Im Luisen-Eck (5) Wie früher

Ein paar Häuser weiter in der Sebastianstraße wohnte im zweiten Stock eines gepflegten Mietshauses schon „seit Jahr und Tach“ (wie sich Opa Schumke auszudrücken pflegte) das Ehepaar Grimm. Der Mann war Biefträger von Beruf gewesen und seine Frau Beate hatte lange Jahre im Reisebüro „Nordseewelle“  gearbeitet, bevor sie endlich ihre Rente einreichen konnte. Sie hatten eine Tochter Gisela, die einen Schweizer geheiratet hatte, den sie als Reisebegleiterin des Unternehmens „Nordseewelle“ kennengelernt hatte. In Aarhus hatten sie sich ineinander verliebt und bald geheiratet. Das war aber nun auch schon wieder etliche Jahre her,  und ihre Zwillinge Bertram und Barbara waren inzwischen fast sechzehn Jahre alt. Nun war Gisela mit ihren beiden Kindern nach Berlin gekommen und ihr Mann, der geschäftlich noch in Hamburg zu  tun hatte, wollte einige Tage später seine Familie wieder abholen.

Es war schon ganz schön kalt geworden, überhaupt früh morgens, und hell wollte es auch nicht so richtig werden. Oft lag ein Dunst über der Stadt und es roch ziemlich unangenehm, als würde man noch immer mit Kohle heizen. Ich hatte mir eine Woche frei genommen und war froh, daß ich frühmorgens nicht aus dem Bett mußte. Ein wunderbares Gefühl, sich einfach umzudrehen und weiterzuschlafen. Mit Handschuhen, Schal und Mütze ausgestattet um den Naturgewalten trotzen zukönnen, machte ich mich am frühen Nachmittag auf, um die Küchenvorräte wieder aufzufüllen und den Kühlschrank zu bestücken. Bei dem Gedanken an den Kühlschrank“ rann mir sofort ein kalter Schauer über den Rücken. Es war naßkalt draußen.  Frost ist bei weitem angenehmer. Dann stromerte ich durch die Regale des Supermarktes und kaufte gute Sachen ein. Seelenpflaster. Und auch eine Flasche teuren Rotwein, falls man mal einen gemütlichen Abend im Programm hat. Ich bemerkte, wie mich eine Frau am Weinregal immer ansah, wieder weg sah, wieder hin sah; hab‘ ich was an mir? Ich sah dann auch mal etwas unfreundlich zurück, aber irgend etwas kam mir so bekannt vor an ihr. „Gila? Bist du Gila? Entschuldigen Sie bitte..!

Sie lachte. „Da gibt es doch nichts zu entschuldigen, Ich bin Gila, klar doch.“ Wenn wir früher tanzen gingen, hatte Gila mich immer mit reingeschleust,  denn unter achtzehn gab es kein Pardon. Früher herrschten noch strenge Sitten. Aber das hatte sich dann recht bald und grundlegend geändert.  Der Supermarkt war ja kein geeigneter Ort, sich zu unterhalten, und so verabredeten wir uns zum Abend ins Luisen-Eck. Später saß ich mit einer Tasse Kaffee und meinem Buch, daß ich schon dreimal an der gleichen Stelle versuchte weiterzulesen, weil ich längst vergessen hatte, um was es eigentlich ging, und dann klappte ich es wieder zu – ich werde es so schnell nicht herausfinden. Um was es ging, meine ich. Im Dämmerlicht des Nachmittags träumte ich so vor mich hin und dachte an früher. Gerne beginne ich meine geistreichen Vorträge mit der Einleitung: früher, als ich noch jung war…! und gerne sagt Bernhard, falls er dabei ist: ach Gott, gab es denn da schon elektrisches Licht? Ja, wenn Gila schwofen ging, nahm sie mich mit. Wahrscheinlich nicht hocherfreut, aber immerhin. Für mich bedeutete es ein bißchen Abwechslung. Aber für sie war ich sicher ein Klotz am Bein. Aber damals hatte ich diesen Gedanken natürlich nicht. So sind nun die Jahre dahingegangen, und  inzwischen reitet bereits die neue Generation um die Häuser; sehr zum Leidwesen ihrer Erzeuger. Dann rappelte ich mich auf, suchte etwas Warmes zum anziehen, was auch etwas Eleganz ausstrahlte. machte mich zurecht und suchte nach einem Paar eleganter Schuhe. Immerhin, nicht wahr.

