Meine Stadt – Meine Liebe * Berufsleben (2)

Der Ernst des Berufslebens (2)

Ja, und denn war es morgen. Ich hatte die halbe Nacht Stenografie geübt und hoffte, daß ich nicht gleich ein Diktat aufnehmen mußte. Bei den ersten Gehversuchen ins Berufsleben hatte nämlich kein Mensch einen fragt, was man werden möchte, und schon ganz und gar als Mädchen. „Elvira geht auf die Lette-Schule“ hatte ihre Mutter etwas von oben herab bemerkt, „damit sie später auch perfekt einen Haushalt leiten kann.“ Man konnte auch als Krankenschwester arbeiten, aber „für Gotteslohn“. Eine junge Schwester beksm nämlich nur ein Taschengeld, wenn überhaupt. Besonders in den katholischen Krankenhäusern arbeiteten sie „freiwillig“, und wenn Gottesdienst war, konnten die Kranken auch… na ja, da kam eben niemand. Entweder konnte nicht oder durfte nicht! Je nach Dringlichkeit überließ man das dem himmlichen Vater. Ich meine, wenn Gottesdienst war, und das war er ja einige Male am Tag, übernahm während dieser Zeit die allerhöchste Instanz die Verantwortung.

Na gut, ich schrieb einigermaßen schnell und konnte es auch lesen. Und dabei kam mir mein gutes Gedächtnis zu Hilfe. Also begab ich mich schon im Morgengrauen in die feindliche Welt. Wir hatten uns auf ein „Gehalt“ von 60.– D-Mark geeinigt bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 48 Stunden. Einen jungen Menschen von heute packt bei der Vorstellung bereits das Entsetzen, aber man arbeitete ja nicht mit der Faust im Nacken, sondern mehr oder weniger gemütlich vor sich hin.

Als ich „pünktlich“ fünf Minuten vor 8 Uhr und frierend ins Büro kam, saß der Doktor schon in Hut, Schal und Mantel vor dem Bullerofen am Schreibtisch, es stank nach brennenden Putzlappen (die stanken auch, wenn sie nicht brannten) und das Ofenrohr glühte freundlich.

„Guten Morgen Hillllde.“ (Gleich wird er bellen, dachte ich.) „Na, dann kommen Siemamit.“ Wir begaben uns in die obere Etage. Auf den Treppenstufen mußte man vorsichtig gehen, sie waren irgendwie glitschig. Als wir die erste Etage erreichten, stand da ein gedrungener Mann mit einem sehr freundlichen Gesicht und dreckigen Klamotten und kochte Firnis. Das stank (zum Himmel geht nicht, weil da kein Fenster war). Es stank jedenfalls tierisch. Und in dem Raum, der sozusagen über dem Büro lag, aber nach hinten heraus viel größer war, bewegten zwei große lederne Keilrienem, die elektrisch betrieben wurden (es gab ja Elektrizität. Toll, was?) die großen Walzen, die die Farben rieben.
Das war das Reich von Herrn Minkwitz, der die Farben nach Farbproben herstellte. Der Doktor und er arbeiteten Hand in Hand auf sehr freundschaftlicher Basis und mit großem Sachverstand, und ich kann mich nicht erinnern, daß sie je aus irgendeinem Grunde aneinander geraten sind.

Nachdem ich zunächst oberflächlich aufgeklärt wurde, wie das alles hier so läuft, gingen wir wieder nach unten, der Doktor warf zunächst zwei bis drei Putzlapppen in den Ofen und sagte: „Nu holn‘se unsma Frühstück.“ Das tat ich und holte vom Bäcker 2 Streußelschnecken. Stullen hatte man ja meistens von zuhause mit. „Wat ham‘se denn nur mit dem janzen Papier jemacht, Hilde (diesmal nur mit einem L) Ich find‘ ja nischt mehr wieder!“ Während ich die Schnecke aß, erklärte ich ihm immer in dem Augenblick, in dem ich nicht kaute, was ich damit gemacht hatte, und wenn er nicht kaute, fragte er “Und wo ist….!“ „Und wo sind….“ Hinten in der Ecke hinter der Couch gab es ein kleines wackeliges Regal, auf dem ein Schnellkocher mit zwei Heizplatten stand. Da konnte man sich Kaffee kochen. Das war ein Luxus. Wasser holten wir eine Treppe höher, da gab es auf dem Flur eine Wasserleitung und davor ein Emaillewaschbecken.

