Im Luisen-Eck (3) Alltag eben

 Schon wieder Mittwoch. Ich kam kurz nach 20 Uhr nachhause – der Supermarkt ließ gerade sein Rollgitter herunter. Ich überschlug im Geiste, womit ich heute Abend meinen Hunger stillen könnte, denn soweit ich mich erinnerte, war der Kühlschrank ziemlich leer. Dann fiel mir ein, daß man im Luisen-Eck bestimmt eine Bockwurst mit Salat bekommen  würde, obwohl ich mir weder aus Bockwurst noch aus Kartoffelsalat groß etwas mache. Aber in der Not frißt der Deibel Fliegen. Da wäre man mit Bockwurst ja auf jeden Fall besser bedient. Ich ging also über den Damm und schnurstracks auf das Luisen-Eck zu und dachte im stillen: komme was wolle, ich muß jetzt etwas essen.

Vorsichtig öffnete ich die Eingangstür und wappnete mich,  jeder Herausforderung standhaft zu begegnen.  Der Schankraum war leer bis auf einen einsamen Zeitungsleser, der vor sich ein Kännchen grünen Tee stehen hatte und  ab und zu einen Schluck aus der Tasse nahm. Ich vermutete, daß er grünen Tee trank. Schwarzer Tee paßte rein typ-mäßig nicht zu ihm.Vielleicht noch Pfefferminze. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Man hörte aber die Billardkugeln klackern. im großen Zimmer übte jemand, wahrscheinlich mit zwei Fingern, die Melodie aus dem Film „ Der Clou“. War ein Klavierstimmer gekommen?

Ich setzte mich unaufgefordert an den Familientisch und wartete geduldig darauf, daß sich hier endlich einmal jemand sehen ließe. Man hörte nur die Zeitung rascheln und ein leises Klick, wenn der Mann die Tasse auf der Untertasse abstellte. Das tat er ohne hinzusehen, so daß er manchmal beim ersten Versuch ein bißchen daneben traf. Dann erschien Paule aus dem Hintergrund, verhielt einen Augenblick lang seinen Schritt und eilte dann mit ausgebreiteten Armen auf den Familientisch zu. „Wen haben wir denn da“ sagte er. „Daß ist ja mal eine nette Überraschung. Das freut mich aber, daß du den Weg zu uns gefunden hast.!“  „Das freut mich ebenso, Herr Paul, daß Sie sich so freuen, daß ich da bin!“ „Ach so, sagte er, ich bitte um Entschuldigung.“ Ich lächelte ihn an. „Schon gewährt!“ Er setzte sich zu mir an den Tisch. „Luise ist gar nicht hier“ sagte er.  „Aber ich glaube, sie wollte später noch einmal vorbeischauen.“  „Das macht doch so gut wie gar nichts“ strahlte ich weiter wie ein Honigkuchenpferd. „Wir werden uns doch trotzdem gut vertragen, oder nicht?“ „Also, daß denke ich ja auch“ meinte er zuversichtlich.

Webb Sie das Maß ihrer Güte vollmachen würden, dann verschaffen Sie mir bitte etwas Eßbares, wenn Sie nicht wollen, das ich kraftlos vom Stuhl sinke!“ Er mußte lachen. „Ich eile, meine Liebe, ich eile“ frozzelte er. „Und an was hatten Madame speziell gedacht?“ „Was haben den Monsieur zu bieten?“ fragte ich im gleichen Tonfall. „Oh, ich hätte allerhand zu bieten, aber woran dachten Sie denn so? Etwas leichtes? Vielleicht ein Omelett?“ „Na ja, warum denn nicht. und das dauert ja auch nicht so lange!“ „Eben. Und erst mal einen Cappucino, oder haben Sie das Programm geändert?“ Ich sah ihn an und schüttelte den Kopf und er rauschte ab Richtung Küche. Dann ging endlich mal wieder die Eingangstür auf und Herr und Frau Fiedler und ihr einziger Angestellter, Manfred (Fredi)  Dresseler, betraten die heiligen Hallen. Wir nickten uns zu, denn ich war eine gute Kundin in ihrem Geschäft. Ich benötigte in regelmäßigen Abständen Glühlampen, Batterien, Doppelstecker  – nichts, womit ich den Umsatz nennenswert gesteigert hätte, aber wir machten dann meistens einen kleinen Plausch. Den Toaster und die Kaffeemaschine sowie das Bügeleisen hatte ich aber auch bei Fiedlers käuflich erworben. Das festigt die, na ich will nicht sagen Freundschaft, aber vielleicht die Wertschätzung. Sogar Staubsaugertüten hatte ich dort schon gekauft, und einen  Fön. Unglaublich – so viel schon?

