Im Luisen-Eck (6) Krimi

 Es war ein herrlicher Sonntagvormittag. Die Luft war frisch, die Sonne strahlte, als hätte sie etwas wiedergutzumachen, und die daheimgebliebenen Vögel sangen und zwitscherten, was das Zeug hielt. Bei den Spatzen konnte man ja nun beim besten Willen nicht von Gesang reden, aber sie machten den meisten Radau. Kurz nach Neun Uhr rief Bernhard an. „Komm runter, ich lade dich zum Frühstück ein“ sagte er. „Herrliches Wetter. Habe uns im Garten einen Tisch bestellt. Mit Wolldecken auf den Stühlen. Siehste.Haha. Zieh dich trotzdem warm an. Es ist doch ziemlich frisch.“Ich mußte erst mal durchatmen. „Wieso bist du denn hier? Ich meine, heute schon? Wolltest du denn nicht mit diesem Wolf-Dieter -. Er unterbrach mich. „Hör‘ bloß auf mit Wolf-Dieter. Und nun mach endlich daste fertich wirst, wir wollen ja frühstücken und nich in de Nachtvorstellung.!“ Leider hatte er dann aufgelegt, so daß ich mich fast an der Erwiderung verschluckte, die ich ihm ja nun nicht unter die Nase reiben konnte. Na warte, dachte ich, zog einen besonders schicken Hosenanzug aus hellgrauer Wolle an und einen schwarzen Rollkragenpullover. Graue Wildlederschuhe , graue Glacéleder- Handschuhe eine schmale kleine Handtasche aus hellgrauem Lackleder, und damit ich wirklich nicht frieren mußte, eine lose Wolljacke mit Hahnentrittmuster in hellgrau und dunkelgrau. Dann schminkte ich mich sorgfältig und frisierte mir die Haare streng aus dem Gesicht. Natürlich frohlockte ich innerlich, denn wie ich ihn kannte, den Bernhard, war er erst vor kurzer Zeit aus dem Bett gestiegen, hatte geduscht und sich rasiert und dann die „olle Hose“ die er so liebte angezogen, irgendein Oberhemd und darüber den geliebten Schlabberpullover und darüber die abgewetzte Lederjacke. „Ich habe es gerne leger“ sagte er dann.

Unterwegs traf ich die Semmlern. „Guten Morgen“ zwitscherte sie. „Wo wollen Sie denn hin so früh am Morgen. Gibt es irgendwo ein Frühkonzert im Freien?“ „Das wäre ja nicht mal eine schlechte Idee“ erwiderte ich, „sollte man sich wirklich mal drum kümmern.“ Dann taxierte sie, in welcher Richtung ich mich fortbewegte und juchzte beinahe. „Also, ich glaube ja fast, Sie auch.. Frühstück bei Paule, stimmts? und der Gerd, der spielt doch Klavier. und der Sohn vom Blumenfritze, ich meine, von Wilkes, der hat ihn schon öfter mal mit der Gitarre begleitet. und der hat doch einen Freund, der hat eine Klarinette.Also, ob der auch heute da ist. Na, der Fred ja bestimmt.Und wissen sie, was das Beste ist?“ Sie blickte mich verschwörerisch an. „Na?“ „Na, alles ohne Noten, oder?“ „Ach Sie! Nein. Aber: kein Soldat am Wolgastrand!“ „Bemerkenswert“ gab ich zurück. Inzwischen hatten wir das Luisen-Eck erreicht. Tatsächlich hörte man Klaviermusik.

Nicht aufdringlich, sondern die üblichen Unterhaltungsstücke gekonnt interpretiert.Frau Semmler eilte winkend voraus, sie hatte den Schuhmacher gesichtet und stürzte auf ihn zu. Anscheinend traf das Glück ihn unvermutet, denn er machte ein sehr verdutztes Gesicht. In der Nähe der Eingangstür unterhielten sich zwei Herren, die einen sehr gepflegten Eindruck machten. Dezent, leger und modisch gekleidet. Nanu, wo haben die sich denn hin verlaufen dachte ich in meinem Sinn, aber als sie sich umwandten, waren es Kalli der Fischfritze und Bernhard, der Mann ohne Fehl und Tadel. Ich neigte gnädig den Kopf in ihre Richtung und betrat zunächst das Lokal, wo Paule mich herzlich empfing und mich nach draußen an den reservierten Platz geleitete. „Es ist schon alles bestellt“ verriet er mir. „Hat Bernhard im Lotto gewonnen?“ „Wie dieses“ fragte ich. „Der spielt doch gar nicht.“ „Ihr habt einen Tisch für euch alleine“ sagte Paul.