Nachdem ich dem Doktor erklärt hatte, wo fürderhin alles und jedes sofort aufzufinden sei, womit ich ihn aber anscheinend nicht erfreute, denn dadurch verging ja der Tag kaum.Von 8 – 17 Uhr, da mußte man sich doch mit irgend etwas beschäftigen. Man könnte zum Beispiel eine Stunde lang einen ganz bestimmten Brief suchen und so weiter. Hillllde erklärte ihm nun, was sie an Büromaterial benötigte, wieviel Geld dafür notwendig war um alles komplett in einem Geschäft am Mehringdamm zu erwerben sei, das mit Büroutensilien handelte.

Also „rückte er die Knete raus (bringse aber noch was wieder) und ich fuhr mit der Hochbahn bis Belleallianceplatz. Ich weiß nicht, ab wann es Mehringdamm hieß. Als ich Kind war, war es die Bellealliancestraße. Nach dem Ort Belle Alliance (Schlacht bei Waterloo). Ich tätigte laut Notizzettel meinen Einkauf und bekam alles in zwei großen Tüten ausgehändigt. Dann begab ich mich auf den Rückweg „Wo bleiben sie denn bloß so lange“ jammerte mein Arbeitgeber. Ich sah ihn etwas mitleidig an und legte ihm den Rest Geld auf den Schreibtisch, was sofort ein glückseliges Leuchten in seinem Gesicht auslöste. Ein gutes Drittel hatte ich ja wieder zurückgebracht.

Den Grund seiner Ungeduld erfuhr ich nun aber sofort. Er übergab mir ein nicht abgewaschenes, durch einige Beulen entstelltes Aluminium-Kochgeschirr, weil sich da noch Fett vom letzten Mal abgesetzt hatte, und das machte die Suppe von heute nahrhafter. Also ging ich (er schickte mich) in ein Lokal in der Mariannenstraße und holte eine Portion Nudelsuppe. Mit dem Fettgehalt von gestern schauten tatsächlich eine Menge Augen heraus.

Dann machten wir erst mal eine „Mittagspause“. Ich aß meine Stulle und die mitgebrachte Apfelsine und der Doktor stärkte sich mit der Nudelsuppe. Ich saß in meinem Bürostuhl am Schreibtisch und sah mir die Wand an, er saß sozusagen hinter mir und schlürfte die Suppe, und dann stellte er das Kochgeschirr wieder an seine Platz, wo die Fettaugen von gestern und heute sich vereinigen konnten und mit schwante, daß ich morgen wieder Suppe holen mußte.

Aber dann wurde es noch recht lustig. Zweimal am Nachnittag läutete das Telefon, und ich nahm die Bestellungen auf und brachte die Arbeitszettel zu Herrn Minkwitz, der wirklich eine Seele von Mensch war und über eine gehörige Portion Witz und Lebensweisheit verfügte. Da ließ ich mir nun von ihm erst mal alles ganz genau erklären, so daß ich eine Menge Wissen nachhaltig und präzise recht schnell aufnehmen konnte und am Telefon nicht den Eindruck hinterließ, „Röschen“ zu sein, was die Herren dieser Generation immer gern mit einem maliziösen Lächeln von ihren jugendlichen weiblichen Angestellten behaupteten. „Na mein Röschen“, bißchen doof, aber niedlich. Und meistens auch naiv. Mitunter schwärmte so ein Röschen ja auch tatsächlich von ihrem Vorgesetzten. (Ach Gott!)

