Schnee von gestern

Schnee von Gestern

Letzten Sonntag war Besuch da, und nach dem Kaffee wiederholte sich, wie in der Vergangenheit gelegentlich, der Einfall, den Schrank mit den Fotos und den dazugehörigen Utensilien durchzustöbern, falls noch irgendwelche vergessenen Erinnerungen zutage gefördert werden könnten. Man war überraschenderweise fündig geworden und hatte eine Menge Erinnerungen an vergessene Zeiten und Begebenheiten entdeckt und gleich mal besitzergreifend aussortiert. Kindergarten, Schulzeit, Freundschaften, Abi, Jugendfreunde – na ja, einen passenden Karton hatten wir auch gefunden, und alle waren glücklich und zufrieden, und ich hatte nun auch ein wenig mehr Platz im Schrank.

Als der Besuch gegangen war, sah es aber wirklich aus wie bei Hempels unterm Bett. Immerhin – zusammen genommen mit den alten ererbten Fotografien sind es ja wenigstens sechzig bis siebzig Jahre fotografische Erinnerungen von mindestens drei Personen, und wenn die Fotos nach mehrmaligen gemütlichen Nachmittagen intensiver Betrachtung unterzogen wurden und jeder mitnahm, was er dachte, daß er es braucht, verringerte sich der Bestand nur unwesentlich. Und dann bin ich wieder mit dem Rest alleine. Nur, daß er nun im ganzen Zimmer verteilt herumliegt und ich ein paar Stunden, wenn nicht Tage brauche, um alles wieder an Ort und Stelle zu deponieren.. Aber es reicht! Es liegt daran, daß ich fast bei jedem Foto, welches ich dann betrachte, über alles nachdenke, was damit in Zusammenhang steht. Da kommt schon allerhand zusammen.

Wir hatten immer gerne fotografiert, im Gegensatz zu manchen Bekannten, die leidenschaftlich „Filmschaffende“ waren, bei denen man, wenn man zu Besuch war, zwei Stunden Filmvorführungen betrachten mußte (und nicht mit Begeisterung und Lob zurückhalten durfte), wenn man das Kind, die Kinder, den Hund, die Katze, die Schwiegermutter, den Kanarienvogel der betreffenden Familie in Aktion erlebte. Es war eben eine Attraktion. „Damals“, und es hatte ja auch Spaß gemacht. Und es war eine Neuerung. Genauso wie Tonbandgeräte, Plattenwechsler, Transistorradio Und später die Funkgeräte, ziemlich groß, ziemlich schwer. Fast alle Jungen, ob groß oder klein, liefen durch das Gelän- de, funkten sich an und erzählten sich wichtige Dinge.

Nachdem ich nun die Sisyphos-Arbeit einigermaßen beendet hatte, fielen mir noch ein paar Umschläge von der alten Fotodrogerie in die Hände, in denen noch Fotos steckten, von denen ich mal die ganzen Negative weggeworfen hatte, weil ich dachte, die brauche ich nie wieder. Auf der Außenseite der Umschläge hatte ich aber sinnigerweise wenigstens die Daten geschrieben, wann ich die Aufnahmen gemacht hatte. So zwischen Achtziger und Neunziger Jahren. Schnee von gestern. Aber dieser Schnee begann zu schmelzen, und ich erinnerte mich an unschätzbare viele Stunden, die ich innerhalb mehrerer Jahre in Norddeutschland verbracht hatte und an die unglaublichsten Geschichten, die ich nun wahrscheinlich auch aufschreiben werde. Aufregung, Erlebnisse, Begegnungen, Abenteuer, Menschen, Unternehmungen, Katastrophen, Erkundungen – die längst in der Erinnerung schon in weite Ferne gerückt waren, tauchten urplötzlich wieder auf. Und dann saß ich weiter mit mir alleine, von einem Berg alter Fotos umgeben, in meinem Lieblingszimmer und träumte. Von Kappeln und dem alten Hochseesegler Mariechen und einem Teil der Besatzung und von dem Musikfest, wo Kind und Freundschaft als Mitwirkende fungierten bzw. die Freundschaft das private Publikum repräsentierte. Von Schleswig, wo ich mit dem Zugbegleiter in einen interessanten Diskurs verwickelt war, von Flensburg, wo wir Doktor‘s auf dem privaten Bauernhof besuchten und der Hofhund mich wie den Kronschatz bewachte, von Husum, von Nordstrand, von Eggebeck, von Eckernförde, von den Ausreissern nach Dänemark, nach Appenra, vom alten Haus im kleinen Dorf und Sonnenuntergängen hinter dem Gartenzaun. Und auch die Jahre, wo ich alleine durch Hamburg und Umgebung stromerte, denn natürlich hatten die Gastgeber keine Zeit, denn arbeiten muß der Mensch ja schließlich auch.

Nun habe ich zunächst mal alles wieder ordentlich eingepackt, auch das Einschulungsfoto der Enkeltochter mit großer Schultüte und erwartungsvollem Gesichtsausdruck, die längst schon eine attraktive junge Dame geworden ist. Na, ich bin eigentlich selbst gespannt, was sich da so alles ans Tageslicht drängen wird. Und hatte schon öfter mal befürchtet,mir würde nichts mehr einfallen. Ha!

Berlin, den 25. August 2014

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