Luisen – Eck (8)

s„Das geht nicht mehr so weiter…“ hatte Luise eines Tages energisch gesagt. „Ab nächste Woche ist montags Ruhetag. Dit kann auf Dauer nich unser Leben sein. Mein eigner Mann kommt mir inzwischen wie‘n Fremder vor und ick bin immer abjespannt, müde und zickich. Det jeht nich. Nee, dit jeht einfach nich..!“ Frau Fränkel hielt inne, den Schankraum zu reinigen und schob geräuschvoll die Stühle hin und her. „Denn müssen se eben nicht alles alleene machen wollen Frau Luise, denn müssen se ebend Personal einstellen. So schlecht jeht doch der Laden nich, det se sich det nich leisten können.!“  „Ja und? Glauben Sie, man kann einen Tag frei machen und den Laden einem anderen überlassen?“ „Wat ick glaube interessiert doch janich. Und denn würde ick mir von mein eijenen Jatten nich Thusnelda rufen lassen. Und  denn noch vor alle Leute. So schön issa ja nu ooch wieder nich, ihr Ottokar.“

„Ach, was wissen Sie denn..“ brummte Luise vor sich hin. Tränen stiegen auf und sie zog ein paamal die Nase hoch. „Wie man sich bettet so schläft man“ mußte Frau Fränkel noch anmerken.  „Meine Thusnelda sagt der Mann zu seine eigene Frau. Nee, also wirklich.“  „Ick bin stolz wenna mich Thusnelda ruft, sie unjebildete Person. Sie wissen doch nichma, wer Thusnelda war!“ „Klar weeß ick det, sie injebildete Person. Eene Kommikfijur isset. Und da sindse stolz druff? Naja.!“

Luise saß in der Küche auf dem Stuhl neben dem Kühlschrank, hatte den Kopf  dagegen gelehnt und weinte leise vor sich hin. Lenchen schlich geräuschlos hin und her und verrichtete die gewohnten Arbeiten. Dann entfernte sie sich leise und ging  auf die Suche nach Ottokar, der am kleinen Tisch im Billardzimmer saß und sich Prospekte von Musikinstrumenten ansah, speziell von Akkordeons. Im großen Zimmer stand seit ewigen Zeiten ein verstimmtes Klavier, dessen Deckel noch immer geschlossen war, weil kein Mensch wußte, wo sich der Schlüssel befand. Lenchen lächelte ihn ein bißchen traurig an. „Kommste mal?“ „Was is los, Kleene. Is dir die Petersilie verhagelt?“ „Nee nee, mir nich. Aber Luise hat janz schön Kummer, glaube ich. Kommste mal?“ So schlimm isset?“ Otti  schüttelte den Kopf, stand auf und trottete hinter Lenchen her. „Was hat se denn, meine Thusnelda?“ „Otti, du bist nich Arminius, du bist Ottokar.!“ „Na und? Det is keen Grund um traurich zu sein. Mann is Mann -na ja. Nicht ganz.“ „Siehste! Frau is Frau!“ „Von wejen“ sagte Ottokar. Willste nu philophieren oder jehnwa Luischen trösten?“ Vor der Küchentür blieb Lenchen stehen. „Wir jehn se trösten, komm.“

 

In der Küche stand Luise am Fenster und schaute in den Hinterhof. „Viel zu wenig Container“ ging es ihr durch den Kopf, weil die Müllkästen überquollen. „Ottokar hatte fast einen kessen Spruch auf der Pfanne, wie er sich auszudrücken pflegte, aber dann sah er, das seine Thusnelda wirklich am Ende war. Er konnte auch nicht mehr immer so wie er gerne wollte, aber das hätte er nie zugegeben und sie hätte es auch niemals zugelassen. Lenchen hatte sich stillschweigend entfernt. Ach, der Ottokar. Nahm Luise in den Arm und küßte ihr Haar. Sie schwiegen gemeinsam eine Weile und dann räusperte sich der große Mann und sagte ganz weich und zärtlich: „Weißte was? Wir machen für einen Monat die Bude zu, oder wenigstens vierzehn Tage und fahren irgendwo hin. Oder mit dem Schiff, oder mit dem Flieger – willste?“ se nickte. „Und einmal wöchentlich – Dienstags geschlossen – „ sagte Otti. „Montags, verbesserte Luise. „Oder aber auch so“ sagte Otti. „Vierzehn Tage bleibt dieses Lokal geschlossen. Geschlossen. Ohne Widerrede!“ „Sagt ja keiner was.“

