau zuging, die aus dem Frisiersalon kam. „Das hat ja gedauert…“ hörte ich ihn brabbeln. Ich nahm die junge Frau in Augenschein – offensichtlich so intensiv, denn er sah mich feindselig an. Aber „Regina“ stieß mit einem Lächeln nur ein kurzes „Mensch“ aus, fiel mir um den Hals und drückte mich.

Sie stand vor Freude auf einem Bein, das andere wollte sie mit Schwung anwinkeln und ließ es nach oben schnellen, so daß ihr ganzes Gewicht nun auf mir lastete. Just in diesem Augenblick ging eine ältere Frau mit ihrem Hund an der allseits bekannten Endlosleine spazieren. Reginas hervorschnellendes Bein hatte dem „Carlos“ offensichtlich einen Tritt versetzt. Dieser war selbstredend erschrocken, als aus dem Nichts ein Fußtritt kam und jaulte zum Herzerweichen. Das Frauchen war stehen-geblieben und beteiligte sich temperamentvoll an dem sich entwickelnden Gespräch, welches ich hier aus Platzmangel nicht wiedergeben möchte.

Der Herr, der auf Regina gewartet hatte, schaute und hörte irritiert der lebhaften Unterhaltung zu. Inzwischen waren auch ein paar Fußgänger stehen geblieben, teils amüsiert, teils irritiert. Ein paar Schüler hatten sich dazu gesellt und lauschten. Ein grauhaariger Mann sagte mit gutmütigem Lächeln; “Hört jut ßu Jungs. Hier könnta euern Sprechschatz erweitern…..!“  Ich weiß auch nicht, wie er das gemeint hat.

Siegreich aus der Straßenschlacht hervorgegangen, stellte Regina ihren zukünftigen Mann vor, der vermutlich aus einer anderen Galaxie stammte und unter angeborenem Kopfschütteln litt. Ich hoffte sehr in Reegina‘s Interesse,  daß er sich seine zukünftige Frau nicht in dem Kaff suchen wollte, wo er möglicherweise herkam.  Vor vielen Jahren hatte ich in dem Haus gewohnt, in welchem sie mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter wohnte. Da beide Frauen berufstätig waren und ich meine Arbeit auch oft nachhause mitnahm, verbrachte sie die Zeit zwischen16 bis 18 Uhr öfter mal bei mir. “Kannick rinnkomm?“ „Na klar. Komm rein. Hast du noch Schularbeiten zu machen?“

„Nee. Habick schon. Sollick ‘n Buch lesen oda erßählste mir wat? Oder soll ich lieba pußzelln?“ „Was willste denn selbst?“ „Weeß nich – erßzähl mir wat.!“ Die kleine süße Göre, die ich das letzte mal wohl sah, als sie fünfzehn war, grinste von einem Ohr zum anderen. „Das ist Ricci!“ Stellte sie mir ihren Begleiter vor. „Ricci ist nicht aus Berlin.“ „Kind, das habe ich auch nicht vermutet!“ antwortete ich heiter.

 

„Ich möchte gern mal ins Luisen – Eck. Ich habe gesehen, daß es noch existiert.

Sind es noch die alten Wirtsleute, von denen es betrieben wurde? Es hat sich ja auch hier in der Gastronomie so allerhand geändert…!“ Ich schaue sie verblüfft an, Regina, eine erwachsene Frau, aufgeweckt und intelligent. Das war sie ja als Göre auch schon. „Ich werde mal das Gelände sondieren“ sage ich. „Dann schleppe ich euch rein ins Luisen.Eck. Aber erst werde ich mal erkunden…“  „Wat da wieders für Orjelfeifen rumhängen!“ „Omas Worte.“ lacht sie.

 

Ricci, fast wortlos im Schlepptau, folgt uns. Jetzt hat er Regina bei der Hand genommen. Er arbeitet in einem Ingenieurbüro, Hoch- und Tiefbau. Ein netter, ruhiger Mann.  „Gesichertes Einkommen. Bis jetzt jedenfalls“ raunt Regina mir zu. Er stammt aus Ratzburg. Inzwischen habe ich „das Gelände“ sondiert. Luise, der schöne Ottokar mit Quetschkommode, Lenchen und ein paar Leute, die ich nicht kenne, haben sich am Eingag versammelt, und Otti singt und spielt: „Müde kehrt ein Wandersmann zurück, in die Heimat, seiner Liebe Glück…..“

„Otto Otto, dein Reppertoar is ja in Ornung, aber watteimma aussuchst – na ick weeß nich..!“ „Na, wenn de‘s nicht weeßt, denn halte die Klappe“ sagt Luise giftig. Es wird sicher wieder sehr unterhaltsam zugehen im Luisen-Eck.  Man wird sich auch viel zu erzählen haben. Ich gehe jetzt erst mal nachhause. Für Sonntag sind Regina und Ricci zu mir eingeladen, da können wir dann nach Herzenslust quatschen.

Ich entferne mich langsam. „Wo willst du denn hin?“ fragt Otto.

„Nie sollst du mich befragen….“ antworte ich.

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