Du stellst aber auch immer Ansprüche, weißte?

So ganz genau weiß ich auch nicht mehr, war es der DON GIOVANNI oder die ZAUBERFLÖTE, die ich mal wieder geniessen wollte. Ich hatte sozusagen eine Dauerreservierung, so daß die Beschaffung der Eintrittskarte mit einem Telefonanruf bestätigt war. Ich hatte seit Jahr und Tag die Mittelloge hinter dem 1. Rang, und zwar ganz für mich alleine, was ja meiner Einzelgängermentalität vollkommen entsprach. Nur eine Aufnahmekamera und der Kameramann hatten links  neben mir Platz, um die Aufführung zu dokumentieren.

Ich hatte es unvorsichtigerweise einer Bekannten erzählt, daß ich einen Opernbesuch am Wochenende geplant hatte und bekniete mich, ob ich nicht eine zweite Karte für sie besorgen könne, sie würde so gerne mitkommen. Na, so wie ein Mensch zu erkennen gibt, daß er an Kultur interressiert ist, bin ich ja sofort dabei. Also war es eine Kleinigkeit, einen Stuhl (es waren drei im ganzen, den Platz des vierten nahm die Kamera ein) in  „meiner Loge“ zu reservieren.  Längst hatten sich die Zeiten geändert, und Bühnenbild und Choreographie unterlagen der Moderne, aber während der Vorstellung schloß ich gern die Augen und hörte nach innen und genoß die Musik, die man ja nun schon so spielen mußte, wie die Noten es vorschrieben. Auch das übrige Auftreten der Opernbesucher hatte sich frappant geändert und nur ganz wenige Leute, sicher Angestellte von  Firmen, Regierung oder Presse erschienen in Anzug und zumindest die Damen in einem „Kleid“, worüber man auch geteilter Meinung sein konnte.

Da es eigentlich nicht kalt war, nur ein bißchen windig, ging ich draußen auf und ab, weil wir uns im Foyer treffen wollten, aber da war es gerammelt voll. Selbst auf der Straße wimmelte es von Besuchern, die noch schnell die letzte Zigarette rauchten. Längst hatte es schon einmal geklingelt, aber Linda (die eigentlich Dietlinde hieß) war weit und breit nicht zusehen. Die Straße wurde leerer und  plötzlich schoß ein Radfahrer mit Vollbremsung auf mich zu. Unter einer dunkelblauen Wetterjacke Größe 48 pellte sich Dietlinde aus derselben und sagte entschuldigend, daß sie spät erst wegkonnte weil ihr Mann doch noch Abendessen haben mußte. (Kann sich ein Mann keine Stulle schmieren, dachte ich.) Dann schloß sie das Fahrrad an der Laterne an und entschuldigte sich an der Garderobe, daß sie es in der Eile nicht mehr schaffte ihren Regenmantel zu finden, denn es sah ja vorhin so aus, als wollte es…!!“ Und da hing nun die Jacke von ihrem Mann, der ja abends zuhause war, und so zog sie diese eben an. Im letzten Augenblick bemerkte sie, daß sie noch die Hosenklammern entfernen mußte, denn sie hatte schwarze Jeans an und ein in bunten Regenbogenfarben leuchtenden Strickpulli. Na, in der Loge ist es duster.

Also, sooo schnell wundere ich mich ja auch nicht mehr, und die Opernhäuser sind ja auch einem breiten Publikum zugängig, das ist doch wirklich sehr schön.  Im ersten Rang 1, Reihe Mitte, den man ja von meinem Platz bestens übersehen konnte einschließlich Parkett und Bühne frontal wartete ich auf die Dinge, die da kommen werden, aber seltsamerweise betrafen sie nicht die Aufführung. Dann erschien ein Mann in brauner Drillichhose und braun-weiß kariertem Hemd und nahm Platz in der ersten Reihe Rang Mitte, legte beide Beine auf die Brüstung und aß noch sein Abendbrot aus einer Stullendose, Ich schloß dann mal schon die Augen und Dietlinde fragte:“Schläfst du?“  „Nein. Ich mache nur die Augen zu!“ „Zu was denn, denn siehste doch nischt“ „Das ist ja der Zweck der Übung“ antwortete ich, aber lachen mußte ich trotzdem. Na,das Theater füllte sich, es hatte bereits das dritte Mal geläutet und das Drama nahm seinen Lauf.

Bevor die erste Pause näher rückte, mußte Dietlinde plötzlich mal für kleine Mädchen. Aber sie traute es sich nicht zu sagen, und so rutschte sie andauernd auf dem Klappsitz herum, der ein leises Quietschen von sich gab. Auch waren die Sitzpolster aus roten Kordsamt, da blieb man schon mal ein bißchen mit bestimmten Soffen daran hängen. Ein Flüstern oder Tuscheln ist geräuschvoller als leise Worte, und so bedeutete der Kameramann energisch mit eine Handbewegung, sie solle den Raum verlassen. Tat sie auch, aber nach kurzer Zeit fiel ein Lichtstrahl in die Loge und sie steckte den Kopf herein,  um zu fragen, wo die Toiletten sind. Der Meister schob sie mit dem linken Arm heraus und schloß die Tür. Ich mußte ein paarmal tief atmen.

