Meine Stadt – Meine Liebe * Berufsleben (1)

DER ERNST (des Berufslebens) BEGINNT

Der Ernst des Lebens hatte für mich begonnen, als der Krieg begann. Als der Ernst des Berufslebens begann, war er noch längst nicht vergessen. Aber man hatte sich eben eingerichtet, so gut es ging. So hatte ich die Handelsschule verlassen, weil ich Geld verdienen mußte. Wie fast alle, trabte ich zum Arbeitsamt und hatte sogar ein Stellenangebot bekommen. Und zu allem Glück ganz in der Nähe, so daß ich kein Fahrgeld brauchte. Ich hatte ja schon ein paar Experimente hinter mir – darauf werde ich noch bei passender Gelegenheit zutück kommen.

Und so zog ich das einzige Kleid, das ich besaß und das eine Kollegin meiner Mutter, (einer rümmerfrau also) aus einer amerikanische Kleiderspende auf unrechtmäßige Art und Weise mitgehen ließ, an und versuchte, da es vorne zu knöpfen war, ein Mantelkleid sozusagen, die Knöpfe halbwegs ordentlich zu schließen. Denn die Spenden hatten meistens Größe 32 und 34, anscheinend wohnten in den USA die Elfen. Aber hier bei uns benötigte man auch als Hungerlatte erst mal Größe 38 bis 40. Es war senkrecht gestreift in den Farben grün, beige, braun. Und ich war blond und siebzehn.

Dann machte ich mich auf in die Reichenberger Straße. Ich glaube, es war Nummer 36. Richard imm, Druckfarbenfabrik. Ich hatte eine ganze Weile ein Schild gesucht, fand aber keines. Das Vorderhaus war im Krieg zerstört worden und die Trümmer bereits abgetragen.Ein schmaler Hof führte zu einem Quergebäude und linker Hand gab es ebenfalls ein noch intaktes Fabrikgebäude. Und als ich dann im Hochparterre linker Hand vom Treppenhaus eine Wellblechtür sah, an der ein unleserliches Pappschild hing, dachte ich: „Hier muß es sein, hab Mut, geh‘ rein.“ Und so begann der kometenhafte Aufstieg ins Berufsleben.Es gab dahinter nur einen Raum, ca. 4 x 5 Meter, ein schmales Fenster, ca. 45 x 65 cm mit eisernen Gitterstäben davor, eine größere Luke würde ich es nennen, und einen Kanonenofen. Davor stand ein Schreibtisch mit einem Schreibtischsessel und eine Person, die darin saß, mit Lederhut, Mantel und Schal. Vor dem Chefschreibtisch standen zwei dunkelbraune Ledersessel, Clubsessel also, und ein kleiner Tisch. Rechts, seitlich vom Fester, stand ein weiterer Schreibtisch mit einem normalen Bürostuhl davor. Neben dem Schreibtisch ein kleines Regal. Wenn man zur Tür hereinkam die Linke Wand: Da gab es ein paar Garderobenhaken und in die Wand eingelassen einen kleinen Tresor.

„Guten Tag, Ich komme vom Arbeitsamt. Mein Name ist – „Können Sie Steno?“ „Ja, Ich heiße – „Können Sie Schreibmaschine?“ „Ja. „Ich wollte doch-.“Na gut. Sie sind eingestellt. Bleiben Sie gleich hier, ich muß weg.“ „Aber ich weiß doch gar nicht- „Sehen Sie nach, was auf dem Schreibtisch liegt. Wiederseh‘n.“  Auf dem Schreibtisch lag so viel Papier durcheinander, daß man nicht mal vermuten konnte, daß sich darunter eine Schreibtischplatte verbarg. Ein Papierkorb war da, der war aber bis obenhin voll. Im Ofen bullerte es, jedoch glühte das Ofenrohr nicht mehr. Das tat es vorhin. Wie sich später herausstellte, hatte man mit den Putzlappen geheizt, die mit Druckfarben beschmiert waren. Da hatte ja nun der Inhalt vom Papierkorb kaum Schaden anrichten können.

Plötzlich klingelte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und mußte doch etwas sagen-! „Einen Augenblick bitte, Ich…..“, tastete in dem Wust Papiere nach einem Stempel und einem Stempelkissen, denn ich wußte ja nicht, wo ich war. Dann hatte ich es gefunden und meldete mich. „Firma Richard Timm“ Da bestellte einer Offsetschwarz und setzte voraus, daß ich wußte, was das ist. Ich tat so, als ob ich es wüßte. Bevor ich dämlich fragen konnte, wieviel hätten Sie denn gern, sagte der andere aber schon: 1 Büchse wie immer. Ich glaube, gegen 11 Uhr hatt e ich mich vorgestellt, gegen 16 Uhr saß ich noch immer mutterseelenalleine in dieser Höhle, die langsam auskühlte. Dann erschien ein Herr im bodenlangen braunen Ledermantel. Man brauchte die Tür nur aufzuklinken, klopfen war nicht nötig. „War Willi hier?“ „Bei mir nicht!“ „Und wo ist der Doktor?“ „Tja, wo könnte er wohl sein?“ „Na egal, wir seh‘n uns morgen.“ „Was denn, schon wieder?“ „Na na kleines Fräulein!“ Er hob die Stimme und drohte mit dem Zeigefinger. Er machte sozusagen „Du Du“.Dann kam noch eine Frau Heckendorf und fragte, ob Doktor Kneisel hier sei.

In maximal 20 Quadratmeter? Hatte er sich vielleicht unter dem Schreibtisch versteckt? Sie blickte zweimal suchend in die Runde und sagt „Na ja!“ Eine Antwort mußte ich mir gar nicht erst überlegen, denn sie rauschte genauso wieder ab wie sie angekommen war. Gegen 17 Uhr kam mein „Chef“ zurück. Setzte sich in Hut und Mantel vor den eisernen Ofen, in den er ein paar Putzlappen warf, und so begann es zu bullern daß es eine Freude war und der Ofen seinem Namen alle Ehre machte. „Wie heißen Sie denn überhaupt?“ fragte er mich (schon). „Hildegard Lewandowsky.“ Na jut, Hillllde.Denn bis morjen.!“  Wenn er Hillllde sagte, dachte man immer, er fängt gleich an zu bellen.

Wie gesagt: „Denn bis morgen“

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