Keine Feier ohne Meier (Fortsetzung)

Keine Feier ohne Meier (Fortsetzung)

Der nette Herr Schlörmann und seine Frau Elsbeth speisten gemeinsam zu Abend, obwohl Herr Schlörmann ja auch in seinem „Etablissement“ hätte essen können. Aber da fehlte ihm die gemütliche Ruhe. Er hatte zwar einen tüchtigen Geschäftsführer und zuverlässige Angestellte, auch einen guten Koch – aber, zuhause ist zuhause und schließlich hat man ja auch ein Familienleben. Trotzdem war es oft nervenaufreibend. Schließlich mußte er die Honneurs machen und sich mit den vielen Gästen aus der einflußreichen Gesellschaft unterhalten und für jeden den richtigen Ton und das richtige Thema treffen. Da ging es ums Essen, Geschäfte, Vertretungen, Banker, Handwerksmeister. Lange Essen, lange Gespräche, Ansprachen, leise Musik im Hintergrund – eine gewisse Atmosphäre von Gediegenheit und Konservatismus, trotz allem.

Aber jetzt seit Wochen in Anbetracht des sich nahenden Weihnachtsfestes – er hätte manches mal im stehen schlafen mögen. Was nun aber am Donnerstag auf ihn zu kam – er mußte einen Weg finden, sich aus dem Staube zu machen. Aus Leichtsinn hatte er sich damit einverstanden erklärt, ein „Betriebsfest“ zu gestatten, denn das sprengte natürlich den gewohnten Rahmen. Und da er nun das Tanzen nicht verbot und auch nichts gegen eine kleine Band einwandte, die Tombola akzeptierte und gegen die Polonaise auch keinen Einwand hervorbrachte, auch über Rahmen und Gestaltung einfach nichts mehr hören wollte, sah er nun gottergeben den kommenden Horror auf sich zukommen.

Das Treffen war an diesem denkwürdigen Donnerstag festgesetzt auf die Zeit zwischen 18 und 19 Uhr. Mit allen internen Angestellten wurden sechzehn erwartet, die natürlich den jeweiligen Partner mitbringen durften. Aber auch ein paar externe Gäste wurden erwartet: Vertreter, gute Kunden, Geschäftsfreunde und die Schwiegereltern. Das war nicht ohne einen familiären Streit möglich gewesen. Bis 19 Uhr waren tatsächlich alle zugegen, und bis 20 Uhr dreiißig waren auch alle mit dem Essen fertig. Man lachte und plauderte und sprach den Köstlichkeiten reichlich zu, und der Eindruck verstärkte sich, als ob Herr und Frau Gänsemeier die Gastgeber wären. Herr Brennecke hatte sich mitsamt seiner Pfeife in den leicht verschneiten Vorgarten begeben, um in Ruhe seinen Gedanken nachhängen zu können.

Nachdem das Essen beendet war, bezog eine kleine Band über die rechte Ecke des Saales Position und baute ihre Instrumente auf. Dazu gehörte auch eine große Pauke. Das Silberberg-Quartett probierte schon mal ein paar Töne um die Lautstärke zu kontrollieren. Die Musikanlage spielte augenblicklich noch Weihnachtsmusik und die Tombola war in vollem Gange. Es gab Kochtöpfe, Bratpfannen, Bilderrahmen, Frotteé-Handtücher, Taschenschirme und Bildkalender für das kommende Jahr zu gewinnen. Das mit der Tombola ging schneller als gedacht vonstatten, aber die Angestellten hatten untereinander auch Lose verteilt, und jeder mußte ein Los ziehen ohne zu wissen, wer der edle Spender war, mit dem er sozusagen ein Geschenk tauschte. Da gab es dann auch lange Gesichter, denn die Lose kamen alle in einen Hut und jeder durfte sich ein Los herausnehmen..

