Am gemütlichen Kamin (3)

– Bei Luise –

Wir standen auf dem Bürgersteig der gegenüberliegenden Seite und beschauten uns das neue Domizil. Die Dunkelheit war längst hereingebrochen und es war sogar ein bißchen kalt. Das Lokal lag an der rechten Seite des Hauses, das nicht in eine Seitenstraße, sondern in ein parkähnliches Grundstück mündete, welches rückwärtig einen kleinen Kinderspielplatz und ein paar Turngeräte für die Jüngsten in der Nachbarschaft aufwies, und außerdem ein paar massive Holztische und Sessel, wo sich Schachspieler oder Kartenspieler niederlassen konnten, wenn ihnen ihre Einkünfte nicht ausreichten, um sich ein paar andere Vergnügungen zu leisten.

An der rechten Seite befand sich auch ein Vorgarten, den ein sehr schönes schmiedeeisernes Gitter umgab und das zur Straße hin mit einer Tür ausgestattet war.Es fanden auch acht Tische mit je vier Plätzen, allerdings der Länge nach, Platz und ganz hinten die Hollywoodschaukel. Der Vorgarten war verhältnismäßig lang und unverhältnismäßig schmal. Aber Garten ist Garten hätte Otti wahrscheinlich gesagt.

Der Eingang zum Lokal lag auf der abgeschrägten Ecke, und zur Straßenfront hatte es  zwei große Fenster, während es am Vorgarten entlang sechs schmalere Fenster gab.     Den schönen  Zaun umgab eine ordentlich geschnittene Hecke. Das ganze Gebäude war in zartem hellen Grün gestrichen und elfenbeinweiß abgesetzt. Es machte den Eindruck, daß eine Sanierung erst kürzlich stattgefunden hatte.  Im Lichte der schönen alten Straßenlaternen, die es in dieser Gegend noch gab, überquerten wir den Damm, denn um diese Zeit war der Autoverkehr nicht mehr ganz so stark. Bernhard trug die Keramikschale mit den Kakteeen und ich trug die Verantwortung. Wir hatten gerade den Fuß auf das gegenüberliegende Trottoir gesetzt, als ein Radler mir irrem Schwung aus dem kleinen Park hervorschoß und links abbog, aber nicht hinter uns, sondern vor uns weiterfahren wollte. Der Abstand zwischen uns und der Hauswand betrug kaum  eineinhalb Meter, und da wollte er sich nun vorbei quetschen. Wir hatten uns beide sehr erschrocken und blieben wie angewurzelt stehen, aber der junge Mann hatte so viel Schwung drauf, das er mit dem linken Ellbogen im Vorbeifahren die Schale streifte. Es hörte sich wie eine kleine Explosion an, als die Keramikschale auf das Pflaster knallte. Die Erde lag verstreut auf dem Gehweg und die Kakteen suchten jede auf ihre Art das Weite. Die Eingangstür öffnete sich und Otti trat heraus. Bernhard stand wie ein Häufchen Unglück da und sah Otti hilflos an. „Die konnte ich leider nich halten“ sagte er entschuldigend. Luise war inzwischen auch nach draussen gekommen. Ich stand wie Pik Sieben daneben und mir fiel nichts ein. Das will was heißen! „Na nu kommt ma erstma rein“ sagte Ottokar und schob uns durch die Eingangstür.

An der Theke saß ein Mann auf dem Barhocker, hatte ein Bier vor sich stehen und las in der Zeitung. Hier gab es auch einen großen Familientisch, allerdings ohne Familie.,Luise hatte die Kehrschaufel und den Handfeger geholt und gerettet, was zu retten war. „Nu setzt euch erstma hin, ihr beede“ sagte Luise. „Vorher muß ick euch nu aber erstma drücken. Mein Gott. So lange her is et doch janich, wo wir uns das letzte Mal jesehen haben, und et kommt mir wie ne Ewichkeit vor.“

Ottokar hatte Bernhard nur ein paar mal wortlos freundschaftlich auf die Schulter geklopft und mir mit dem Handrücken die Wange gestreichelt. „Na“ fragte er, „Habt ihr gut hergefunden?“ „Bis kurz vor de Eingangstür“ sagte Bernhard und grinste. Dann stellte Luise uns Roswitha vor, die im Restaurant helfen sollte und bei Bedarf auch in der Küche, wenn viel zu tun war. Nun war zu tun: Roswitha brachte einen Cappuccino, eine Kaffee und zwei Bier. Der Zeitungsleser hatte noch ein halbvolles Glas vor sich stehen.

