Lückenbüßer

Nachdem ich mich und sicher fast alle anderen fleißigen WM Verfolger mit dem Spiel Belgien : USA sich beglückten und ich in weiser Voraussicht einen langen Mittagschlaf machte, ich auch außerdem zwecks Wohlbefinden während der Fernsehdarbietungen einige Tassen Kaffee intus hatte, hielt mich die Frage wach, weshalb ich so einige Jahre WM zwar nicht aus meinem Gedächtnis gelöscht, aber doch irgendwie in eine unbedeutende Nische verbannt habe. Es fiel mir so auf Abruf schwer, mich an bestimmte Begebenheiten ohne Gedächtnisstütze zu konzentrieren. Man muß ja schließlich auch bedenken: Es ist ja schon ein paar Jährchen her.

Meine zweite Tochter hatte sich zwanzig bzw. zweiundzwanzig Jahre Zeit gelassen, um nach Bruder und Schwester diesen Planeten für ihr zukünftiges Dasein zu -na ja, nicht zu betreten, aber mit ihrem Vorhandensein zu beehren. Das war eine weise Entscheidung. Und wenn ich nun mal rechne – also jung ist sie ja nun gerade auch nicht mehr. Auf jeden Fall den Flegeljahren bereits entwachsen.

Die WM im Jahre 1978 fand im Juni statt, und im Juli wurde meine Tochter 1 Jahr alt. Da Bruder und Schwägerin ein ziemlich wildes Kind hatten, das schon drei Jahre alt und einen ziemlich verrückten Hund, der kaum zu bändigen war, fanden rege Besuche selten statt, weil unsere Mutter nach einem Besuch der „Familie“ jedes Mal einem Nervenzusammenbruch näher kam. So kann ich mich nur dunkel daran erinnern, daß eine junge Frau, die gleichzeitig in der Klinik mit mir entbunden hatte, mit ihrem kleinen Mädchen mehrmals zu Besuch kam und wir dann auf jeden Fall „Fußball“ guckten. Sie lebte aber mit dem Kind allein und hatte eine Vorliebe für Alkohol, ich aber nicht. Und ich bin auch in den meisten Fällen nicht sehr gesellig und auf keinen Fall habe ich seelsorgerische Ambitionen. Das verhinderte weitgehend eine entstehende Freundschaft.

Da meine Mutter eine gewissenhafte Zeitungsleserin war und sich besonders für Politik und Geschichte interessierte und mich ständig auf dem Laufenden hielt, um meiner „Weltfremdheit“ entgegenzuwirken, wurde ich immer bestens informiert und belehrt, aber zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich das meistens wieder aus meinem Gedächtnis löschte, um mich mit meinen eigenen Interessen zu beschäftigen. Vornehmlich ging es damals um die Zustände in Argentinien. Und daran kann ich mich nun wirklich erinnern, nicht an einzelne Fußballspiele. Es ist jedenfalls eine WM gewesen, an die sich nur wenige Menschen und dann sehr ungern erinnern, und selbst die Fußball-Experten gerne über die Tatsachen hinweg sahen, um die Ausrichtung der WM in Argentinien zu verteidigen.

Die WM im Jahre 1982 war da nun mal wesentlich interessanter und fand in Spanien statt, aber Italien wurde Weltmeister. Ich arbeitete damals in einer größeren Hausverwaltung um Daten zu sichern für das Steuerbüro in einer Nachlaß-Angelegenheit. Das war erstens sehr interessant, zweitens sehr unterhaltend. Der Hausverwalter war ein mittelalterlicher Herr; eigentlich Techniker bei Telefunken gewesen, bevor er für die Frau seines Herzens die Hausverwaltung übernahm. Sie war Ärztin, eine Tabakpfeifenrauchende ältere Dame und er, ein sehr umfangreicher Fünziger, mutierte in ihrer Gegenwart zum Kleinkind. Mich hatte er natürlich ins Herz geschlossen (wer nicht) und mich überall hin mitgeschleppt, zu Banken, Einladungen, Besichtigungen. Wenn mich diese Detektivarbeiten langweilten, die ich ja verrichten mußte, fragte ich ihn gerne, ob er mir erklären könne, wie die Musik in das Transistorradio kommt. Ach, wie oft erklärte er es; aber ach, wie oft habe ich das vergessen. Oder wir rechneten die berühmte Aufgabe mit den Reiskörnern und dem Schachbrett. immer die doppelte Mange aufs nächste Feld. Er mit dem Taschenrechner, ich auf dem Karo-Block. Und dann hatten wir das gleiche raus, aber ich hatte 1 Körnchen mehr. Und dann stritten wir noch eine halbe Stunde, weil ich sagte, das eine Korn auf dem ersten Feld muß man berücksichtigen. Darüber verging die Arbeitszeit und ich fuhr entspannt nachhause.

