SPLITTER (4b)

Das Haus in der Feilnerstraße 1, in Berlin SW 68

Dennoch wurde das Haus mit seinem blühenden Garten , den tönernen korinthischen Säulen, den zahlreichen Fresken und der kleinen Kegelbahn zur Attraktion und später zur Legende. Noch heute ist das „Feilnerhaus“ ein Begriff. Nach Feilners Tod hielt schließlich auch die gehobene Gesellschaft Einzug im Feilnerschen Haus, Mendelssohn fand sich in der ehemaligen Hasenhegerstraße ein, die jetzt Feilnerstraße hieß, und wo einst die schweren Kugeln der heimischen Kegelbahn rollten, erklang Quartettmusik und floß Champagner.

Über Jahre belebten Musiker und Künstler das Haus, bis ein Bildhauer namens Walsleben einzog, mit seinem stinkenden Widder, einem ausgestopften Adler, anderem „getrockneten Getier“ und der Mumie eines seiner Kinder „mit eingefallenen Augen und schiefem Mund achtlos und bestaubt.“ Der merkwürdige Walsleben aber war der letzte Künstler im Feilnerhaus. Danach zog die Industrie ins Haus des Kachelfabrikanten. Und lebte der alte Feilner noch, er hätte es wahrscheinlich begrüßt. Weberschiffchen sausten, Nähmaschinen surrten und Webstühle knarrten. Bis eine Bombe das Haus (nicht nur, sodern beinahme die gesamte Feilnerstraße) zerstörte. 1962 wude das Haus (die Ruine) endgültig abgerissen. Heute steht ein schmuckloses Seniorenheim an seiner Stelle. Meine Erinnerung bezieht sich nur immer auf den Innenhof, auf ein verträumtes Refugium, mehr gefühlt und geahnt als erkundet.

Feilner, dessen schmales Profil mit der Hakennase eher an römische Feldherren erinnert als an feiste Handwerkermeister,hatte den Titel des „Hoftöpfers“ und des „akademischen Künstlers“ erhalten, seine Terrakottaplastiken und seine Kacheln schmückten bedeutende Bauwerke, er kreierte den „Berliner Kachelofen“, Doch die Geschichtsschreibung erwähnt den Töpfer nur selten. Literatur über ihn ist rar; selbst im Personenverzeichnis der vielen Biographen über den Stararchitekten Schinkel sind unter „F“ meist nur Berühmtheiten wie Fontane, Fontaine und Fichte. Auf der Gedenktafel der Werderschen Kirche mit ihrem Schinkelmuseum bleibt Feilner unerwähnt, seine Büste dort ist eine unter vielen. Der Töpfer blieb eben ein Töpfer. Feilners Grabstätte war auf dem Luisenstädtischen Friedhof. Sie ist inzwischen eingeebnet worden.

Ehe die Spuren verwehen – ich wüßte nicht, wer außer mir überhaupt noch eine Erinnerung an die alte Feilnerstraße haben könnte. Mit dem Hintereingang der Post Linden/Ritterstraße, mit Stüwe, dem Milchkeller und Ton, dem Kohlenkeller, Mit der „Eierstelle und der Kegelbahn, mit dem kleinen Lebensmittel-Keller, dem hinter einem großen Zaun aus Eisenstangen bewehrten Vorplatz der Reichsschuldenverwaltung, in dem ein paar Akazienbäume standen.

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