SPLITTER (6)

Die Stätten der Begegnung

Nach einer gewissen Zeit des Umherirrens und dem Zwischenaufenthalt an den unmöglichsten Orten hatte man nun endlich in einem sogenannten Kiez eine Bleibe gefunden, mit dem erschreckenden Unterbewußtsein, daß man sich aus dieser Situation wohl niemals selbst befreien könne, um irgendwann einmal wieder individuell zu leben. Aber – schließlich war man ja keine Ausnahme. Wie es im Rüttlischwur so schön heißt: „Wir wolllen sein ein einig Volk von Brüdern“ gab es in diesem Volk mehr Uneinigkeit, Neid und Mißgunst als sonst in Beispielen in der Literatur. Schon allein durch die Viersektorenstadt gab es eine Menge Gründe, sich nicht grün zu sein, und dann gab es trotz allem noch einen großen Bevölkerungsanteil, der n i c h t ausgebombt war, der Beziehungen hatte, der gesellschaftlich dank entsprechender Verbindungen wieder tonangebend war, und viele kleine Leute, die ihr Leben fristeten in dem Bewußtsein, daß sich ihre Zukunft nie ändern würde, weil es die anderen überhaupt nicht zuließen. Man lebte eben.

Und viele junge Mädchen und Frauen hatten ihre „Beziehungen“ zu den jeweiligen Besatzungssoldaten, die oft ziemlich großzügig waren und deren Familie gleich mit ernährten. Was den entsprechenden Damen auch gleich wieder Ansehen verschaffte, denn sie konnten repräsentieren. Viele Familien lebten ohne Vater, aber im Gegensatz zu den später verbreiteten Behauptungen. daß es im Hitler-Reich kinderreiche Familien gab, dir dem „Führer“ Soldaten schenkten, war das eine absolute Minderheit. Ich kann mich nicht erinnern, daß es Familien mit vielen Kindern gab. Während meiner ganzen Schulzeit hatten die Familien ein oder zwei Kinder, sehr viele gar keine. Und wenn es ausnahmsweise drei waren, sah man sie schon irgendwie schräg an. Denn zu dieser Zeit wachte man auch wie die Geier über die Sexualität, ob katholisch oder nicht, Die Männer waren im Krieg und die Frauen in der Fabrik, und die Kinder größtenteils sich selbst überlassen. Und der Rest der Bevölkerung, ältere Frauen, die in verschiedenen Organisationen tätig waren, rechneten ständig nach, wie oft man hatte, wenn jedmand drei Kinder – also wirklich. Denn eine deutsche Frau war sauber. Und die jungen Frauen mit den Besatzern – na hören Sie mal-! Aber auch diese hatten einen Anspruch auf Zukunft, auf Leben und Überleben und warum sollten sie eigentlich nicht.

Und wenn man sich heute erinnert: es war eigentlich eine aufregende und trotzdem auch eine schöne Zeit. Die Zeiten sind ja nicht unbedingt schön im Überfluß, sondern schön ist, was einem die vorhandenen Gelegenheiten erlauben zu tun. Und eine davon zum Beispiel war: man konnte ins Kino gehen. Man konnte ins Theater gehen. Man konnte tanzen gehen. Man konnte S-Bahn fahren. Man konnte Baden gehen. Man konnte… alles mögliche. Man hatte Lebensmittelkarten, irgendwann gab es so eine Art Besatzungsgeld, die Blockade und die Stromsperren hatte man irgendwie überstanden und irgendwann gab es angesehene Politiker, die in Berlin Geschichte machten.. Man hatte ein kleines Radio, die „Berliner Morgenpost“ und wenn auch kaum Möbel und keinen Wintermantel, keine festen Schuhe – man hatte einen Sack voller Erinnerungen und noch lebten Papa, Mama, Oma und „man“ verließ mit 14 die 8.Klasse der Volksschule um vom Arbeitsamt gleich eine Stelle zugewiesen zu bekommen. Als zahnärztliche Helferin in Wittenau.

In den drei westlichen Besatzungszonen trat die Währungsreform 1948 in Kraft. Alle bisherigen Zahlungsmittel erloschen außer Kleingeld bis zu einer Mark. Ebenfalls behielten zunächst noch Briefmarken ihren Wert. Na, wer schreibt schon was an wen, um da Vorräte angelegt zu haben. Ich glaube, man konnte 1 : 1 60 RM umtauschen, falls man so viel besaß. Ich weiß auch nicht mehr, ob pro Person. Meine Mutter arbeitete in der Provinzstraße in einem Keller und spülte Flaschen, mein Vater arbeitete bei Argus in der Flottenstraße und strich Maschinenteile mit stinkender grauer Farbe an, und ich fuhr nach Wittenau zum Zahnarzt. Mein Bruder war von der Kinderlandverschickung in den Schwarzwald vermittelt worden und hatte es dort anscheinend ziemlich gut. Er ging dort auch zur Schule.

Zu dieser Zeit wohnten wir noch in Reinickendorf, bevor wir dann in dem zuerst erwähnten Kiez erst mal eine Bleibe von 27 Jahren gefunden hatten. Man begann, sich bereits damit abzufinden. Alles Gewöhnungssache sage ich mal. Immerhin – Wie in meinen Artikeln in: Meine Stadt – Meine Liebe über meine ersten wirklichen Berufsjahre nachzulesen: das hatte schon was!

Berlin, den 25. Juli 2014/Lewi

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