Luisen – Eck (9)

          Kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht. Heute mittag habe ich bemerkt, daß die Bäume langsam ihre Farbe wechseln, und heute beim Nachhausegehen denke ich Wunder wie spät es ist – ist es aber gar nicht. Es wird nur zeitiger dunkel. Langsam trotte ich die Straße entlang. Bernhards Lieferwagen steht nicht vor der Tür – manchmal arbeitet er ja auch bis in die Nacht hinein. Ich gucke mal über die Straße – noch geschlossen das Luisen-Eck. Detlef Wilke überholt mich lautlos auf den modischen Sportschuhen. „Die kommen erst am Mittwoch zurück“ ruft mir Detlef im Vorübereilen zu.“Na dann hatten die Urlauber wahrscheinlich im „Blumenladen“ den Blumenfritze angerufen und Bescheid gesagt. Und der Florist hatte es übernommen, die Nachricht zu verbreiten, falls ein interessierter Nachbar sich danach erkundigte. Seit Montag vor acht Tagen war das Lokal geschlossen,  und am Gitter vom Vorgarten war ein größeres Plakat befestigt, auf dem der Regen schon ein wenig die Schrift abgewaschen hatte:

 VORÜBERGEHEND   GESCHLOSSEN

vom ……..  bis   ………

Wir sind in Urlaub

Wiedereröffnung am Freitag den……….

„Na, so lange werden die es ja noch aushalten“ ertönte eine weibliche Stimme hinter mir. Frau Semmler blieb bei mir stehen. „Die spitze Semmlern“ nickte grüßend mit dem Kopf. An Frau Semmler war alles spitz; ihre Nase, ihr Kinn, ihre beiden spitzen Auswüchse am Oberkörper, die „Platz in einer Buddelform“ hatten, wie Wilfried sich auszudrücken pflegte. Spitz waren ihre Bemerkungen und spitz war ihre Zunge. Ansonsten, munkelte man in internen Kreisen, wäre sie auch dauerspitz,  falls das tatsächlich für irgendjemand interessant sein sollte. Sie hatte ihre dunklen Haare nach oben frisiert und zu einem Knoten zusammengedreht, so daß sie im Gesamteindruck an die fromme Helene erinnerte. Sie trug Schuhe Marke Waldläufer und pirschte sich lautlos stets von hinten an.

Frau Semmler verriert mit maliziösem Lächeln und wissenden Augen, daß der Kneipjeh mit seiner Tussy, äh Thusnelda, schon seit einer Woche Urlaub auf Malle machte und ja nun in den nächsten Tagen wiederkam, und die armen Säufer, die schon unter Alkoholentzug litten, wieder zum Winter ein warmes Plätzchen hätten. „Eine Seele von Mensch, der Wirt“ flötet sie. „Und singen kann er…..! Und er kennt ja wirklich beinahe jedes Lied auswendig!“Was Sie nicht sagen“ antworte ich,  „das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen.“ „Doch doch“ sagt sie, „glauben Sie es nur!“

Ich wechselte die Straßenseite, um beim Schumacher meine Schuhe abzuholen. Spitzen und Absätze – wieder eine Extraausgabe. Das Geld geht weg…! „Spare in der Not, dann hast du die meiste Zeit dazu“ ermahnte meine Mutter als sie noch lebte. Man sieht, zu meiner Ich-Werdung trugen viel Sprichwörter und ein unerschöpflicher Vorrat an Zitaten bei. Der Schuhmacher unterhielt sich mit dem Apotheker von nebenan und lobte die gute Qualität seiner Schuhe. „Da sieht man gleich, wat Klasse hat. Da macht et so richtich Spaß, mit zu arbeiten.!“ Als jener nun den Preis erfuhr, entrang sich ein „WAS“ seiner Kehle. „Dafür kriege ich ja neue!“ „Ja“ bestätigte der Schumacher, aber nich sohne!““Ach Sie“ sagte der Apotheker zu mir. „Na, Freitach sind se ja aller wieder vereint im Club der Ahnungslosen. So eine Rundreise durch Schweden ist ja wirklich eine feine Sache. Kostet aber, Mann Mann. Die Zeit war sicher etwas kurz, aber naja. Und es is ja auch enorm teuer. Aber die Kneipe wirft ja auch ganz schon was ab…!“

