Eine völlig unerwartete Erkenntnis

Ein ehemaliger Kollege meines verstorbenen Cousins hatte hier in einer Nacht- und Nebelaktion einst beschlossen, seine Firma zu verkaufen und mit Frau und Kindern nach Kanada auszuwandern. Das hatte natürlich kein Mensch für Ernst genommen. Da man ja immer nur bei besonderen Festivitäten miteinander zu tun hatte, fiel es zunächst überhaupt nicht auf, daß Familie Gründler durch Abwesenheit glänzte. Als ich aber öfter mal bei Bekannten in Herrsching am Ammersee zu Besuch war, traf ich ihn eines Tages in München bei einem EinkaufsbummeL So richtige Urlaube habe ich ganz selten gemacht, immer so Dreitageausflüge, weil die „Pflicht“ ständig penetrant nach mir rief. Nicht selten war ich mal in einem Hotel, wo nach spätestens drei Stunden schon die Firma anrief und es schallte durch das Foyer: Frau L. bitte an‘s Telefooon…

Es ist natürlich schon mindestens 30 bis 35 Jahre her, daß man nichts von einander erfuhr, aber letztlich haben viele Erinnerungen einen Langzeitwert, zumal, wenn sie gemeinsame Interessen verkörpern. Eine unserer hervorstechenden Gemeinsamkeiten war die Leidenschaft zur Jazzmusik, die ich auch mit meinem Bruder teilte und unsere Mutter immer fluchtartig in die Küche vertrieb. Und damals in der Münchner Zeit gab es Jazz-Clubs und Namen.

Na, inzwischen hatte ein ziemlich alter Herr einen Berlin-Besuch gemacht, um sich mit Verwandten in einer Erbschaftsangelegenheit auseinander zu setzen.Da plaudert man schon auch mit leichtem Grinsen und Verschwörer- Miene von alten Tagen. Ich pustete mich immer künstlich auf, wenn ich am Flugplatz Tempelhof meinen Koffer ausräumen mußte, und einmal frühmorgens noch vor sieben Uhr auch das Flughafenpersonal noch pennte und ich nach München flog, aber mein Koffer nach ich weiß nicht wo…. Damals waren es aufregende Zeiten, besonders in einer Viersektorenstadt. Dazumal spielte Willisohn in München, und ich wunderte mich immer über seinen Namen. Ich wußte, das er mit Zora Young mal eine Tourney gemacht hatte. Nun, das Feld ist ja groß und es gibt eine Menge beeindruckende Namen.

Meine Kinder wohnen in Altona und da ist auch immer etwas los und die oft beeindruckenden Ereignisse teilen sich in die Zeise-Halle und die Fabrik. Da spielte Willisohn in der Fabrik und der ganze Mann ist eine Musik und man meint immer, er möchte sich vor Leidenschaft in der Luft zerreißen. Den Namen vergißt man eben nicht, weil er eigenwillig ist. Und den Mann vergißt man erst recht nicht. Ich hätte schon bei Gene Krupa immer ausflippen können was die Leidenschaft ausmacht. Da gab es 2008 oder 2009 mal ein Festival in der Fabrik. Nun ist er mir wieder begegnet, der Name Christian Willisohn, da hat man ein paar Erinnerungen aufgewärmt, aber nun haben wir uns mal mit seiner Karriere auseinandergesetzt und ich bin einfach platt. Was mich aber sehr verwundert ist, daß man zumindest hier kaum etwas von ihm zu hören bekommt.

Blues In My Bottle könnte ich stundenlang hören. Das Quasimodo gibt es immer noch. Aber ich finde, es ist besser man erinnert sich und hat emotionale Höhenflüge anstatt zu versuchen, Erlebnisse, Eindrücke und Gefühle von damals in die heutige Zeit zu transportieren. Ich war auch schon ewig nicht mehr bei Dussmann, um mich mit Kultur zu umgeben, ich bin mit allem ausgestattet. Außer mit Zeit. Na, jedenfalls hat man aber ganz beiläufig die Erfahrung gemacht, daß man ein außerordentlich erfahrungsreiches Leben gehabt hat, und daß es viel mehr Wert hat als ein Bankkonto (Da hätte ich nu aber auch nix dagegen)!

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