„Gestatten Sie, ist hier noch frei?“ kam Bernhard, jetzt ohne Kalli, an den Tisch und verbeugte sich, zog sich den Stuhl heran und setzte sich, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich hatte auch keine, beziehungsweise war ich gar nicht dazu gekommen, eine zu formulieren, weil mein sehr gut aussehender und gepflegter Tischnachbar hinreißend lächelte, meine Hand nahm und sagte: „Heute haben wir mal einen friedfertigen Tag, ja? Wir werden schön frühstücken, die Sonne genießen und uns überlegen, wie wir den Rest des Tages verbringen wollen. Vielleicht raus ins Grüne? Ins Bunte besser gesagt. Oder ans Wasser? Was Du gerne möchtest. Das machen wir. Und das machen wir so, wie andere Leute es auch machen. Friedfertig und einträchtig. Und nun mach bitte deinen Mund nur zum essen auf, du widerborstige Person.“ Bernhard hielt noch immer meine Hand. „Mit einer Hand kann ich nicht essen“ sagte ich matt.

Inzwischen hatte sich das Restaurant gut gefüllt und im  Garten waren auch alle Tische besetzt. Dann kam Paule zu uns an den Tisch und fragte: “Sagt mal, ihr beiden Turteltauben, ist es möglich, daß zwei Personen bei euch Platz nehmen? Herr Wilke und seine Frau. Sie würden auch gerne draussen sitzen. Ihr kennt euch doch. Das sind doch keine unangenehmen Leute. Also, mir persönlich würdet ihr auch eine große Freude machen, wenn ihr einverstanden seid. „Natürlich, sind wir“ sagte Bernhard und nickte. “Oder hast du was dagegen?“ „Nein, natürlich nicht, Warum sollte ich? Ist doch alles in bester Butter.“ So hatten wir dann wirklich ein paar Stunden, na, sagen wir mal, zwei, gefrühstückt und uns angenehm unterhalten und die Sonne genossen, die gegen Mittag eine wohlige Wärme verbreitete.  Man kam vom Hundertsten ins Tausendste und wie es so ist, man redete auch mal so „bißchen über Leute!“ Zum Bespiel die Bollingers, die auf der anderen Seite im Eckhaus wohnten und eine große Wohnung in der ersten Etage hatten. Ruhige Bürger, beide Behördenangestellte in höheren Positionen. „Aber nicht ein bißchen eingebildet oder so“ wie Herr Wilke berichten konnte. Da war er schon öfter oben gewesen. Die hatten zwei Balkone zu bepflanzen, und die Frau Bollinger hat in jedem Zimmer frische Blumen zu stehen. Und auch gepflegte Grünpflanzen vor dem großen Erkerfenster. „Also ehrlich, det sind nu wirklich anjenehme Zeitjenossen, muß man ja sagen. Ich komm‘ ja nu was rum, nichwa – da erlebt man doch so allerhand.“

Frau Wilke nickte zustimmend mit dem Kopf. „Doch ja, mein Mann kommt ganz schön rum“ sagte sie und warf mr einen sonderbaren Blick zu. Irgendwie war es eigenartig, daß am Sonntagvormittag auch Umzüge stattfanden. Vor dem Eckhaus parkte ein großer Umzugswagen, schokoladenbraun lackiert, und in Hellbau konnte man lesen, denn mit hellblauer Schrift stand da:

                                PISCHELMEIER UND SÖHNE – UMZÜGE

Beberitzen – Niedersachsen

„Wat is denn det for een Kaff. Beberitzen. Sziet da eena uff‘s Land oder wat?“ Opa Schumke, der in einem Stuhl mit Armlehnen vor der Einganstür saß und sein Gesicht die ganze Zeit über in die Sonne hielt, verlieh seiner Vermutung vor sich hin brabbelnd Ausdruck. „Uff‘n Sonntach! Mein Jott, haben die det eilich von Berlin wech zu kommen.

Durch die klare Luft und die langsam asteigende wohlige Wärme, und weil die meisten Gäste ja auch schon etwas Alkoholisches intus hatten, herrschte  draussen und drinnen eine ziemlich muntere Stimmung. „Das is ja mal ein toller Sonntag. Fast wie in alten Zeiten, stimmts Mutta? fragte Herr Brennecke seine Frau, und Jochen, der „Junge“ küßte die alte Dame auf die Wange und winkte noch einmal in die Runde. „Jetz fah‘k bei meene Kleene“ schmunzelte er. „Schau zusammen!“ „Berlina nich so du Bengel“ sagte Herr Brennecke, aber da war Jochen schon bei seinem Motorrad. Draußen vor der Eingangstür hatten sich ein paar Gäste zusammengefunden, um rücksichtsvollerweise nicht das ganze Lokal mit ihrem Zigarettenqualm zu verpesten. Opa Schumke verteidigte seinen Platz neben dem Eingang. „Nu jeht mirma bißkin aus de Latichte. Ick muß ma kicken, wer da uff‘n, Sonntach umzieht. „Da brauchste nich zu kieken Opa,  det sind die Möbel von Bollinger. die erkenne ick. Ick bin ja schon zich-mal bei die inne Wohnung jewesen“ sagte Erwinchen, ein heller sechszehnjähriger, der sich ein bißchen Taschengeld verdiente, wenn er Herrn Wilke half, Blumenerde und Pflanzen zu den Mietern heraufzutragen. „Na, det is ja een Ding. Da ziehn die einfach wech, und keener weeß wat? Haben die denn nirgendwo Bescheid jesacht?“ „Na muß man det? Die haben sich doch sowieso mit keenen hier abjejeben. Waren ooch wat besseret, nich?.  Der Möbelwagen war inzwischen abgefahren. Die Gäste hatten auch