„Da kann man mal sehen“ sage ich zum Schuhmacher, „der Kneipenwirt reist durch die Welt und der Apotheker kann es sich nicht mal leisten, seine Schuhe besohlen zu lassen.“ Bald neunzehn Uhr. Habe ich etwas vergessen? Fällt einem dann ja meistens erst zuhause ein. Jetzt fällt mir ein, daß ich einen Film ansehen wollte. Könnte ich ja Bernhard einladen, der ist sicher auch abgespannt und hundemüde. Kleinigkeit zu Essen und dann die laufenden Bilder betrachten, bis einem die Lider herunterklappen. Ich erwische ihn vor seiner Haustür und unterbreite ihm mein großzügiges Angebot. „Sei nicht böse“ sagt er, „ich schlaf im Stehen ein. Ich will nur noch schlafen, schlafen, schlaaaaafen—-“

Na, der Tag ist gelaufen. Jetzt habe ich natürlich auch keine Lust mehr,  mir etwas zu kochen.  Ich kehre kurz bei Mario ein. Werde mir ne Pizza mitnehmen. Bis sie fertig ist, bestelle ich mir einen Espresso. Pumuckel wartet auf seine Bestellung. Pumuckel ist der Angestellte aus dem Getränkeladen. Ein dunkelhaariger netter Bursche, klein, flink, untersetzt, Lockige Haare. Wer hat ihm mal den Namen verpaßt, überlege ich…(ich war‘s nich). So etwas haftet ja wie Alleskleber an einem. Pumuckel grinst mich an und Mario beobachtet voller Spannung meine Reaktion auf die folgende Eröffnung: „Haben Sie auch schon davon gehört?“  „Ich? Wovon denn?“ Ich kratze mit dem winzigen Löffelchen den Zucker aus der braunen Espressotasse. „Bitte noch einen“ winke ich mit der leeren Tasse. „Also, die machen ja eine Weltreise, die Luise und ihr Mann. Können sie sich ja offensichtlich auch leisten. Oder sie haben einen Kredit aufgenommen? Sie soll ja so krank sein. Überlegen Sie mal. Bei zwei Wochen Urlaub – sind 14 Tage und dann sind sie Freitag wieder da, hat man mir erzählt. Also, das wäre mir ja dann doch viel zu anstrengend. Da weiß man doch hinterher gar nicht mehr, was man wo gesehen hat…!“ „Was das kostet! Donnilowski! Da sieht man‘s wieder, wer hat der hat.“ „Wo Mist ist, kommt Mist zu!“ Inzwischen wird es eng im Geschäft. Ich habe meine Pizza bezahlt und balanciere den Pappkarton auf dem Unterarm. Ist doch bißchen heiß.

„Woher wissen Sie denn, daß die eine Weltreise machen“ frage ich ahnungslos in die Runde. „Hat der Schuhmacher erzählt. Hat er aus erster Hand. Ne enge Bekannte von Luise und Otto. Na, wenn die es nich weiß……!“ Nun sitze ich am Küchentisch mit meiner Pizza Quattro Stagioni. Hatte sogar noch eine Flasche Selters im Kühlschrank. Wer war bloß die vertraute Bekannte von Luise? Sollte etwa Lenchen? Die wohnt doch gar nicht hier, Die hat doch bei dem Schumacher auch nichts verloren.

Morgen ist auch noch ein Tag. Und heute: Nix mit Film. Ich hoffe, ich schlafe schnell ein. Trotz Espresso. Waren ja nur zwei kleine.

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