Bevor die Stimmung und die Enttäuschung ganz im Keller waren, begann die Band zu spielen. Nicht mal schlecht und sehr flott. Alles stürmte aufs Parkett und es wurde immer lustiger, denn man bestellte pausenlos Getränke, weil es auf Rechnung der Firma ging. Sehr anständig war das, und das mußte man ja weidlich ausnutzen, damit der Chef sich freut, wie glücklich und zufrieden alle sind. Wo ist er denn überhaupt? Seit dem Essen war er gar nicht mehr zu sehen? Nach der Polonaise waren zunächst mal alle ziemlich erschöpft, aber als sie sich etwas erholt hatten, hauten sie noch einmal ordentlich rein. Die Stimmung hatten einen Höhepunkt erreicht und die Band spielte einen Rock ‘n Roll. Herr Pfeiffer, der Vertreter einer Zulieferfirma hatte Frau Perschke aufgefordert, eine ziemlich dralle kleine sehr hübsche Person, die so eine Art Mädchen für alles im Betrieb war. Fröhlich, höflich, gefällig, „ein richtig netter Käfer“ beeilte sich Herr Pfeiffer zu versichern, der mindestens einsfünfundachtzig groß war und wenn es hoch kam, ein Gewicht von fünfundfünfzig Kilo auf die Waage brachte. Wenn Herr Pfeiffer mal im Büro auftauchte, meldete man dem Chef: „Die Hungerharke ist da. Möchten Sie sie sprechen?“

Inzwischen war an der Tafel ein kleiner Streit ausgebrochen, weil zwei Kollegen geteilter Meinung waren und sich dank des genossenen Alkohols nicht mehr ganz in der Gewalt hatten. De hatte der eine den anderen am Schlips gezogen und der andere dem einen eine saftige Ohrfeige verpaßt. Das hörte man selbst durch die musikalische Darbietung. Und bei dem zündenden Rock‘n Roll, den Frau Perschke und Herr Pfeiffer auf’s Parkett legten, erschrak Herr Pfeiffer und hatte „seine langen Häkelhaken“, also seine mageren Beine nicht mehr unter Kontrolle, stolperte und fiel bäuchlings nach vorn, wobei er dank einer seltsamen Position Frau Perschke umstieß, die auf dem Rücken wie ein strampelnder Maikäfer am Boden lag und das lange Ende bäuchlings über sie fiel. Wer einen Fotoapparat dabei hatte, ließ sich dieses Bild für Götter nicht entgehen, und gemeiner Weise fand sich auch keine helfende Hand, um den beiden armen Würmern wieder auf die Beine zu helfen.

Die Kapelle machte eine kurze Pause, die beiden Tänzer hatten sich aufgerappelt und verhandelten bereits mit den Musikern, welchen feurigen Tanz sie nun zu so einer Art Ehrenrettung veranstalten könnten. Wenn ich mich recht erinnere, war es das Lied von Katerina Valente: „Blaues Boot im Sonnenschein und dann zu zwein, und mit dir allein auf einer Insel sein……“ Nun, Her Pfeiffer schleuderte seine Tänzerin und ließ mit Schwung ihre Hand los, so daß sie diesmal die Balance verlor und rückwärts in die Pauke stürzte. Jedenfalls war die Pauke nach hinten umgestürzt, und in ihrer Mitte versank Frau Perschke. Die Musiker schauten auch etwas verschreckt, und Herr Pfeiffer hatte sich irgendwie rückwärts entfernt. Er war jedenfalls nicht mehr auffindbar. Frau Perschke war zwar eine heitere Person, aber sie weinte nun doch ein bißchen. Die Fotoamateure schossen noch ein Foto: „Martina in der Pauke„

Ich habe mal gehört, daß man bei Schlörmann‘s ausgezeichnet essen kann und die angenehme leise Hintergrundmusik eine sehr anheimelnde Atmosphäre verbreitet, aber Feste, Feten, Feiern – nicht bei Schlörmann.

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