„Ab heute ist also geöffnet“ sagte ich, „und gleich wegen Überfüllung geschlossen.!“„Man muß warten können“ antwortete Ottokar.  Nur gedacht, aber nicht gesagt hatte ich gleich wieder das passende Sprichwort, was ich zu hören bekommen hätte: „Hoffen und harren hält manchen zum Narren.“ Otti und Bernhard hatten sich an die Theke zurückgezogen und sprachen leise miteinander. So ganz reibungslos wie erwartet schien doch nicht alles abgelaufen zu sein. Luise hatte ein paar Zeitungen auf dem großen Tisch ausgebreitet und die Unfallreste darauf verteilt. Sie hatte eine passende Blumenschale gefunden, die groß genug war, die kümmerlichen Reste aufzunehmen. Und eine Brauseflasche voller Leitungswasser. „Trinken müssen doch ooch wat“ sagte sie. „Und so setzten wir die unverletzten Kakteen gemeinsam in die Schale und hofften, daß sie wieder alle angehen.

Nachdem die Herren ihre Unterhaltung beendet hatten, kam Bernhard wieder an den Tisch und hatte sich ein Bier mitgebracht. Ottokar war verschwunden. „So“ sagte Luise zu den Kakteen, „ Nu wachsma schön.“ Dann verschwand auch sie wieder mit der Bemerkung, daß es jetzt bald Gutes zu essen gibt und Roswitha gleich mal beweisen kann, ob sie hält was sie verspricht. „Und du“ sagte sie zu mir, bekommst auch noch deinen zweiten Cappuccino.“ „Na, dann ist ja alles in Butter“ sagte ich. Dann kam Ottokar mit strahlendem Gesicht aus den hinteren Räumen und hatte ein traumhaftes Akkordeon über der Schulter. „aus zweiter Hand“ sagte er stolz. Dann rückte er seinen Stuhl ein Stück vom Tisch ab und spielte virtuos das Trinklied aus La Traviata. Ich begann, leise mitzusingen. Luise blickte stolz auf ihren großen Mann. „Habe ich ihm geschenkt“ flüsterte sie. „War doch sein Herzenswunsch.“

Dann folgte die Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen. Einmal war die Tür aufgegangen und ein blutjunges Pärchen war hereingekommen. Hatte sich leise an einenTisch gesetzt und bei Roswitha Getränke bestellt. Wir sparten nicht mit Applaus und auch die jungen Leute klatschten. Sogar der einsame Biertrinker am Tresen klopfte seine Daumennägel aufeinander. Dann begann Otto, Freddys Seemannslieder zu spielen. „Junge komm bald wieder“, „Auf einem Seemannsgrab blühn keine Rosen“, „La Paloma“.  Fast geräuschlos hatte sich in kürzester Zeit das Lokal gefüllt. Luise verschwand in der Küche, Roswitha hinter dem Tresen. Otto spielte die Lieder von Ronny. Otti spielte „Ol‘ man river“. Otti spielte und spielte und als ich mal zur Toilette mußte, fragte mich eine Dame: „Kennen Sie den Künstler? Wer ist denn das. Es wurde ja gar nicht bekannt gemacht, daß es heute ein Konzert gibt. Überhaupt, ich dachte, hier ist neue Bewirtschaftung?“

Stimmt“ sagte ich.“Na, und wer singt denn da?“ hakte sie nach. „Der Wirt singt hier persönlich, wenn er kein Bier zapft“ mußte ich lachen. Überflüssig zu sagen, daß sich zu später Stunde eine Bombenstimmung ergab. Bernhard und ich räumten Tische ab und spülten Gläser. Der aufgeschnittene Braten war erkaltet und immer wenn wir daran vorbeigingen, steckten wir uns ein Stück in den Mund. Es war ein gediegener Abend. Um  drei Uhr  kamen wir nachhause. Wieder mit dem Taxi. „Darf ich mit raufkommen?“ fragte Bernhard schlaftrunken. „Müüüde, ich bin soooo müüüde!“  „Na, nu komm schon“  sagte ich, und zwar ganz friedfertig.

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