Im Luisen-Eck (2) Zug um Zug

Für manche von uns schlich die Zeit so dahin, für andere rannte sie in Riesenschritten davon. Ich gehörte zu den Anderen. Besonders an Wochenenden hatte man das Gefühl, daß die Zeit einfach ein paar Stunden übersprang. Gelegentlich kam Bernhard mit der Schrippentüte, und dann frühstückten wir zusammen. Er las die Zeitung, ich las in dem Buch, das einfach kein Ende nehmen wollte. Aber ich zwang mich, es bis zur letzten Seite zu lesen. Wir stritten nicht ein einziges Mal, was wohl hauptsächlich daran lag, weil keiner von uns beiden etwas sagte.  Ihm hätten ein paar ruhige Tage gut getan, und mir hätten sie auch nicht geschadet. „Weißt du, ob Brettschneiders in Charlottenburg ihr neues Restaurant inzwischen schon eröffnet haben?“ fragte er mich, bevor er sich der Sportseite zuwandte. „Die haben nicht eröffnet in dem Sinne. Die haben einfach fliegenden Wechsel gemacht. Sagt Luise.“ „Wie geht das denn? Der in Charlottenburg ist doch weg vom Fenster, mit wem willste denn da wechseln!“ „Also, wie ich das verstanden habe: Otti und Luise ziehen sich Schritt für Schritt zurück, und der neue Pächter, der entfernte Vetter von Otti (wer‘s glaubt wird selig) mit seiner Crew ist Schritt für Schritt immer länger präsent, bis alles nach gewisser Zeit in ruhigem Fahrwasser läuft. So hamse es sich jedacht. Naja!“

„Naja. Eines Tages is denn Otti weg, und bald darauf Luise. Und in dem neuen Laden, der soll ja „Am Kamin heißen“ , da ist jetz Otti janz alleine?“ fragte Bernhard. „Ach  i wo, der hat da schon Personal. Hat er wohl sogar übernommen. Alles sang- und klanglos über die Bühne jegangen.“ „Na meinetwegen. Einmal müssen wir ja hin, aber mein Stammlokal bleibt das Luisen-Eck. Sind doch alles die alten Jäste. die haun doch nich ab, weil Otti nich mehr da ist. Und der Paule is n‘ netter und och n‘ anjenehmer Zeitjenosse.“ „Ja, das ist er“ sagte ich, “und nu mach hinne, ich muß bald los.“ „Ach, übrigens“ legte Bernhard nach, „Paule hat mit der Kneipe ooch das alte Klavier übernommen, Hat jetz n‘neues Schloß. Und dieser Gerd, der manchmal kommt,  der spielt nu ooch mal drauf. Janz jut, hat der Zahnarzt jesagt,“ „Der wird es wissen“ antwortete ich. „Und nu mach schon. ich muß wirklich los.“

Zuerst hatte ich auch geglaubt, es wäre in unserem Leben ein Kapitel abgeschlossen, weil esnicht mehr so wie früher war. Dann dachte ich nach und kam zu dem Schluß, daß ein Kapital nicht abgeschlossen wird, nur weil zwei Personen fehlen. Es waren ja nur zwei ausgetauscht worden.  Otti und Luise gegen Paule und Gerd. Und statt der Quetschkommode gab es vielleicht mal hin und wieder ein bißchen Klaviermusik, wenn dieser Gerd wirklich so gut spielen sollte. Also – „keine Panik!“ „Und weißte wat? Sogar Opa Schumke darf sein altet Plätzchen behalten, Und das finde ich wirklich sehr, sehr anständich!“ „Ja, das isses.“

