Wunderbare Erbschaften

Mein Bruder, der vier Jahre jünger war als ich, ging öfter für ein altes Ehepaar, das in der vierten Etage wohnte, einkaufen. Der Mann war wohl gelähmt und die Frau schon ziemlich unbeweglich. Und abends ging er dann auch mal „nach oben“, und dann spielten sie zusammen Sechsundsechzig oder erzählten sich was. Bei uns war es ja langweilig, denn mein Vater war sehr krank und meine Mutter hatte mit dem Haushalt zu tun; und wenn Pappa wieder im Krankenhaus war, dann mit den Besuchen.

Ich war bereits berufstätig und arbeitete zu der Zeit in einem Adressenverlag. Muß so um 1950/51 gewesen sein. An einem Samstag Abend kam mein Bruder freudestrahlend mit einer riesigen Kiste, die mit einer Tischdecke abgedeckt war, nach unten und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. „Wir haben etwas geschenkt bekommen“ erläuterte er freudestrahlend den Umstand und stellte das ziemlich schwere „Geschenk“ ächzend auf den Wohnzimmertisch. Nachdem er mit zackigem Voilá die blau-weiß gewürfelte Tischdecke vom „Geschenk“ entfernte, kam ein ziemlich kompaktes Telefunken-Radio in einem schönen Nußbaumgehäuse zum Vorschein. Das hatte er sich mit seinen Besorgungen und Gefälligkeiten verdient, denn die alten Leutchen hatten von ihrem Sohn eine neues Gerät bekommen. Der wohnte in Frohnau und kam jeden Monat einmal zu Besuch.

Es begann nun eine wunderbare Zeit für mich, denn abends war mein Bruder nicht da und meine Eltern wohnten in dem kleinen Zimmer oder saßen in der Küche, denn da war es warm. Musik, Nachrichten, verschiedene Sender, Hörspiele – die Welt kam ins Haus. Klarer Empfang – Unterhaltungssendungen. Und Lautstärke. Da mußte ich mich zurücknehmen, sonst gab es Ärger. Den gab es sowieso, denn es war ja „sein“ Geschenk, ich durfte allerdings mal – aber nur bei entsprechender Gegenleistung. So ist das wohl üblich unter Geschwistern. Dann nahm ich ihn gnädiger Weise mit auf die Industrieausstellung, da hatte er sich dann drei Pfund Prospekte mitgenommen und zuhause studiert, was es alles so gab.

Es war noch viel wieder aufzubauen in Berlin, und ich habe zwar noch alle Erinnerungen weitgehend im Kopf, aber nicht mehr so genau die zeitliche Abfolge. Oft gingen wir in Eintracht in eines der beiden Flohkinos in der Nähe, aber auch in ein „Lichtspielhaus“, das renoviert worden war, und da nahmen wir die Gelegenheiten oft wahr. Ein paarmal waren wir auch in Ostberlin im Kino, aber es hatte immer ein unsympathisches Gefühl hinterlassen.

Es war die Zeit der tollen Filme, von denen man später noch jahrelang träumte und sie auch nie vergessen konnte. Und Gesprächsthemen natürlich, denn inzwischen hatte sich auch wieder ein kleiner Freundeskreis gebildet. Davon abgesehen unterhielten wir uns sehr gern mit Erwachsenen, denn durch unsere Eltern und unser zuhause waren wir oft bei vielen Themen sattelfest.

Inzwischen hatte man in Ostberlin das Stadtschloß gesprengt. Das hatte uns sehr betroffen gemacht. So verschwand nach und nach eine Erinnerung nach der anderen. Da die Kinobesuche meist nur eine Mark pro Nase kosteten, nahmen wir dann gerne mal die Mama mit, weil sie bezahlte. und da setzten wir und ziemlich weit nach hinten. Weil sie immer noch mal mußte und auch gerne Bonbons au8 einer Cellophan-Tüte aß. Das hörte man durch das ganze Kino; aber die Mißbilligungsäußerungen prallten total an ihr ab, als ob es sie überhaupt nichts anginge. Nachdem man Werbung und Wochenschau über sich hatte ergehen lassen, begann endlich der Film und mein Bruder nahm ihr kurzerhand die Bonbontüte weg und steckte sie in seine Jackentasche. Aber eine Weile hörte man dann noch das knacken, wenn sie den Rest des Bonbons zerbiß. Und dann endlich: René Clair – Cayatte – Cocteau – Adolf Wohlbrück im Reigen, der Reihe nach die Kinos besucht -, hinterher stundenlang diskutiert, erklärt und mehr oder weniger begeistert – meistens mehr.

Und dann wieder nachhause zu unserem kranken „Häschen“. Meine Mutter hatte meinen Vater immer „Häschen“ genannt, und er sie „Mullekin“ oder „Kleiner“, weil sie klein war. Einmeterneunundvierzig. Und als unser Pappa dann alt und sehr krank war, war er unser aller Häschen. Geduldig, weise und verständnisvoll. Dann überschlugen wir uns natürlich, um wärmstens über das gesehene zu berichten und auch über die Neuigkeiten aus der Wochenschau. Während dieser Zeit machte ich auch eine Erbschaft, so daß ich nun mit meinem Bruder konkurrieren konnte. Eine Kusine, die mit einem Ami befreundet war, schenkte mir einen Stapel LIFE Magazine und einen Stapel Reader‘s Digest auf english. Also, zunächst sahen wir uns schon mal die Bilder an. In der Schule hatte ich kein English. Aber dann in der Handelsschule, als ich den Adressenverlag aufgab. Oder er mich. der machte nämlich pleite.

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