SPLITTER (8)

Sonderwünsche

Nachdem die Kinder aus dem Hause und sich auch ihr neues Domizil in anderen Gegenden aussuchten, wo bereits auch schon teilweise ihre Freundschaften beheimatet waren, war es doch ruhig in meinem Leben geworden, was natürlich auch seine Vorteile bot, weil man nun endlich mal machen konnte was man wollte, und wann. Wir hatten immer ein offenes Haus und alle hatten sich sehr wohl bei uns gefühlt. Und auf einmal war ich dann mit meiner Freiheit ganz alleine. Das hatte was für sich. Und berufstätig war ich ja auch noch.

Nachdem ich so ab und an die neue Heimat der Kinder erforschte, kamen aber von dort auch Besucher nach Berlin, um diesen teilweise hochgelobten, teilweise verruchten Ort unter kundiger Führung näher kennenzulernen. Dann quartierten sie sich bei mir ein und machten Entdeckungsfahrten, aber letztlich wollten sie zuhause keine Vorträge hören, sondern an Ort und Stelle unterrichtet werden. Nun, dann war es ratsam, die flachen und bequemen Schuhe anzuziehen, genügend Geld einzustecken und zunächst mal zu überlegen, welche Attraktionen nun dem vorübergehenden Gast zu bieten resp. zuzumuten waren. Das hatte ja oft auch sehr erheiternde Aspekte.

So kam zunächst mal, später öfter, ein alter Jugendfreund der großen Tochter aus der schönen Hafenstadt nach Berlin, um erst mal festzustellen, ob hier wirklich alles so easy sei wie erzählt wurde. Er nächtigte hier bei seinen Bekannten, die beide berufstätig waren und keine Zeit für „Lullakins“ hatten. Er rief mich also an und wir verabredeten uns, und er gestand mir, daß er schon immer ein leidenschaftlicher Straßenbahnfahrer gewesen wäre und wir unbedingt wo hin sollten, wo man nach Herzenslust Straßenbahn fahren könnte. Nun war ich ja Westberliner, wo sie unsere schönen alten Straßenbahnlinien längst abgeschafft und dafür Buslinien eingesetzt hatten. Sonst wäre ganz gemütlich auch eine Straßenbahn bis zu uns, Endstation, gefahren.

Da ich am südlichen Ende Berlins wohne, hatte ich von den Verkehrslinien in Ostberlin so gut wie gar keine Ahnung, obwohl Berlin längst eine Stadt war. Busse, U- und S-Bahnen deckten meinen Bedarf hinreichend ab, um mich in der Stadt zu bewegen. So strengte ich mein Hirn an, bestellte ihn zum Alex und beschloß bei mir: die erste beste Straßenbahn die kommt, wird genommen. Egal wo hin, Hauptsache, die Strecke ist lang.

Nach einigen Kreuz- und Querfahren sagte ich, nun müßten wir aber mal ein Ziel anvisieren, mir geht die Fahrerei langsam auf den Keks. Sonst fahre ich nachhause, und er kann Straßenbahn fahren, bis Mitternacht (falls sie so lange fährt.) So landeten wir schließlich in Marzahn, am entgegengesetzten Ende der Stadt, in den „Gärten der Welt“ und waren nun, genauso wie alle anderen Besucher, über diesen Einfall restlos begeistert. Nachdem wir uns am Eingang erst mal eine Stärkung mit Bratwurst und Kaffee aus dem Pappbecher einverleibten, damit wir auf den ellenlangen Spazierwegen keinen Schwächeanfall bekamen, stürzten wir uns in das Abenteuer. Aber abgelenkt, wie ich an diesem Tage war, hatte ich keinen Fotoapparat mitgenommen. Das bedaure ich noch heute, weil ich inzwischen keine Gelegenheit mehr hatte, dort noch einmal hinzufahren. Das wäre schon eine kleine Reise.