Und damals spielte Deutschland:Algerien, und damals war ich öfter bei Freunden in Lichtenrade eingeladen,. die in der Nähe wohnten und drei Söhne hatten, wovon einer eine zeitlang mein Kollege war. Der spielte auch bei irgendeinem kleinen Vorortverein, aber wohl nicht so berauschend. Er hatte mehr mit der Vorbereitung seiner Karriere am Hut. Da fand das Endspiel in Madrid statt und Italien wurde Weltmeister mit Paolo Rossi? Ich habe oft bemerkt, daß längst nicht alle Leute bei solchen Übertragungen, auch bei Olympiaden nicht vor dem Fernseher sitzen und zusehen, eher in der BZ die Sportseite lesen. Ebenso bei Tennis. Die meisten sehen lieber Krimis, Unterhaltungssendungen und Quiz.

So wie es in einer Familie einen Fußballfan gibt oder einen, der selbst spielt oder in der Jugend gespielt hat, ist es wie bei Skat. Jede Runde wird noch ewig diskutiert, und die Argumente ähneln sich. Hättest du nicht die zehn gespielt, hätte ich…..usw. Manchmal war das ganz schön nervig. Und damals gab es noch Pierre Litbarski, den mochte ich auch. Und Rummenigge. Die Nacht von Sevilla. Lothar Matthäus,Michael Ballack, Philipp Lahm, – und war da nicht Löw schon Bundestrainer? Es ist unglaublich wie die Zeit verrinnt und man überhaupt kein richtiges Zeitgefühl mehr entwickelt. Viele Ereignisse wirken, als ob sie gestern stattgefunden hätten. Es gab immer so eine Serie kleine Bilder von Fußballern, die meine Tochter sammelte und sie mir dann auf die Innenseite meiner Schranktür klebte. Da kleben sie noch heute, aber seit vielen Jahren habe ich sie überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Jedoch vor ein paar Tagen habe ich mir meine Lieblinge mal wieder angesehen; die Farben sind noch einigermaßen, aber die winzigen Namen unter den Bildern – Da mußte ich in einigen Fällen schon mal die Lupe zu Hilfe nehmen.

Die Fußball-WM 1986 fand in Mexiko statt und Argentinien wurde Weltmeister. Der Name Diego Maradona hat sich eingeprägt- Es gibt Sportler, deren Namen und sie selbst man einfach nicht vergißt. Maradona ist so einer. Rennfahrer, Schwimmer, Boxer, Tennisspieler, Reiter, Skispringer, Abfahrtsläufer, Eisläuferinnen, Bobfahrer – was auch immer für eine Sportart, die Namen bleiben haften. Diego Maradona – der Name zerging auf der Zunge. Na jedenfalls wurde Argentinien Weltmeister und hatte uns mir drei zu zwei besiegt, obwohl Toni Schuhmacher im Tor stand. Zu dieser Zeit arbeitete ich in einer Kanzlei, die außerdem auch noch Treuhänder war und hatte iede Menge männliche Kollegen, da wimmelte es von Sachverstand und Streitgesprächen, wenn wir in der Mittagspause essen gingen. Italienisch. Nur eine ältere Dame, Anwältin, tauchte drei mal in der Woche auf, um ihre Beratungstätigkeit aufzunehmen. Der Chef wollte mir die Schlüssel geben und meinte: Hier, machen Sie das mal. ich habe keine Lust mehr. Na, ich hatte auch keine. Trotz Kollegen – die alle rauchten wie die Schlote, filterlose Zigaretten und geschlossene Fenster. Wenn ich kam, konnte ich kaum einen hinter dem Schreibtisch wirklich erkennen.

Jetzt muß ich mich zunächst selbst von der Fußballerei erholen, aber ich werde diese Aufgabe meistern. Allerdings, in den Jahren 2000 bis 2013 hatte ich einige schwere Operationen – aber die haben mich je wieder „hin gekriegt.“ Erst, wenn mir die Begleitumstände erinnerlich sind und die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, fallen mir auch wieder alle Nebensächlichkeiten und auch die wichtigen Ereignisse ein.

Und die Fußballer laß ich auch im Schrank, nur die neuesten Generationen kenne ich nicht mit Namen. Aber die anderen Rentner sind mir noch gut in Erinnerung, Haha.

Berlin, den 2. Juli 2014/Lewi

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