Schon wieder eine Woche um, schon wieder Freitag. Wir hatten keine feste Verabredung getroffen, weil größtenteils immer etwas dazwischen kam, womit man nicht gerechnet hatte. Ich trödelte noch herum und überlegte: gehste nu oder gehste nu nich? Dann gab ich mir einen Ruck und sagte zu mir: na nu geh schon! Und dann ging ich halt. Ich näherte mich der Eingangstür, die sich vermutlich pausenlos öffnete, denn ich sah laufend einen Lichtschein aufblitzen und wieder verlöschen, als ob sich die Tür ständig  öffnete und wieder schloss. Als ich sie erreichte, kam von der anderen Seite eine Gruppe junger Leute, die offensichtlich in bester Stimmung waren und mir den Vortritt ließen. Drinnen herrschte eine unglaubliche Atmosphäre. Es war rappelvoll. Ein Stimmengewirr, Lachen, Gläserklingen, aus dem hinteren Zimmer Klaviermusik. Anscheinend hatte der Spieler ein Kissen in das Klavier hineingestopft, denn es hörte sich an wie anno dunnemals, als der schräge Ottos noch Musik machte. Ich stand ein bißchen verloren herum und suchte bekannte Gesichter, als Paule mich entdeckte. Er kam strahlend auf mich zu und begrüßte mich sehr herzlich. „Bleibt alles wie es ist“  lachte er. „Da hat Luise für gesorgt. Der Familientisch bleibt erhalten. Der Luise fällt die Trennung schwer. Aber – is nun mal so. Ich hoffe, wir werden uns auch gut verstehen. Soll‘n sich ja alle wohlfühlen bei uns.“

 „Ich hab‘ ne kleine Macke, Paule“ sagte ich, ich…“Jaja, ich weiß schon. Cappucino. Kommt gleich.“ Es hatte sich eigentlich nichts geändert und doch so viel geändert. Ich rührte gedankenverloren in meiner Tasse herum und überlegte, was anders war. Ich dachte, was es früher war – ein Wohnzimmer für eine große Familie, die aus Nachbarn bestand und gelegentlich Fremden, die ab und zu vorbei kamen. Man kannte sich, wußte alles über die anderen, oder jedenfalls sehr viel – ein Kiez, wie man das nennt. Hochzeit, Taufe, Einsegnung, Leichenschmaus – alles bei Ottokar und Luise im Restaurant. Müllers Kinder im Vorgarten. Und jetzt? „So nachdenklich?“ Das war der Apotheker mit den teuren Schuhen. „Kommen Sie mit an die Bar?“ „Nein Danke. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich von so vielen Leuten so dicht bedrängt werde. Schauen Sie mal, wie voll das ist.“ „Dann bleibe ich hier“ sagte er. „Wenn‘s recht ist.“ „Da müssen Sie Paule fragen“ antwortete ich ihm, „hier ist privat.“

Jetzt waren eine Menge Fremde und vor allem eine Menge junge Leute hier, die sich offensichtlich sauwohl fühlten. Die alten Stammgäste hatten zwei Tische zusammengeschoben und fühlten sich auch wie zuhause. Also, „wo liegt der Hase im Pfeffer?“ Wilke senior wippte zur Musik und freute sich. „Keen Soldat am Wolgastrand“ lachte er. Dann kam Detlef, Er hatte seine Gitarre mitgebracht. „Mal sehen, ob das was wird mit uns beiden“ sagte er zum Gerd, der augenblicklich dem Klavier den Rücken kehrte. Spät kam Bernhard. Er war irgendwie verblüfft. Man konnte kaum treten, geschweige denn ein paar Worte wechseln. Oder irgendwo gemütlich sitzen. Zu vorgerückter Stunde verstand man sein eigenes Wort nicht mehr. Es war eine phantastische Stimmung. Ich sah in meine Tasse. Sie war leer. Bernhard legte mir den Arm um die Schulter. „Komm nachhause“ sagte er.

Wir blieben erst mal stehen, als wir draussen in der Dunkelheit die klare Nachtluft einatmeten. Als die Tür sich wieder öffnete, kamen Heer und Frau Degenhardt aus dem vierten Stock an uns vorbei. Herr Degenhardt grinste. „Na,seid ihr auch jetürmt?“ „Man kommt in die Jahre“ antwortete ich und verdrehte die Augen,

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