Das Neueste vom Tage

Das Neueste vom Tage

hatte so ein kleines Radio ja auch nicht immer zu bieten, speziell, wenn es sich um Regionalnachrichten handelte. Da erfuhr man eigentlich nur unter der Hand, wenn man einschlägige Verbindungen hatte oder sonstwie gesellschaftliche Anerkennung, was so rund herum um einen passierte und unter Umständen von entscheidender Tragweite war.

Man konnte, wenn man wollte, ganz schnell in Erfahrung bringen, daß Frau Fritsche in dieser Woche schon zum zweiten Mal zu ihrer Schwester in den Oststsektor fuhr, und zwar über Warschauer Brücke. Ein sicheres Zeichen war dafür, daß sie den grünen Tirolerhut mit der  Kordel und der kleinen Feder an der Seite trug. Den trug sie grundsätzlich, wenn sie zu Lydia fuhr. Weil deren Mann „Forstbeamter“ war.  (Der sammelte in den Wäldern rund um Berlin Reisig ein, damit sie Brennmaterial hatten für den Winter. Und wenn er Pilze fand, dann brachte er diese in einem kleinen Korb mit nachhause. Und Lydia und Hertha kontrollierten dann mit den Abbildern in einem dicken Pilzbuch, ob auch nichts giftiges darunter verborgen war.

Na, da wußte man doch gleich Bescheid. Und wenn  I-vonne mit einem kleinen Stöckchen und Spucke am Rinnstein saß und mit dem vorhandenen Dreck Eierpampe machte, hatte selbst der Ahnungsloseste auch ohne die hämische Bemerkung der Blumenfrau, wenn sie die paar ausgestellten Blumentöpfe auf der Straße goß, mitbekommen, daß der Kohlenmann Besuch hatte. So eine Blondierte und det kleene Meechen. Wer weiß, wer die is – vielleicht seine Schwester. Aber manchmal saßen sie auch auf den Stufen zum Kohlenkeller und tranken eine weiße Flüssigkeit aus kleinen Gläsern. „Dit is‘ Wodka, kannste wetten!“ klärte der Blumenmann seine Blumenfrau auf.

Wir waren zwei Monate vor Kriegsende total ausgebombt, und total meine ich total. Außer unserer Haut und dem kleinen Koffer mit den Papieren besaßen wir nichts. Aber wir bekamen dann vom Staat jeder eine Wolldecke, eine Armbanduhr und ein paar wollene Handschuhe. Nachdem wir ein Vagabundenleben hinter uns gebracht hatten, bekamen wir Wohnraum in Kreuzberg, wo in Berlin SO 36 noch eine beachtliche Zahl Wohnhäuser stehen geblieben war. Da mußten die Ureinwohner eben zusammenrücken, aber – keine Sorge. Die hießén uns und noch ein paar andere auf keinen Fall herzlich willkommen. Da mußte man schon Zähne zeigen und unmißverständlich klar machen, daß man Berliner war. Und zumindest auch über einen erweiterten Horizont verfügte. Man mußte sich Respekt verschaffen – aber nicht auf die brutale Tour. Manche taten das ja, aber unser Stil war es nicht.

Trotz vieler Wiedrigkeiten hatte man sich nach Jahren zusammengerauft und war in dieser historisch gewachsenen Umgebung heimisch geworden. „Wie‘n Stiefmütterchen unter Pissnelken, wennickma so sagen darf“ meinte der Kohlenträger wenn er die Briketts für den Winter heraufschleppte, die wir auf dem Korridor aufstapelten,  damit sie nicht aus dem Keller gestohlen wurden. Der Kohlenträger hieß Matze und verdiente sich mit schwerer Arbeit sein Geld, um die Familie über Wasser zu halten.

Im Nachbarhaus gab es eine Gardinenspannerei, deren Ladentür bei schönem Wetter immer offen stand. Und in der geöffneten Tür die „Spannerin“, der buchstäblich nichts entging. Selbst Hintergründe wurden lückenlos aufgeklärt, weil sie in besonderen Fällen einem harmlosen Fußgänger blitzschnell den Weg versperrte und erbarmungslos alle notwendigen Einzelheiten zu bestimmten Vorkommnissen aus ihm herauspreßte. Selbst auf der gegenüberliegenden Straßenseite war man vor der Verfolgung nicht sicher, weil sie über den Damm hinweg noch rechtzeitig das Opfer stoppen konnte. Früher kam höchstens alle drei Stunden mal ein Auto vorbei, heutzutage muß man bis zur Ampel gehen, sonst steht man nach drei Stunden noch am Straßenrand. Wer klug war und meinte, er könne irgendetwas von irgendetwas wissen, machte, falls zeitlich einzurichten, eben einen Umweg um den ganzen Block. Aber – wer weiß denn wirklich,m was er wovon weiß, wenn er nicht weiß, was sie wissen wollte? Das sind Dinge, die einen beschäftigen,

Und wenn man dann jemand trifft, dem ähnliches widerfuhr, stellte man sich in einen Hauseingang und diskutierte das Thema. Da gesellten sich schon mal noch ein paar Leute hinzu, und schon schlugen die Informationen einen ganz anderen und unbeabsichtigten Weg ein. Na, bis die Tage, Heute habe ich keine Lust mehr, noch irgendjemanden zu treffen. Da ergeben sich doch noch reichlich Gelegenheiten.

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