Alles hat seinen Preis

Erinnerungen

brechen oft unangemeldet über einem herein, so wie es irgendwie einen Aufhänger gibt. So schrieb ich gerade vorher in meinen „Fliege“ – Erlebnissen von den Stromsperren nach dem Kriege und wie man sich da unterhalten hat, ich meine, unter welchen Voraussetzungen.

Da waren wir total ausgebombt und wohnten in Reinickendorf und bekamen ein Zimmer mit Küchenbenutzung zugewiesen in einem Neubaublock in einer Wohnung, die von einem Parteigenossen. der Beamter war und auf seine Entnazifizierung wartete, bewohnt wurde. Da durften wir stundenweise auch die Küche benutzten und saßen dann bei Stromsperre und Brennesselspinat bei einem Notlicht, daß wie brennende Schuhcreme mit Docht auf dem Küchentisch stand und vor sich hin stank und blakte, und froren leise vor uns hin.

Ich hatte eine Schulfreundin, die ganz in der Nähe wohnte und die nicht ausgebombt war, denn in Reinickendorf waren kaum Bomben gefallen. Der Rest, den Berlin abbekommen hatte, konzentrierte sich auf die gesamte Innenstadt. Die Eltern und der kleine Bruder waren auch sehr nett, und es war eine relativ junge Familie im Gegensatz zu uns, denn mein Vater war in zweiter Ehe verheiratet und meine Mutter hatte ziemlich spät mit dem Kinderkriegen angefangen.

Also, mal abgesehen von tragischen, komischen, häßlichen und Horror-Erlebnissen weiß ich nicht mehr so recht, wie lange wir mit der Stromsperre leben mußten, aber jedenfalls eine ganze Weile. Da nahm man es nicht so genau mit dem Einlaß in die Filmtheater, und Traute‘s Eltern waren ja unsere Erwachsenenbegleitung, („Einlaß nur in Begleitung Erwachsener“) so daß wir alle gespielten Filme anstandslos besuchen konnten. Außer in der damaligen Zeit war ich kein großer Kinogänger, und später hatte ich eine umfangreiche DVD-Sammlung angelegt und den Genuß für zuhause aufbewahrt.

Aber die Filme von damals, die haben sich eingegraben in das Gedächtnis und das Empfinden wie keine anderen, schon, weil jedes Mal nach dem Kinobesuch eine Wucht von Gefühlen und Empfindungen über uns hereingebrochen war, die wir dann bei Reinemanns am Küchentisch bei Genuß von „Heißgetränk“ seelisch und mental verarbeiteten. Die bereits vorhandenen Lebenserfahrungen hatten uns junge Mädchen reif werden lassen und die keineswegs mit „Trotzköpfchens Mädchentage“ in Einklang zu bringen waren.

„Die Kinder des Olymp“ mit Jean-Louis Barrault
„Rhapsodie in blue“ mit Al Jolson
„Symphonie pastorale“ mit Michéle Morgan
„Die Mörder sind unter uns“ von Wolfgang Staudte
„Der Graf von Monte Christo“ mit Pierre Richard Willm

Nur ein paar Beispiele und wie sie alle heißen bzw. hießen. Wir wohnten in der französischen Besatzungszone und sahen zu der Zeit eine Menge französische Filme, aber bis zum russischen Sektor war es nicht so weit und da sah man dann „Die steinerne Blume“ u. ä., und bei den Amis viele mit Musik und bei den Engländern viel mit Literatur. Nach der Vorstellung lief man dann kilometerweit durch die dunkle Stadt nachhause, außer man mußte durch eine Gegend, wo es gerade Strom gab. Alles in allem war es aber immer ein heiterer Abend. Und dann hatte man noch ein paar andere Klassenkameraden, die andere Filme gesehen hatten, und so hatte man gar keine Zeit, sich über etwas zu beklagen, denn für uns alle waren die persönlichen Umstände Normalität geworden. Und diese Umstände galten keineswegs für alle. Jeder hatte seine Umstände, denn die Menschen waren nicht ein bißchen anders als heute. Menschen eben.

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