Erst zur Pause verlies ich meinen Platz und blieb vorsichtshalber nahe der Tür stehen, für den Fall, daß sich der Unglücksrabe, ( die Räbin?) verlaufen hatte. Dann erschien sie und war empört, daß die Schließerin, die sie aufgelesen hatte, sie zwar zur Toilette begleitete, aber sie später nicht „während der Vorstellung“ wieder in die Loge ließ. Nun kamen wir überein, daß wir uns später noch einen gemütlichen Abend machen wollten in einem in der Nähe gelegenen Steakhaus, das relativ lange geöffnet hatte. Na, eine beglückende Aussicht. Mit einem gelungenen Essen ist man ja mit vielem wieder versöhnt.

Es verging allerdings einige Zeit, aber Dietlinde mußte dann doch schon wieder und nun wußte sie ja auch, wo die Damentoilette war. Sie wollte es mir gerade genau erklären, aber ich machte eine so energische Handbewegung, daß sie schnellstens das Weite suchte. In der zweiten Pause trafen wir uns draußen wieder, und sie beichtete mir, daß sie bei diesem langen gekrümmten Gang die Orientierung verloren hätte und nicht mehr wußte, ob nun von rechts oder von links – die Schließerin war nicht zu sehen (die stehen oft in den Zugängen zum Rang, um auch etwas von den Darbietungen zu haben); Na jedenfalls, sie mußte doch so nütig und dann war das ja die Herrentoilette, aber Gottseidank, es ist niemand gekommen und dann quetschte sie auch gleich noch ein paar Tränen heraus. „Jetzt habe ich Dir den ganzen Abend versaut“  schniefte sie, Ach, ich bin Kummer gewöhnt. Ständig hängt sich jemand an und jedes Mal wird es ein Fiasko, wenn es nicht mal so eine ad hoc Veranstaltung wird bei einer zufälligen Begegnung.

Irgendwie hatten wir dann den Abend herumgekriegt und wollten nun ins Steakhaus. Es war nicht weit; sie schob das Fahrrad und erzählte, daß sie bis 24 Uhr zuhause sein müßte, weil sie sonst mit dem Gatten Ärger bekommt. „Nee, nich?“ fragte ich. Doch ja, dann unterstellt er ihr, sie hätte sich rumgetrieben. Und dann müßte sie eben alles ganz genau erklären….usw usw usw. Das Steakhaus lag im dunklen und ich dachte wunder wie spät es ist,  aber es war wegen Renovierung gechlossen. Gleich um die  Ecke hatte noch ein Grieche geöffnet, da schloß sie nun das Fahrrad wieder an eine Laterne. Dann aßen wir in Windeseile,  ich Schafskäse in Weinblätter eingewickelt und sie irgendetwas aus Hackfleisch gebratenem, was entsetzlich nach Knoblauch stank. Der Wirt schaute auch irritiert, warum wir fluchtartig sein Gasthaus verließen; er konnte ja nicht wissen, daß Madame um 24 Uhr zuhause zu sein hatte, Dann nahm ich eine Taxe und fuhr zu Luigi.“Wo kommst du her so spät in die Nacht? Hattest du Rangdevuh?“ Ich hatte im Moment für Scherze und Geplänkel keinn Nerv. „Halt dich nicht so lange mit der Vorrede auf und gib mir erst mal einen doppelten Espresso. Und dann einen ganz wunderbaren Latte macchiato und dazu 2 Meter Tiramisu. Und dann kannste, wennste willst, dich zu mir setzen und dann erzähle ich dir, war ich heute erlebt habe!“  „Ich hatte schon den ganzen Tag die Befürchtung, daß er mit einer Katastrophe enden wird“ meinte er und ging, um den Latte anzufertigen. „Hab‘ dich nicht so mädchenhaft“ antwortete ich. Und dann setzte sich Franco auch zu uns und sagte, „Jetzt kommt ja doch keiner mehr:“ Stimmt. Aber jedenfalls war es noch ein ganz munterer Abend und Franco hatte mich sogar noch nachhause gefahren. Ich hatte mir selbst geschworen, nie wieder ja zu sagen, wenn irgendjemand mich irgendwohin begleiten möchte, Ob das Bekannte, Kollegen oder Urlaubsbekanntschaften waren, es wiederholte sich immer. Ich habe sie nicht aufgefordert. Im Gegenteil, je abweisender ich war, je intensiver war die Bearbeitung,

„Ach, sie gehen immer so alleine…! „ jaaa. Darüber kann ich noch fünfundzwanzig Geschichten schreiben, die fallen mir alle wieder ein und ich hoffte, sie gehören bereits der Vergangenheit an. Hoffentlich liest hier keiner, der mal mit war. Aber es liegt ja Gottseidank schon eine längere Zeit dazwichen.

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