Meine Stadt – Meine Liebe * Berufsleben (3)

Der Ernst des (Berufs-) Lebens       (3)

Anm dritten Tag meiner unmittelbaren Zukunft als berufstätiger Mensch wurde ich  vom Doktor mit heißem Tee empfangen. „Woll‘se ooch ‘nen Keks?“ Ja, wollte ich. Nach einer Weile klopfte es an der Wellblechtür, aber ohne ein „Herein“ abzuwarten betrat der Briefträger den Raum. „Morgen Doktor“ „Morgen Herr Postrat. Was habense denn Schönes für mich?“ „Ob‘s schön is, weiß ich nich, aber es is wenich“. „Na wenich is doch schön, nichwa!“

„So, Hilde (mit einem L), heute schreiben wir mal einen Brief. Setzen Sie sich mal hier her zu mir an den Tisch, und dann stenografieren Sie, was ich Ihnen diktiere. Brauchen Sie die Tischlampe oder ist es hell genug?“ „Es ist hell genug.“ „Na ja, Sie leuchten ja selber, ha ha ha ha!“ Also, wir schreiben jetzt mal einen Brief. Den wollte ich schon lange beantworten, aber ich bin nich dazu jekommen. Also, nun schreibense mal: sehr jeehrter Herr Venzke mit Zett und Vogelfau, in Beantwortung Ihres sehr jeschätzten….blablabla. Undsoweiter, Ich weiß nich, warum ich sehr jeschätzter schreiben muß, ich schätze den janich. Also, schreibense mal da was anderes hin……

 Vom Frühstück bis zu Nudelsuppe waren einige Stunden vergangen und mein Stenoblock war halb voll. „Lesen Se mal vor. Ja. Also. Hm. Nenenee, das machenwa anders. Schreiben se mal den zweiten Absatz als erstes, und denn erst, wattich zuerst gesacht hatte, also ab: dazu muß ich bemerken…usw. Und den dritten Teil könnse streichen, den nehmwanich, da diktiere ich Ihnen jetzt was anderes. Am späten Nachmittag stand das Manuskript, geschrieben sollte es nun aber erst morgen werden, denn er wollte noch mal überlegen, ob man das Schreiben überhaupt beantworten sollte. „Müssense schnell nachhause oder könnwa nochma kurz?“ „Kurz könnwanochma.“ „Na gut. Dennlesense mal!“ Zwei leere Seiten hatte der Stenoblock noch- Ich las. Stellenweise ein wenig holperig, weil allemal etwas durchgestrichen war, dann durch besondere Zeichen wieder als gültig erklärt wurde. „Na gut, Hilde. Das is doch alles verständlich, oder? Aber besser wäre doch, wenn wir den zweiten Absatz wieder einsetzen und mit dem ersten anfangen, wie zuerst…….!“ „Quatsch mal weiter, du scheinst was zu wissen!“ (Das ist so ein alter Berliner Spruch.) Ich ließ ihn nun erzählen, malte ein paar Kringel in den Text und dachte an alles mögliche, aber nicht mehr an diesen Brief. „Den könnense doch morgen schreiben, Hilde. so eilig isses ja auch wieder nich!“

Dieser Arbeitstag hatte mich erschöpft. Langsam und müde schlurfte ich nachhause. „Warum kommst Du denn so spät?“ wollte meine Mutter wissen. „Es war so viel zu tun heute und es war auch etwas nervig.“ „Sei froh, daß du Arbeit hast.!“ sagte sie. „Ja,bin ich ja auch.“

Am nächsten Tag, der wieder mit Tee und Keks begann, schrieb ich diesen Brief, las ihn zwei mal durch und fand ihn beachtenswert. Ich hatte den Text nach meinem Empfinden zusammengestellt, viel Überflüssiges ausgelassen und ein paar höfliche Erklärungen hinzugefügt. Und „mit vorzüglicher Hochachtung“ beendet.

Der Doktor hatte einen Ellbogen auf dem Tisch aufgestützt und hielt sein Kinn in der linken Hand, der Brief lag auf dem Schreibtisch und es dauerte ewig, bis er ihn zu Ende gelesen hatte. „Hilde, jetz hab ich drei mal jelesen. Das habe ich alles jesacht, zu diesem unsympathischen Idi – Ich meine, zu diesem unmöglichen Menschen? DAS habe ich alles jesacht? „Zum größten Teil“ sagte ich. „Hilde, Hilde, Hilde! Und, schicken wir das ab?“ „Das weiß ich nicht!“ „Aber ich weiß das. Dieser Trottel wird diesen schönen Brief nicht bekommen. Er wird überhaupt keinen Brief bekommen. Und falls er hier mal anrufen sollte, sagen Sie einfach: wir hatten Ihnen doch eschrieben… undsoweiter. Na, da fällt Ihnen sicher etwas ein.!“

„Heute keine Suppe?“ „Nein. Machen Sie mal bißchen heißes Wasser und waschen sie das olle Ding aus. Ist ja eklig mit der Zeit. Und dann holen Sie paar Schrippen und was ordentlich drauf vom Fleischer. Italienischen Salat oder so was, ich koche inzwischen Kaffee. Das kann ich!“ Ich mußte lachen:  „mit Hut!“  Gegen 15 Uhr kam der braune Ledermantel. Der war unser Vertreter und kam aus der gleichen Gegend wie der Doktor. Werner Reitz, ehemaliger Panzerkommandeur.  Ein netter, gebildeter ruhiger Mann mit einem nervösen Augenzucken. Es ist ja etwa sechzig Jahre her, aber wenn ich zurückdenke, glaube ich mich an jeden Tag zu erinnern. Er war auch ein sehr sanftmütiger Mann. Der grüne Ledermantel kam etwas später, das war Wolfram Schütz  ehemals Stukaflieger. Auch aus der gleichen Gegend wie der Doktor. Rund um den Zeuthener See.Auch mit einem kleinen Nerventick. Ernsthaft und gebildet. Und Vertreter für Emailleschilder.

Und dann der Doktor /der Chemie? Den hatten sie nicht eingezogen. Die anderen beiden waren so um die 35 Jahre alt. Ursprünglich hatten sie wohl andere Lebensbensträume. Na, wie sie privat waren. weiß ich natürlich auch nicht zu berichten, aber sie waren weder onkelhaft noch väterlich, sie waren einfach nett. Und alles in allem herrschte wirklich eine große Harmonie. Hat man ja auch selten.

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Nach einer guten Woche war ich nun mit allem vertraut und der Doktor nahm jede Gelegeheit wahr, unterwegs zu sein. So wurde es denn langsam Spätherbst und Winter, und ich war die meiste Zeit in dieser Höhle mit dem Sack Putzlappen, dem Bullerofen und dem Gestank alleine. Der Stenoblock war ja voll und ich mußte keinen zweiten mehr benutzen, denn ab sofort schrieb ich alle Briefe selbst und der Doktor zeichnete sie ab. Auch sonst zog er sich weitgehendst aus dem Geschäftsbetrieb zurück, weil er mit anderen Aktivitäten zugange war. Über die

man noch berichten wird, nichwa!

 

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