Gegen zwanzig Uhr betrat ich gemessenen Schrittes das Luisen-Eck,  blicke kurz einmal in die Runde, um zu sehen, wer so alles anwesend war, um dann den Tresen anzusteuern und einem Herren, der mir aufmerksam einen Barhocker zurechtrückte, freundlich lächelnd zu danken. Paule zapfte und nickte mir zu, ich erwiderte seinen Gruß und strahlte, was das Zeug hielt. Mein aufmerksamer Kavalier, dem um die Ecke der Zeitungsladen gehörte, grinste was das Zeug hielt.,“Falls Bernhard kommt“ sagte er süffisant, „muß ich mich dann mit ihm deinetwegen duellieren?“ „Nein, das brauchst du nicht“ sagte ich, „ich schubse dich vorher vom Barhocker.“ Dann kam Gila. Sie kam nicht, sie rauschte herein. „Ach na nu! Alles ganz anders hier. Kennt man ja kaum wieder. Gibt es denn hier niemand mehr, der mich kennt?“ „Ich denke mal, Kalli kommt bestimmt vorbei“ sagte ich. „Und Kutte, also Kurtchen, also Kurt Saager kennst du doch auch noch, unseren Lieferanten von Zeitungen, Zigaretten und intimen Klatsch.“

Na ja, es versammelten sich doch einige Herren um Gila und man tauschte angeregt Erinnerungen aus, an denen ich nicht beteiligt war und deshalb nur zuhörte. Na, das sollte damals alles stattgefunden haben? Ich weiß nicht-!. Meine Güte, was wird  nur der Schweizer dazu sagen. Dann machte Gerd Ablösung am Tresen, und ich setzte mich mit Paule an den Familientisch. Jeder mit einem Cappuccino. Wir beobachteten die fröhlichen Zecher. Es war eine ausgesprochen heitere Gesellschaft. Es wurde viel  gelacht und getrunken. Irgendwann kam Opa Schumke aus seiner Ecke und fragte, ob er bei uns sitzen kann. Natürlich, kann er. „Det is doch die Jisela, oder? Na die mischt ja ordentlich uff. Mal seh‘n, wen se abschleppt.“ „Also Opa, was soll das denn. Ist doch schön, wenn alle vergnügt sind. Viel hat der Mensch ja nich zu lachen!“ Opa Schumke wackelte mit dem Kopf und grinste. „Na, mal sehen, nich?“

Es war wirklich ein schöner Abend. Paule gab auch ein paar Anekdoten zum besten, und irgendwann erschien das Ehepaar Degenhardt. Spät kam Bernhard. Lange nach Mitternacht zog es mich nachhause. „Du kannst ja noch bleiben wenn du willst“ sagte ich gnädig, mich zieht es jetzt in meine vier Wände. Gute Nacht allerseits.“ Bernhard ging neben mir. „Warum bis du nicht noch bißchen geblieben?“ frage ich. „Ach“ sagte er, „es zieht mich jetzt in deine vier Wände.“ „Ach Bernhard“ murmelte ich. „Nun komm mal bißchen schneller“ sagte er und bibberte. „Das ist ja wirklich saukalt.“ Bevor wir das Haus betraten, sahen wir noch einmal zum Himmel. Es war zunehmender Mond und einige Sterne leuchteten. Nein, sie funkelten. „Romantisch, nicht?“ „Sagtest du nicht, du hättest eine Flasche Rotwein gekauft?“ „Sagte ich das? Na, ich bin aber auch ein Plappermäulchen!“ „Dann halte jetzt endlich die Backen“ sagte Bernhard, nahm mir die Schlüssel aus der Hand und schloß meine Wohnungstür auf.

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