SPLITTER (5)

Noch war nicht allzu viel vom Krieg zu merken, oder vielleicht hatte man das auch irgendwie ignoriert. Wir lebten in Berlin, wir liebten Berlin – mein Vater war ein waschechter Berliner, und mein kleiner Bruder und ich waren auf dem besten Wege, unverwechselbare Berliner zu werden. Auch die Oma liebte Berlin, schon weil das Schloß, der Dom, speziell der französische, das Zeughaus, die alte Wache und das Brandenburger Tor sich dort befanden, der Invalidenfriedhof wegen der „Bekannten“ und der Jüdische Friedhof, ebenfalls wegen der Bekannten. Noch konnte man da überall unbehelligt hingehen, und meine Oma hätte sowieso jeden Feldherrn ersetzen können, mit dem Stock, dem festen Blick und dem schwarzen Filzhut, der wie ein Dreispitz geformt war. Sie hatte es nun mal mit Fritz. Na warum auch nicht – jeder sollte nach seiner Fasson selig werden (können und bleiben), das funktioniert, wenn man es nachdrücklich genug proklamiert. Hab‘ ich ausprobiert.

Der Onkel mit den schicken Autos war inzwischen eingezogen worden, aber mein Papa war ihnen, bis jetzt jedenfalls, Gottseidank zu alt. In die Partei trat er nicht ein, dafür mußte er allerhand besondere Arbeiten übernehmen. Die Beamtenschaft der Behörde war, überhaupt die jüngeren Jahrgänge, bereits eingezogen worden und die, ich sage mal lässig, mittleren Jahrgänge und wichtige Persönlichkeiten zunächst Offiziere. Man kannte sich und machte (noch) seine Glossen: „ja, ja – der Flachs blüht!“ meinte meine Mutter. Sie hatten ja selbst genügend schlimme Zeiten hinter sich und da machte sich so eine Art Galgenhumor breit. Denn dem Unabänderlichen kann man sich nicht entziehen. Das hatten wir als Kinder auch schon mitbekommen.

Na jedenfalls, durch die relativ kurzen Fußwege waren große Spaziergänge in die unmittelbare Umgebung angesagt, und bei der Gelegenheit fand dann auch gleich immer so eine Art Heimatkunde statt. Es war schön, an sonnigen Sonntagnachmittagen fein angezogen und gut riechend durch den Tiergarten zu flanieren, zum Beispiel durch die Puppchenallee, denn da standen die ganzen Denkmäler. Und in den Zelten spielten Kapellen die neuesten Schlager und auch mal einen Marsch, und die Eltern tranken Kaffee und aßen den mitgebrachten Kuchen, den mein Papa gebacken hatte. „Mammatschi, schenk mir ein Pferdchen….“ sang die Dame im langen Kleid und untermalte den tragischenText mit entsprechenden Handbewegungen. Ach ja, „lauf nicht so weit weg, sonst findest du nicht wieder zurück!“ Ich hätt‘ schon allein nachhause gefunden. Neben den breiten Wegen lief eine Sandbahn einher, wo Militär hoch zu Ross das elegante Bild abrundete, ähnlich wie Rotten Row im Hyde-Park. Es war schön, es war (noch) friedlich und irgendwie hatte man so ein erhebendes Gefühl. Nur ganz weit unten im Bauch ballte sich etwas zusammen. Das kam, weil man (ich jedenfalls) schon als Kind „viel zu viel“ mitbekommen hatte. Vom ersten Krieg, wo mein Vater in Frankreich und in Rußland war, von Mutter, Oma, Onkel und Tante von der Vertreibung aus Polen und von den schweren Zeiten nach dem ersten Weltkrieg. Na, eines hatte ich von Anfang an begriffen. ohne Humor geht schon mal gar nichts.

In die andere Himmelrichtung führte uns ebenfalls ein Standardausflug, und zwar einer auf den Kreuzberg. Das war der Victoria-Park, und auf diesem Kreuzberg, der sicher dem Bezirk den Namen gegeben hatte, hatte man wohl sogar schon mal Wein angebaut. Es gab dort auch einen ziemlich hohen Wasserfall, der von innen künstlich beleuchtet wurde. Und eine ganze Reihe große Volieren, in denen die verschiedensten Raubvögel gehalten wurden. Die mochte ich nun nicht so sehr; ich fand, „iiih, die stinken ja!“ Der Kreuzberg ist über 60 Meter hoch, und manche Wege gehen steil nach oben. Dort gibt es auch ein Schinkel-Denkmal, das die Grundform des Eisernen Kreuzes hat und an die Befreiungskriege erinnern soll..Also, das war auch so ein Standard –  Spaziergang, und mehr als Wasserfall, Raubvögel und Denkmal war die Tatsache interessant, daß der Rückweg an einer Eisdiele vorbei führte und wenn mein Vater regelmäßig so tat, als wäre sie überhaupt nicht vorhanden, wir uns hemmungslos mit, Trotz, Wut, Zornesausbrüchen Luft machten und dann meistens verheult doch noch in den Genuß einer „großen“ Erbeer-Vanille kamen. Die Straßenbahn brachte uns wieder müde zurück, und mein Bruder war regelmäßig eingeschlafen. Und ich bockte regelmäßig und beklagte mich, daß wir jedes Mal so ein Affentheater wegen einer Eiswaffel machten.

Aber als wir dann endlich todmüde im Bett lagen, sagte ich öfter: „ach Pappa, erzählre doch noch einmal, wie ihr das Spanferkel gebraten habt, daß du auf das Bajonett gespießt hast, und wie ihr es gebraten hattet und die Russen sind zum Essen gekommen und ihr habt gesungen, und am anderen Tag auf einmal war Beschuß, weil sie Befehl bekommen hatten …. Ja, Onkel Gustav war dabei, sie waren immer zusammen, seit der Buddelkiste.

Später, als ich in einem Altenheim im Büro arbeitete, hat mir ein sehr alter Herr sein Tagebuch aus dem ersten Weltkrieg geschenkt, das er mal führte. um es seiner Freundin nach dem Krieg zu geben, falls er überlebt. Sie ist leider schon vorher ums Leben gekommen. Und in diesem Tegebuch steht, wie sich an ruhigen Tagen die feindliche Soldaten gegenseitig besuchten, bis Befehl kam und sie wieder Krieg spielen mußten. Das war teilweise sehr herzergreifend. Ich habe dieses Tagebuch meinem Sohn gegeben, dem zum Glück ein ähnliches Schicksal erspart geblieben ist. Ich weiß nicht, ob er es noch hat. Bestimmt in irgendeinem Karton, in dem man alles möglich aufbewahrt.

Berlin, den 24. juli 2014

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