Später dann kam der Herr im langen Ledermantel, der gestern kurz mal reinsah, vorbei und es stellte sich heraus, daß es alles Freunde waren aus einem Vorort nördlich von Berlin. Besser gesagt, nordöstlich von Berlin. Im Osten. Denn es gesellte sich noch ein weiterer, aber dunkelgrüner Ledermantel dazu, und so waren plötzlich der Braune,der Grüne und mein Chef ein Trio und in erregende Gespräche vertieft. „Hillllde, was Sie hier hören…. „Ich höre grundsätzlich nichts, Herr Doktor.“ Aber um die Drei nun nicht in Verlegenheit zu bringen, denn sie kannten mich ja tatsächlich nicht (ich sie aber genauso wenig) ging ich wieder nach oben zu Herrn Minkwitz, lernte in kürzester Zeit, alles was zur Farbenherstellung vonnöten war, den Vorgang, wie sie hergestellt wurden, welche Druckarten es gab, wie es früher war und wie es jetzt ist. Kurz, interessant und ich saugte alles auf wie ein Schwamm. Ganz hinten in der Ecke wuselte immer ein älterer Mann herum, aber ich weiß nicht mal, ob ich je seinen Namen erfahren oder mit ihm gesprochen habe. Er war bei allem immer sozusagen die letzte Instanz. Also, „Hildegardchen“ erfuhr den allerbesten Unterricht in Fachkunde von Herrn Minkwitz. Natürlich nicht alles am ersten Tag. Aber jeden Tag. Tag für Tag.

Ein Diktat war heute nicht angefallen. Ich verabschiedete mich von den drei Musketieren, die jeder einen Cognac vor sich stehen hatten, nahm aus dem Treppenhaus noch eine Nase voll Firnisgestank mit und ging mit gemischten Gefühlen nachhause.

Man konnte sich seine Zukunft und auch das Berufsleben in den seltensten Fällen aussuchen. Auch bekam man eine Zuweisung vom Arbeitsamt, und da hatte man dann, wenn sie einen genommen hatten, zu arbeiten. Bevor ich hier her geschickt wurde, hatte man mich an eine Klavierfabrik in der Reichenberger Straße vermittelt, die mich auch sofort einstellten. „Bechstein“ ein Weltname. Ich saß ganz alleine in der dritten Etage in einem kahlen Fabrikzimmer und schrieb Angebote nach Diktat. Um in dieses Kabäuschen zu gelangen, mußte ich einen sehr großen Fabrikraum durchqueren, der stellenweise mit rotem Läufer ausgelegt war. Da standen die Flügel, Harfen und Klaviere. und wenn dort ein Meister spielte, um sich von der Tonreinheit des Instrumentes zu überzeugen, mußte man durch den Raum schweben, damit der „Meister“ nicht gestört wurde. Aber leider mußte man auf dem Weg zur Toilette den Raum wenigstens drei mal durchqueren. Das störte aber den Meister überhaupt nicht, der hatte ja seine Musik und nahm einen gar nicht wahr. Nur die Angestellten. Besonders die Damen. Wenn je ein Meister eine angesprochen hätte, um nur mal zu fragen wie spät es sei, schwebte sie ab diesem Augenblick ja, ich weiß nicht, wo sie schwebte. Viel später bin ich Karajan begegnet, und danach nicht eine einzige Minute geschwebt. Na jedenfalls, es war schrecklich. Mit niemanden reden, ganz allein eigesprerrt in diesem Fabrikraum. 1951, 1952, 1953 da war Berlin größtenteils noch eine Trümmersdtadt .

Der Mann, der mir die Angebote diktierte, sprach ungewöhnlich schnell. Nie ein freundliches Wort,nie ein Lächeln. So wie die wächsernen Damen. Ich war tot unglücklich und dachte: Was soll nur aus meinem Leben werden. Da griff der Schutzengel ein. Ich hatte öfter Angebote ins Ausland zu schreiben, viel nach Afrika. So diktierte er unter anderem……ein Flügel, schwarz, tropenfest lackiert…. usw. usw,,, „eine Harfe (und ich flüsterte leise: mit Jule) „Ich denke, daß es hier doch nicht das richtige Umfeld für Sie ist, Fräulein Lewandowsky. Ich lasse Ihnen Ihre Papiere fertig machen.!“

(Fünf Wochen meines kostbaren Lebens verplempert.)

Na, da ist mir ja Firnis allemal lieber.

 

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