Keine Feier ohne Meier

Das war mal (oder ist noch?) ein Werbeslogan, aber in diesem Falle war es Gänsemeier, der wegen seines Namens stets für eine Frozzelei gut war. Er nahm das mit Würde und  Schlagfertigkeit zur Kenntnis. Und einigen seiner, na ich will nicht unbedingt behaupten, Widersacher, aber immerhin doch ziemlich ablehnend gegenüberstehenden Kollegen war er zeitweilig ein Dorn im Auge. Das lag daran, daß er ein alter Schulfreund des Chefs war und deshalb eine Menge Privilegien genoß. Man muß aber betonen, daß er zu der Belegschaft hielt und Zwistigkeiten und Meinungsverschiedenheiten kurz und effizient beilegte.

Nun war es zwar nicht an jedem Freitag, aber immerhin an so manchem Freitag der Brauch, sich im Gemeinschaftszimmer noch eine Weile aufzuhalten, ein paar Biere zu trinken und die beiden Lehrlinge “auf Tour“ zu schicken, um je nach Wunsch Brathähnchen, Döner, Pizza oder Currywurst zu beschaffen. Wobei man das Bier nicht flaschenweise kaufte, sondern ein bis zwei Kästen immer in der Küche vorrätig gehalten wurden, falls es mal einer vor Durst nicht mehr aushalten konnte. Evchen, der Bürolehrling, hatte inzwischen perfekt gelernt, Kaffee zu kochen, und eine größere Blechbüchse mit Gebäck war auch stets gut gefüllt, so daß für das leibliche Wohl ausreichend gesorgt war. Der Chef rauchte einen sehr wohlriechenden Tabak in der Pfeife mit Deckel, Gänsemeier rauchte Villinger Stumpen, die Gesellen rauchten Goloises und die männlichen Azubi‘s Rothändle, während die Bürodamen sich mit Peter Stuyvesant angefreundet hatten.

Nach einer knappen Stunde geselligen Beisammenseins sah man seinen Gesprächspartner durch den Qualm nur noch undeutlich und konnte manchmal an der Stimme erkennen, ob man noch immer mit dem gleichen Menschen redete, mit dem man vor einem Stündchen ein Gespräch begonnen hatte. Es war eine sehr entspannte Atmosphäre, und wenn man dann abends nachhause kam, empfing einen die jeweilige Familie, Gattin oder Gatte, Freund oder Freundin: „Man, du stinkst ja wie ,ne Eckkneipe, geh‘ bloß auf‘n Balkon….!“

Es war mal wieder ein Freitag; das Jahr neigte sich dem Ende zu, als Meister Prömel ganz beiläufig erwähnte, daß man doch auch mal eine schicke Weihnachtsfeier außer Haus feiern könne, sozusagen bei einem Kunden, der ein größeres Etablissement bewirtschaftete und wo man ja auch die Kühlanlagen installiert hatte. Also, falls er vor Weihnachten noch einen Termin…..“Wo denkst du hin, Gänsemeier sagte der Chef entsetzt, aber die Belegschaft brach sofort in frenetischen Beifall aus. Fräulein Stolp, die etwas ältliche Chefsekretärin, sagte mit leicht zynischen Unterton: „So kurz vor dem Fest? Lächerlich. Einfach lächerlich.“ Aber trotzdem klappte die Sache doch noch, weil eine Feier bei Schlörmann abgesagt wurde und der nette Herr Schlörmann sich freute, den netten Verein von Brennecke, Kracht und Erben GmbH Be.Ka.E. Kühlanlagen in seinen heiligen Hallen begrüßen zu dürfen.

Da ja nun die ganze Sache jeder Diskretion entbehrte, waren alle täglich stundenlang damit beschäftigt, wie das nun aufgezogen werden sollte. Mit Tombola, Chef-Ansprache, Gänsemeier nicht vergessen, Musik, Tanz, Gesellschaftsspiele – also mindestens eine Polonaise und eventuell trägt auch mancher Kollege etwas passendes vor – (Ich dachte da an ein selbst verfaßtes Weihnachtsgedicht, an dem sich die Belegschaft beteiligt und es dem Chef zu Weihnachten überreicht). Eine bezaubernde Idee von Herrn Träger, der den Lieferwagen fuhr und öfter Reime schmiedete. „Der beste Gast es übel nimmt, wenn eine Fliege in der Suppe schwimmt!“ „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er runterfällt!“ „Hahaha hahaha hahaha hach!“ Vorfreude machte sich breit, und Herr Gänsemeier sagte in etwas schärferem Ton: “meine Damen und Herren, nun wollen wir aber mal wieder etwas arbeiten,nicht wahr? Sonst is nix mit auswärts feiern. Sonst is nix überhaupt mit feiern!“ Na, da hatte er sich mal wieder vorübergehend unbeliebt gemacht.

Dummerweise war es ein Donnerstag, an welchem die Party stieg, und Freitag – das konnte man sich ja schon vorher ausrechnen, fiel flach. Der Chef war gar nicht begeistert, und Fräulein Stolp bemerkte spitz: „Warum haben Sie sich denn breitschlagen lassen? Bisher ist es doch auch so gegangen. Wir sind ja kein Konzern!“ „Wir sind auch keine Bruchbude!“ entgegnete scharf Herr Schlörmann und sah wütend auf seine Schuhspitzen, damit ,die mickerige Ziege‘ seinen abfälligen Blick nicht bemerkte. in den kommenden Tagen ging wirklich alles ein bißchen drunter und drüber, und Gänsemeier mußte trösten, schlichten, anspornen. Frau Gänsemeier empfling jetzt öfter ihren Gemahl mit sorgenvollem Blick: “Ach Karl – du siehst blass aus. Und mir scheint, Du hast abgenommen!“ „Na ja“ sagte Karl ergeben und plumpste in den Fernsehsessel, „ nach der Weihnachtsfeier wird sich doch wohl alles wieder beruhigen.“ „Ich brauche ein neues Kleid, und ich habe auch keine Schuhe, die ich zum tanzen anziehen könnte!“ sprach die Gemahlin. „Aha“ antworteten Gänsemeier. „Gibt es denn jetzt endlich etwas zu essen?“.

Auch Frau Schlörmann empfing ihren Gatten mit sorgenvollem Blick. „Heinrich, du gefällst mir gar nicht!“ Na, dann such‘ dir doch ,n anderen!“ murrte er, aber dann mußten doch beide lachen. „Worauf hast du dich bloß eingelassen“ flötete Elsbeth aus der Küche und Heinrich dröhnte zurück: „Nun fang du bloß nicht auch noch an, es hängt mir jetzt schon alles zum Halse heraus!“ Nur Herr Träger war guter Dinge und reimte auf dem Nachhauseweg schon mal weihnachtliche Gedanken aneinander. Heitere, besinnliche, friedliche, humoristische -! Zuhause riß er aus dem Schulheft seines Sohnes eine Seite aus und beschrieb sie mit seinen geistigen Ergüssen, damit sie ihm nicht so schnell entglitten.

Und dann kam der bewußte Donnerstag

Aber das erzähle ich auf einem anderen Blatt.

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