Endlich kam der sehnlichst erwartete Cappuccino, den Paule mit einem, wie ich fand, hinterhältigen Grinsen vor mich hinstelle. „Ich hoffe, er ist gut.“ „Wird schon – danke!“ Kurz darauf kam ein blonder Jüngling mit krausen Haaren und einer karierten Küchenschürze um den Bauch aus der Küche und balancierte eine Teller sowie Besteck vor mich hin und sagte „Guten Appetit. Ich hoffe, es schmeckt.“ „Das hoffe ich aber auch“ sagte ich und stürzte mich nun ausgehungert darüber her, „Na, schmeckt es denn“ frage Paule im Vorbeigehen. „Ja, Danke. Ich darf doch hier sitzen, oder?“ „Ja sicher, Familie sozusagen. Wie Ottokar schon verlauten ließ: das scharze Schaf.“ Ja, es war ein hinterhältiges Grinsen. Ich weiß ja nicht, wofür er mich hielt. Aber ich kann auch hinterhältig grinsen. Er grinste auf blauen Dunst hin, aber bei mir war wirklich etwas dahinter. Ich sah ihm tief in die Augen und blickte ihn bis an die Ohren lächelnd so hinterhältig an, daß er nicht wußte, wie er einen Rückzieher machen konnte. Zur Steigerung der Wirkung hatte ich meinen linken Ellbogen auf dem Tisch aufgestützt und das Kinn in die linke Hand genommen.

Inzwischen war am Tresen bißchen Leben entstanden. Drei oder vier Figuren standen abwechselnd dort und palaverten oder tranken stumm ihr Bier. Paule kam zu mir herüber und setzte sich dazu. „Paule, ich möchte Ihnen etwas sagen. Ich habe hier keine Sonderstellung, wenn Sie das vermuten. Ich erwarte auch keine Sonderbehandlung, falls Sie das denken. Dieses Vorrecht basiert lediglich auf der Freundschaft zwischen den Brettschneiders und mir. Da sich die Brettschneiders offensichtlich fast ganz zurückgezogen haben, wird dieses Agreement hinfällig. Ich werde also fürderhin, falls ich das Luisen-Eck noch einmal betreten sollte, selbverständlich an einem der freien Tische Platz nehmen.  Das wird sicher nicht allzu oft passieren, denn für einen Cappuccino muß ich ja nicht in eine Kneipe gehen. Und außerdem: wenn Luise mir einen Cappuccino hinstellt, hat sie mich eingeladen. Wenn ich eine Cappuccino bestelle, bezahle ich ihn!“ Mit meinem allerherzlichsten (hinterhältigen) Lächeln strahle ich ihn kurz an und sah dann interessiert zu den Fiedlers herüber, die sich angeregt unterhielten. Paule sah mich mit seinen braunen, tiefgründigen Augen an und ging zurück hinter die Theke.

Später kam Luise tatsächlich auf einen Sprung vorbei. „Nanu, du hier? Hast du kein zuhause?“ „Mir war heute so“ sagte ich. „Wie läuft esdenn bei euch?“ fragte ich interessiert. „Na ja, es macht sich. Muß sich doch alles erst einspielen.“ „So wir hier“ sagte ich. „Kommt ihr nicht klar“ fragte sie. „Die Fronten sind geklärt“ sagte ich. „Weißt du, ich bin kein Kneipengänger. Es ist ja nur, weil man die Leute kennt. Und weil Bernhard seine Entspannung sucht;, ist doch alles ok. Da muß ich doch nicht  dabei sein. „Bist du eingeschnappt? Oder verärgert?“ Aber nein. Ich will nur klare Verhältnisse. Der Paule ist schon in Ordnung.Der denkt, ihr habt ihm mit mir ein Kuckucksei ins Nest gelegt. Wie so eine ungeliebte Erbschaft. Und daß ich ihm womöglich in die Parade fahre. Also kläre ich das lieber gleich, verstehst du?“ „Nicht ganz, aber na ja. Wenn du es so siehst…!“ „Ja“ sagte ich, „so sehe ich es.“ Dann stand ich auf, ging an denTresen und sagte: Ich möchte gern zahlen.“ „Geht aufs Haus“ sagte Paule. „Ein Omelett, ein Cappuccino, was macht das?“ „Sieben…“ „Sieben Dollar oder was?“ „Können wir nicht Frieden schließen“ fragte er leise. „Waren doch nur Mißveständnisse. „ Ich sah ihn an und schwieg. „Ich bin einfriedfertiger Mensch“ sagte er und lächelte schwach. „Ich auch“ sagte ich und mußte leise lachen. Dann gaben wir uns über den Tresen hinweg die Hand und dann bezahlte ich. „Ich bringe Sie zur Tür“sagte er.

Ich winkte Luise kurz zu, nickte zu Fiedlers herüber und ließ mich von ihm durch das Loka begleiten. Die restlichen Schritte machten wir Hand in Hand, als sich die Eingangstür öffnete und Bernhard die Szene betrat. „Nanu, wat is denn hier los? Jehst du fremd?“ frage er. „Siehste doch!“ sagte ich.

27..8.2012/Lewi

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s