Anläßlich der Siebenhundertjahrfeier Berlins wurde zu damaligen DDR-Zeiten der Erholungspark Marzahn noch als Berliner Gartenschau eroffnet, als Pendant zur BUGA in Berlin-Mariendorf, die sich inzwischen zum Britzer Garten wandelte. Denn das Gelände ist ebenfalls ziemlich groß und grenzt an der entgegengesetzten Seite an Britz. Die „Gärten der Welt“ hatten es uns angetan, so daß wir bemüht waren, keinen Pavillon auszulassen. Auf dem Gelände gab es Restaurants, so daß wir zunächst mal beruhigt waren, nicht kraftlos auf dem Fußweg zusammenzubrechen.

Der Chinesische Garten, der Balinesische Garten, der Koreanische Garten, der Japanische Garten, der Italienische Renaissance Garten; man ist ja fix und fertig, wenn man da wieder draussen ist. Dann schaukelt man zunächst mit der Straßenbahn heimwärts, und ich kann versichern: die Füße tun einem verdammt weh. Da habe ich immer die jungen Frauen bewundert, die mit Riemchensandalen oder Stöckelschuhen (die sie mitunter in der Hand trugen) über die Wege schlichen.Erschöpft trennten wir uns am Alex und ich fuhr mit der S-Bahn nachhause.Nicht, ohne noch eine leichtsinnige Versprechung zu machen, „Ist das alles? Dazu bin ich doch nicht nach Berlin gefahren (mit der Mitfahrerzentrale). „Habe doch noch einen Tag Zeit. Laß Dir mal etwas einfallen, oder – ach ja, das könnte man ja auch noch machen!“ „Hä?“

„Ich war ja noch nie in Kreuzberg. Ich höre ja bloß immer davon. Ist es schlimm?“ fragte er. „Nimm ruhig dein Taschenmesser mit, Pfefferspray und die Seidenschnur“ sagte ich etwas unfreundlich. Also, bis auf das Taschenmesser (Schweizer, kleines) hatte er nichts weiter mit (vorsichtshalber auch kein Geld). Nun war es ja Freitag, wir verabredeten uns auf der U-Bahnstation Mehringdamm, um uns dann zunächst in das multikulturelle Leben zu stürzen. Vorsichtshaber zog ich wieder die Wanderschuhe an, obwohl mir die Füße noch von gestern ziemlich weh taten; trotz abendlichen Fußbades und Anwendung verschiedener Heilsalben.

So schlenderten wir zunächst durch die Bergmannstraße, die immer voller wurde, je mehr sie sich der Marheineke-Halle näherte und fanden, nach etlichen ach, ah‘s und oh‘s‘ an der nächsten Ecke einen Bäckerladen, wo man gemütlich Kaffee trinken und Windbeutel mit Kirschen und Sahne einpfeifen konnte. Die urige Atmosphäre hatte uns übermütig gemacht und andauernd wies man auf irgendeine Situation hin: sieh‘ mal hier, sieh‘ mal da. Dann liefen wir zu Fuß bis zur Kottbusser Brücke, die man schließlich auf jeden Fall persönlich in Augenschein nehmen mußte. Und das war ja nun auch nicht unbedingt um die Ecke. Nun war es aber nicht mehr weit bis zum seit Jahrzehnten beliebten Türkenmarkt, wo man nicht mehr gehen mußte, weil man vorwärts geschoben wurde. Der Markt ist auf der rechten Uferseite des Landwehrkanals, sozusagen auf der Neuköllner Seite und erfreut sich nach wie vor größter Beliebtheit, hauptsächlich auch bei Berlin-Besuchern. Da gibt es einfach alles.

Später zurück zum Kotti, Hochbahn-Fahrt bis Endstation Warschauer Straße, und da fährt eine Straßenbahn. Na rate mal wohin? Ich weiß es nicht. Ich glaube, es ist die Linie die über Seestraße fährt. Da trennten wir uns nun, und ich huschte schnellstens in die S-Bahn, die mich relativ schnell wieder in meinen geliebten Süden fuhr. Und Hunger hatte ich jetzt aber auch, trotz des wirklich guten Döners am Türkenmarkt.

Berlin, den 23. August 2014/Lewi

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