weitgehendst auf ihren angestammten Plätzen wieder Platz genommen. „Wird aber auch langsam Zeit zum Aufbruch“ meine Bernhard, und da konnte ich ihm nur zustimmen. Wir hatten gezahlt und wollten nun gehen, um uns noch eines gemeinsamen Sonntags zu erfreuen. „Nein, ich sage dieses Wort nicht, meine Liebe. Aber det is mir einfach zuviel Nachbarschaft. Det halte ick nich alle Tage aus. Laß uns jetzma irgendwo hinfahren inne Umjebung. Nur du und ich. Ohne Streit. Wollnwa? Gerade wollte ich sagen “Bernhard, komm bloß weg hier, sonst holen sie uns noch zurück,“ aber bevor ich richtig den Mund aufmachen konnte, stiegen zwei Personen aus einem großen Ford aus und nickten uns freundlich zu. „Hier ist ja ganz schön Remmi Demmi“ lachte der Mann und die Frau sagte: „Ach Kurtchen, laß uns doch mal reingehen. Wir sind doch hier überhaupt noch nie gewesen, oder? Ich wüßte nicht..!“

Herr Kallmann stand noch vor der Tür und rauchte und Herr Müller tastete sich ab, ob er noch eine Zigarre bei sich trug. Er trug nicht. Aber er begrüßte Herrn Bollinger und seine Gattin. „Na, Herr Bollinger. Wir dachten schon, So wollten uns kommentarlos verlassen. So schlechte Nachbarn waren wir doch nicht, oder?“ „Wie soll man denn das verstehen?“ fragte Frau Bollinger ein bißchen pikiert. „Haben Sie den Eindruck, wir wären schlechte Nachbarn? Na, das möchte ich dann aber doch nicht annehmen. Ich finde…!“ „Ist ja gut Irene“ sagte Herr Bollinger. „Na denn viel Spaß in Beberitzen“ brabbelte Opa Schumke, als er an Bollinger vorbei ins Lokal ging. „Könnte mich vielleicht mal Jemand aufklären?“ fragte nun auch ziemlich gereizt Herr

Bollinger. Na, nun klärten alle Herrn Bollinger auf und es gab ein wirres Durcheinander, bis Paule rauskam und fragte, was los sei. Und dann erzählten erst mal alle durcheinander was los sei, und dann fragten Bollingers, was losgewesen ist. Und dann holte man die Polizei. Die hatte aber offensichtlich viel zutun und kam dann, wie Opa Schumke sagte, „rechtzeitich zum Abendbrot.“ „Mir is det mit det Beberitzen gleich so ulkich uffjefallen. Weil nämlich: Beberitzen sin doch Beeren, oder?“ „Bären, davon ha‘k ja übehaupt noch nie wat jehört. Wat soll denn det für eena sein?“ „Mensch, eena so wie du, du Hammel“ sagte Müllers ältester Spross zu Erwinchen.

Bernhard und ich waren ziemlich mitgenommen von dem „gemütlichen Sonntag“ und fuhren raus, gingen einmal um die Krumme Lanke und fuhren müde nachhause, als hätten wir eine Matterhornbesteigung hinter uns. „Nu komm, komm. Laß dich bloß nich sehen“ sagte Bernhard, als wir nachhause kamen. Die Semmlern hatte und gesehen, nickte uns wortlos zu und ging wieder rein ins Lokal. „So unsypathisch is die janich!“ sagte er.

„Daß ist ja ein Ding mit Bollingers. Diese Umzugsfirma. die gibt es doch nich. Die fahren jetzt hier irgendwo auf eine düsteren Hof und laden um, und fertig.“ Bernhard trank sein Bier und ich trank Kaffee, und die Reste von unserem kümmerlichen Abendessen hatten wir auf einen großen Teller gelegt. Es war ja nicht geplant. Ich hatte nicht so viel eingekauft. „Wollen wir nicht mal eine Partie Halma spielen“ fragte ich.

„HALMA ??? Bernhard verdrehte die Augen Richtung Zimmerdecke.

Berlin, den 10. September 2012/Lewi

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