SPLITTER (14)

Überwältigende Erkenntnisse

Ich ergehe mich in philosophischen Betrachtungen mit weitreichenden Erkenntnissen und bin begeistert von meinen überwältigenden Feststellungen. So ist mir überraschend aufgefallen, daß der Mensch ja immer in einer Gegenwart lebt, und daß das, was hinter ihm liegt, die Vergangenheit also, zu irgendeinem Zeitpunkt aber auch die Gegenwart war. Das muß man sich mal reinziehen! Und dann die nächste überraschende Erkenntnis: wenn ich mich an etwas erinnern möchte, was längst der Vergangenheit angehört, muß ich mich in die Gegenwart der Vergangenheit begeben. Ist das nicht toll? Ich meine, die Erkenntnis. Und das findet alles im Kopf statt. Wozu hat man ihn schließlich.

Nachdem ich nun schon ab und zu mal so eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit unternommen habe, hat mich dieses Thema inzwischen tatsächlich gepackt. Ich war selbst überrascht, was man in Laufe der Jahre so alles erlebt und dabei schon wieder eine weitreichende Feststellung getroffen: der Mensch lebt immer in der Gegenwart; die Vergangenheit fällt einfach hinten runter, wenn man sie sich nicht pausenlos vor Augen führt. Und wer hat schon Lust dazu. Und eines Tags erwacht man – und schon ist es zu spät. Peng!

Wenn ich mich manchmal mit der Nachbarin unterhalte, die im gleichen Alter ist mit zwei Monaten Abweichung, und ebenfalls von Anfang an Berlinerin, stellen wir jedes Mal fest, daß wir eigentlich in diesem Zeitalter die besten Jahre erwischt haben. In jeder Beziehung. Und dann kommen wir überein, daß wir noch eine Weile mitmischen wollen, sofern man uns läßt. Ich schreibe gerne, ich erzähle gerne – aber letztlich sind es Geschichten, erlebte. Nicht immer werden sie historisch wie ein Geschichtsbuch sein, dafür sind die aber wahr, was den Inhalt betrifft.

Von Kindheit an habe ich gelernt, den Menschen offen gegenüber zu treten und nie ein schnelles oder vorschnelles Urteil zu fällen. Den anderen Menschen zu achten, nicht zu lügen und wirklich nur in Sonderfällen diplomatisch zu reagieren. So habe ich es auch immer gehalten und Achtung dem Letzten so wie dem an der Spitze entgegengebracht, und damit hat es sich erledigt. Alles in allem war es wohl eine preußische Erziehung nach alten Grundsätzen. Was sollten sie auch anderes mit mir machen, ich war ja nun mal da.

Der Berliner Sportpalast hatte eine Weile so ein anrüchiges Prädikat, weil einstmals Goebbels 1943 mit der Frage „Wollt ihr den totalen Krieg“ die berühmte Sportpalastrede hielt. Bis Ende1973 hielt er sich noch (der Sportpalast, dann wurde er abgerissen. ) Der wirkliche Knüller war das seit 1911 stattfindende Sechstagerennen. Der Sportpalast war in Schöneberg, nicht weit von meinem Geburtshaus in der Belziger Straße, und meine Eltern, mein Vater war ja Schöneberger, waren Stammgäste bei diesen Ereignissen. Meine Eltern hatten einen Dobermann, die Flora, und als ich geboren wurde, bekam Krücke den Hund. Krücke, Reinhold Habisch, pfiff den Sportpalastwalzer und ist bis heute eine Legende.

Der Sportpalast wurde nach dem Kriege wieder aufgebaut, und wieder fanden u. A. die Radrennen statt. Es war eine unglaubliche Stimmung und im Innenraum traf man jede Menge Prominenz, und alles war wie eine brodelnde Hexenküche. Der Alkohol und das Bier flossen in Strömen, man sah und wurde gesehen. Da konnte man eine ganze Ansammluing Paradeberliner besichtigen. Aber wie immer, heimlich still und leise habe ich mich nach dem Höhepunkt verdrückt und bin mit dem Taxi nachhause gefahren. Nur einmal ist es mir nicht gelungen, und bis früh um Fünf hingen nur noch ein paar abgefüllte Gestallten herum, es war ein unvollstellbarer Dreck überall, weil man einfach alles auf den Boden warf. Es stank bestialisch, denn jeder qualmte und nur ab und an kam noch in Zeitlupe ein Radler vorbei. Die Asse konnten sich vor Frauen und Mädchen nicht retten, die manchmal wie eine Traube an ihrem Favoriten hingen. Ich versuche mich zu erinnern, welche Namen mir aus dem Radsport in den Sinn kommen, denn einige hatten später auch Fahrradläden eröffnet. Otto Ziege, Rudi Altig, Erik Zabel, mehr fallen mir derzeit nicht ein. An Holländer kann ich mich dunkel erinnern.

Einmal hatte ich auch die Lacher auf meiner Seite, denn als wir wie immer fröhlich im Innenraum saßen, kam ein einzelner Fahrer vorbei und in einigem Abstand der ganze Pulk. Ich dachte, es wäre der Erste, der das Feld anführt, aber es war der Letzte mit Nachholbedarf. Das ist so typisch für mich. Ich glaube, ich bin eine ganz langweilige Person. Ich kann mich über alles freuen, aber ich wüßte nicht, was mich zu Begeisterungsstürmen veranlassen könnte.

Der abgerissene Sportpalast stand in der Potsdamer Straße, die bis heute ihren Ruf nicht verloren hat. Außerdem steht im Heinrich von Kleist Park das Berliner Kammergericht, ein imposanter Bau. Als Kontrollratsgebäude ist es sicher bekannt, wo seinerzeit auch das Viermächteabkommen unterzeichnet wurde. Durch diesen Park habe ich als Zehnjährige den Kinderwagen mit dem kleinen Cousin geschoben.

Das Kammergericht in Berlin ist die höchste Instanz über dem Amtsgericht und dem Landgericht , jedoch unterhalb des Bundesgerichtshofs. Nach dem Bau der Mauer fanden hier Museumme (hahaha!) eine Heimstatt. Das Jüdische Museum und das Berlin-Museum. Glaube ich. Aberglaube (Hahaha!) Aber Glaube ist Nichtwissen (Hahaha!) ist nicht Wissen. Nich wa!

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