SPLITTER (3)

Erinnerungen – Erfahrungen

„Gold gab ich für Eisen“ war eine Aktion aus dem Ersten Weltkrieg, in der die Bürger genötigt wurden, ihren Schmuck abzugeben und dafür Schmuck aus Eisen einzutauschen. Meine Oma und meine Mutter besaßen etwas eisernen Schmuck;, nur eine einzige goldene Brosche aus dem Familienbesitz verblieb noch als unser Eigentum, da sie wohl immer gut versteckt worden war. Diese mußten aber nach dem Kriege meine Eltern auf dem  „Schwarzen Markt“ gegen Brot, bzw. Brotmarken eintauschen. Indem ich hier diesen Satz schreibe, fallen mir auch wieder die Lebensmittelkarten ein, die man ja während des Krieges bekam und noch einige Jahre nach dem Krieg gehörten sie zum täglichen Leben. Buttermarken, Brotmarken, Zucker- usw. Man durfte sie nicht verlieren.

Im letzten Kriegsjahr mehrten sich die Aufforderungen, die Rohprodukten- Sammlungen zu unterstützen. In der Schule hatten wir nur noch Appell, weil auch öfter am Tage überraschend Bombenangriffe stattfanden. Eines schönen Tages kam ein Handwerker mit Ausweis und erklärte uns, daß er nun alle unseren Messingtürklinken abmontieren würde und sie durch mattsilberne, anscheinend Aluminium, mit einem schwarzen geriffelten Plastik-Griff ersetzen würde. Da dieser Überfall ohne vorherige Ankündigung stattfand, waren wir natürlich alle Mann baff.

Mein Vater blieb stumm, meine Mutter und meine Oma schnatterten auf polnisch in rasendem Tempo, was ich als Unmutsäußerungen einstufte. Ich heulte, der Bruder saß im Garten in der Buddelkiste und der Handwerker, der eine blaue Montur anhatte und einen Werkzeugkasten dabei sowie einen Sack, im dem es klapperte, blieb ruhig und freundlich und tat seine Pflicht. Er hatte eine spiegelblanke Glatze, strahlende blaue Augen und eine ziemlich dicke Unterlippe, die ihn wohl störte und die er ab und zu schmatzend zwischen die Zähne zog. „Maxe Mondschein“ brabbelte mein Vater und ich mußte lachen. Er taufte ganz gern mal die Leute um. Meine Mutter hatte es gehört und hörte auf zu schnattern und die Oma auch. Weil nun „Maxe Mondschein“ ja nur seine Pflicht tat, wurde er jetzt nicht mehr als unliebsamer Eindringling angesehen, sondern als Opfer der Umstände. Daraufhin wurde Kaffee gekocht und irgendetwas Gebackenes dazu gereicht, und nachdem sich die Erwachsenen recht munter über die „Zustände“ geäußert hatten und Maxe den nächsten Haushalt heimsuchte, musterten wir gemeinsam mit verächtlichen Blicken die Mißgestaltung unserer Türen. „Räder müssen rollen für den Krieg“, Türklinken muß man opfern für den Sieg!“ Aber das Eine wir das Andere hatte ja irgendwie nicht geklappt.

In der Schule mußten wir gesammeltes Altpapier abgeben und bekamen dafür Punkte. Viele Kinder waren schon weg mit der „Kinderlandverschickung, Und einige, auch aus meiner Klasse, waren den Bombenangriffen zum Opfer gefallen. Mein Vater brachte stapelweise Altpapier, Zeitungen, Journale, alles was so in den einzelnen Büroräumen der Behörde noch herumlag, und ich lieferte das Altpapier ab und bekam dafür eine Menge Fleißpunkte. Ich sammelte auch die Zahnpastatuben und Silberpapier – Stanniol. Aber trotzdem hatten wir den Krieg verloren.

Und da wir nicht in der Partei waren und mein Vater auch nicht eintrat, mußte er gewisse Dienste leisten. So mußte er an Sonntagen durch die Innenstadt gehen mit der Sammmelbüchse klappern und rufen: „Eine kleine Spende für das We Ha We“, und dann gab es Anstecknadeln aus Kaesin, die leuchteten im Dunkel, denn wenn nachts Stromsperre war, konnte man nicht sehen, ob einem jemand entgegenkam. Diese Anstecker waren irgendwie phosphorisiert, und wenn man sie unter eine leuchtende Glühbirne hielt, strahlten sie eine Weile in der Dunkelheit. We Ha We das war des Winterhilfswerk. Es leistete wirklich große Dienste, wenn die Leute bei manchen Angriffen plötzlich ohne Alles dastanden. Da gab es als erste Hlfe schon ein Notstanspaket.

Ich wollte nicht weg – ich wollte zuhause bleiben bei meiner Familie. Aber da scherte sich niemand drum. Die Kinder mußten eben in Sicherheit gebracht werden. Also kein Pardon. Schule gab‘s nicht mehr. Ich wurde in die Tschechoslowakei evakuiert.

Berlin, den 25. Juni 2014/Lewi

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2 Kommentare zu “SPLITTER (3)

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