Das war in etwa die Vorgeschichte dieses Tages, als ich am späten Nachmittag vorbeikam und Müllers Kinder im Vorgarten, hinten bei den Fliederbüschen, an einem Vierertisch saßen und  „Mensch ärger dich nicht“ spielten. Etwas geräuschvoll. Aber offensichtlich nahm niemand daran Anstoß. Kurz darauf hörte ich die Türe von Bernhards Lieferwagen klappen Er kam über die Straße, sah mich und kam auf mich zu. „Na, haste dich für mich so fein jemacht“ grinste er und sah mich an. „Fein gemacht?“ Na ja, jewaschen, jekämmt, richtich anjezogen…!“ „Sag mal, bist du nicht ganz bei Trost“ fragte ich und sah ihn ungläubig an. „Ach Gott ach Gott Fräulein, habe ick Sie etwa mit jemand  verwechselt?“ „Du hast wohl schon lange nicht mehr dein eigenes Geschrei gehört“ sagte ich rachtungsvoll und ließ ihn einfach stehen.

Otto stand in der Eingangtür und sah zu uns herüber. Als wir ihn fast erreicht hatten, meinte er “den Tag möchte ich erleben, wo ihr Beide euch wie ganz gewöhnliche Menschen unterhaltet. „Wie unterhalten die sich denn?“ fragte Bernhard. „Selten“ sagte Luise. In Eintracht saßen wir später am Familientisch und sprachen kein Wort. Wir unterhielten uns wie ganz gewöhnliche Menschen. Luise empfand das als beängstigend. „Das die sich immer kabbeln müssen“ sagte sie, Das tut mir richtich leid“. „Muß es nicht, da kannste sorglos sein. Die sind aufeinander eingespielt, die brauchen nur‘n Stichwort, und denn jeht es gleich wieder los.!“ „Heute ist einfach kein guter Tag.“ Luise blickt mich an und sagt leise zu Otti :“Ich leg was auf von Adamo, den hört sie doch so gerne, Denn is gleich alles wieder paletti.“ „Genau wie bei dir“ brabbel ich leise vor mich hin, „Du mit deinem Soldat am Wolgastrand.“

Nachdem nun jeder Gast davon unterrichtet wurde, daß demnächst 14 Tage geschlossen und Montag als Ruhetag eingeführt wird, herrschte völlige Eintracht am Tisch und im Lokal. Otto traktierte sein Sghifferklavier, und als wir gehen wollen, intonierte er “Wer weiß, wann wir uns wiedersehen am grünen Strand der Spree. „Wat hier fließt, det is die Havel, Herr Wirt. Die Spree fließ uff de andere Seite.“ kam eine Stimme aus dem Hintergrund. „Na dann, gut Nacht“ sagten Bernhard und ich wie aus einem Munde.

„Hältst du es denn aus, daß wir uns vierzehn Tage nich seh‘n“ fragt er mich. „Wieso? Fährst du denn auch weg?“ „Nee, wieso?“ „Wieso, wieso. Wieso. Was meinst du denn?“ „Na ja, kann ja sein, du willst mich gar nicht sehen.“ „Ich sehe dich in meinen Träumen“ sage ich böse.“ „Hast du Lust – wollen wir morgen eine Dampferfahrt machen? Ist doch noch schönes Wetter. Auf der Havel, wenn du willst!“

„Is gebongt!“ sage ich. „Nachti!“

 

 

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