SPLITTER (10 a)

Hauptstadtfieber (1.Januar 1896-1900 Fortsetzung)

Alfred Kerr, der junge Mann aus Breslau, achtundzwanzig Jahre alt, der übrigens ein sehr ansehnlicher Bursche war, stürzte sich in die selbstgestellten Aufgaben und schrieb für die Vossische, und Pietsch, Berufsjournalist,schrieb sein Leben lang auch für die Vossische. Und wie der Autor bemerkte, war das: wieder eine ganz andere Nummer.

Ein großer, kräftiger jünglinghafter Greis mit geröteten Wangen, die Silberhaare künstlerisch drapiert, in den feurigen grauen Augen ein rheinweinfeuchter Schimmer, die Manieren elegant, sicher, verbindlich, dabei in allem Tun und Lassen ein leiser Rest von Bohéme und Sichgehenlassen, was die ungewöhnliche Liebenswürdigkeit, die von dem Mann ausgeht, wirkungsvoll steigert.  Er ist ein  Draufgänger,   mit seinen siebzig Jahren, aus allen Gliedern zuckt ihm  die joie de vivre, er lebt aus dem vollen, er hat schwerlich die Hoffnung aufgegeben, Frauen noch gefährlich zu werden, er ist bei jedem notablen Festessen, bei jeder Premiere, in jeder Ausstellung, bei jeder Einweihung. Er geht mit dem Kaiser nach England und beschreibt Flottenmanöver, er geht zum Zarenbegräbnis nach Moskau und ist am Aband nach der Rückkehr im Opernhaus, und am nächsten Vormittag ein Champagnerfrühstück mitzumachen, um dann bei Schulte gesehen zu werden, einen Spaziergang durch den Tiergarten zu machen, eine Redaktionskonferenz abzuhalten, rasch einen Artikel zu schreiben, abends Gäste bei sich in der Landgrafenstraße zu empfangen und schließlich mit ihnen ins Café zu gehen.Er ist mit allen einflußreichen Künstlern intim, duzt sich mit Ministerialdirektoren und kommandierenden Generälen, drückt im Vorübergehen einem Kommerzienrat die Hand, küßt einer Schauspielerin den Ellenbogen und kneipt mit Eugen Zabel von der „Natinonalzeitung“, dem Maler Warthmüller und einer Handvoll Premierlieutenants an dem berühmten runden Tisch bei Hausmann.

Bei allen Frauen hat er einen Stein im Brett; denn wenn er sie schon durch seine Persönlichkeit bezaubert, wissen sie doch,  daß  er  ihre  Kostüme  beschreiben  kann……….
Ein Subskiptionsball kann ja ohne Pietsch gar nicht abgehalten werden! Er schildert die Lichter, den Glanz, die Pracht, die Farben, die Mull- und Tüllkleider und was sie nicht bedecken, er schildert die Parfüms, Die Musik, die Rosen und Heliotropen, die Fräcke, die Orden, die Gesichter, er schildert die jungen Mädchen – die Komtessen und die portemonnaie-aristokratischen-; er schildert die schönen Witwen und die glücklichen Gattinnen, die tapferen Krieger und die alten Exzellenzen – er schildert alles, bloß die Gedanken nicht, die seine Objekte im Herzen tragen. Hier macht er Halt, und hier liegen auch die Grenzen seines Könnens. Er malt die Oberflächen und er grämt sich nicht, daß er nicht mehr malen kann. Er ist mit sich zufrieden. Er schafft leicht, er verdient zwar keine Millionen, aber bei seinem Beruf führt er ohne Millionen ein Glanzleben. Er findet die Welt schön und will keinem Nebenmenschen Ursache geben, sie häßlich zu finden. Er verletzt niemanden, auch in seinen Kritiken nicht – höchstens die jungen Freilichtmaler bekommen mal ein paar Hiebe-, er ist der denkbar liebenswürdigste Kollege, auch gegen jugendliche Berufsgenossen von beschämender Kameradschaftlichkeit, seine Intimität mit den Granden steigt ihm nie zu Kopfe, und er scheint seinen versammelten Zeitgenossen in jeder Minute die Parole zuzuzwinkern: „Kindlein, liebet euch!“ oder „ Freut euch des Lebens“ oder „Mensch, ärgere dich nicht!“ oder „ O Gott, wie ist die Welt so schön, wenn man gesunde Glieder hat!“

Daß dieser alte Jüngling zu seinem siebzigsten Geburtstag ungewöhnlich zahlreiche Huldigungen empfing, ist begreiflich. Er verlebte das Jubiläum in etwas eigenartiger Weise. Es fiel auf den 25. Dezember; sein Wiegenfest begann also offiziell am 24. Dezember nachts zwölf Uhr. Da begann er denn auch mit der Feier. Er feierte in einer Tour von Weihnachten durch bis zum Anbruch des sechsundzwanzigsten Dezember, Er ging nicht schlafen, sondern – empfing! Die ganze Nacht durch waren Gäste da, sie kamen und gingen. Gegen Morgen entfernte sich der Jubeljüngling, nur auf fünfzehn Minuten, um eine kalte Dusche zu nehmen. Er wollte nämlich dieser Gewohnheit nicht entsagen, da er ihr seit gerade siebzig Jahren treu geblieben war. Die Gäste kamen und gingen. Er drückte unzählige Hände, ließ sich umarmen, teilte Küsse aus, tat gerührt, machte Honneurs, nahm unzählige Telegramme und einen Professorentitel entgegen, rauchte, trank Wein, stieß an und war glücklich. Man konnte kaum zur Tür hinein, so dicht gedrängt standen, saßen, schoben und pufften die Gratulanten; jeder, der zehn Minuten in dem von Küchendünsten, Büffetdüften und Blumengerüchen angenehm geschwängerte Raum sich aufgehalten hatte,wurde abgespannt, nur einer nicht: der höllische Festgreis. Am 27. Dezember sah ich ihn bereits im Deutschen Theater, nachher waren wir bei Ronacher zusammen. Nachts um eins wandelte er behaglich nachhause.

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Wenn eine Anmerkung erlaubt ist: Dieser Jubelgreis ist wahrhaftig eine ganz andere Nummer gewesen.

Die schönen Zeiten der „Originale“ sind wohl endgültig vorbei. Ich wüßte gar keine zu nennen, oder?

Ein Lesevergnügen auf ca.765 Seiten, fünf Jahre Briefe nach Breslau von Berlin, über Berlin .. Man muß es nicht mal unbedingt chronologisch hintereinander lesen. Zum Beispiel: Was war im Mai 1892 in Berlin los?.

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