Luisen – Eck (2)

Heute kam ich ziemlich spät nachhause. Trantutig war ich in den falschen Bus gestiegen, weil ich schon wieder den Kopf voll hatte und mir zurechtlegte, in welcher Reihenfolge ich morgen alles Notwendige bewerkstelligen wollte. Also mußte ich einen Umweg fahren und hatte insofern Glück, als daß die meisten Fahrgäste schon recht müde waren und die Klappe hielten. Da mußte ich mir keine Gespräche mit anhören und konnte auch auf die Phonstärke der unterschiedlichsten Musikwiedergabegeräte verzichten. Daran erkennt man gleich: selbst bei etwas Schlechtem kann noch etwas Gutes herauskommen. Jedenfalls ging es so langsam auf Mitternacht zu. Mein Weg führte mich am LUISEN-ECK vorbei.

Schon von Weitem dache ich: narrt mich ein Spuk? Bin ich total übermüdet? Habe ich ein Rauschen im Ohr? Nei-en! Hatte ich nicht. Ich hörte das Schifferklavier vom schönen Ottokar (was ja eigentlich auch Ansichtssache ist). Böswillig könnte ich behaupten, ich hörte grölenden Gesang, aber es war nur die geballte Ladung gebündelter Lebensfreude. Ich öffnete vorsichtig die Eingangstür, um zu erkunden, ob ein Nähertreten ratsam sei. Aber dazu kam es gar nicht, weil ein paar Hände schon an mir zerrten und mit beeindruckender Lautstärke riefen: „Mensch, komm rin. Komm bloß rin. Du hast uns jrade noch jefehlt!“ (Das hat mir gerade noch gefehlt) dachte ich ergeben und achtete ängstlich darauf, daß man mir nicht den Ärmel aus der Jacke riss.j

Na, du altes Huhn, sei willkommen“ sage Ottokar (der schöne) zu mir und legte mir den Arm um die Schulter. Zu seinem Glück war es etwas schummerig, so daß mein messerscharfer Blick ihn nur streifte und er es nicht einmal andeutungsweise bemerkte.Weiter seinen schützenden Arm um mich gebreitet geleitete er mich in das hintere Zimmer, wo die Billardtische standen. Da gab es die Reste vom kalten und warmen Buffet und diverse Getränke. „Wllste Wein, willste Schampus, willste Wasser mit oder ohne, willste…“ Ich unterbrach:“ Wenn überhaupt, dann will ich Kaffee. Oder Cappuccino oder so. Oder ein Wasser ohne Kohlensäure, oder….. Nun stellte sich langsam auch heraus, was der Anlaß dieser ausgelassenen Party war. Detlef Wilke, der Sohn vom „Blumenmann“, hatte seine Gesellenprüfung bestanden und außerdem noch am gleichen Tag Geburtstag. Und mit einem kleinen geselligen Beisammensein im Luisen-Eck hatte es begonnen und sich mit Nachbarn und Bekannten zu einer Riesenfete entwickelt. Wilke Senior ließ des öfteren verlauten, daß er nicht der „Blumenmann“, sondern Florist sei. „Ooch jut“ kicherte Frau Stengel. Ick bin ooch keene Reinemachefrau, ick bin Fußbodenmasseuse. Jahahahaha, Sie Blumenfritze.!“ Er nahm es nicht übel (immer Abstand wahren.) Die Stengel hatte doch schon einen Jewaltijen in der Krone. Wo es doch alles for nassing jab.

Ja, was denn. Um diese Zeit? Müllers Kinder tanzten draußen auch noch rum. Die gehörten doch längst ins Bett! Aber Ottokar, der meinen irritierten Blick auffing, sagte seelenruhig; domani is schulfrei – nu kucke nich so ungläubich. Die Kleenen wollen doch ooch ihr‘n Spaß. Dann sah ich Bernhard. Mit Quatschen war nix. Er saß auf einem Stuhl unter den Garderobenhaken, an denen einige Mäntel hingen. Sein Kopf war ihm auf die Brust gesunken und er schnarchte leise. Ach Gott, die Männer. Hilflos und friedlich hing er auf dem Stuhl wie eine Strohpuppe. Morgen früh, oder jedenfalls wenn er aufwachte, wird er einen schönen Muskelkater haben.

„S‘ ist Feierabend,‘s ist Feierabend… Die Melodie stimmte sogar trotz der fortgeschrittenen Zeit. Der schöne Ottokar quetschte mit letzter Kraft die Töne aus der Zieharmonika, denn der Tag war lang gewesen und er war fast vierzehn Stunden auf den Beinen. Kaum einen Augenblick gesessen. Wer hält denn so etwas aus! (Denn frachma Thusneldan, raunt ihm die innere Stimme trotz des Alkoholpegels zu.) Bevor sich die Meute zum Abmarsch rüstete, schlich ich mich heimlich beiseite. Luise erwischte mich kurz. „Willste noch eine Bullette? Sind noch welche da, und es ist auch noch….!“ Ich unterbrach. Wahrscheinlich sogar ein wenig unfreundlich? „Ich will keine Boulette. Ich will jetzt endlich in mein Bette…!“

Hat ja dann auch irgendwie geklappt.

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