SPLITTER (17)

Nostalgischer Überfall

Eine Wunde ist aufgebrochen. Die Lebensjahre, die uns mit unserem Sender RIAS Berlin eng verbunden haben und ein Teil von uns geworden sind in guten und in schlechten Zeiten….

Am 31.Dezember 1993 um 24 Uhr schlug seine letzte Stunde. Und damit gerät ein unwiederbringlicher Teil unseres Lebens und unseres Erlebens so langsam in Vergessenheit. Ich habe mich selbst auch erst wieder durch die Beschäftigung mit dem Rathaus Schöneberg, dem Kennedy-Besuch und der Zeit des Lebens in der zweigeteilten Stadt mit nostalgischen Erinnerungen in wehmütige Stimmung versetzt. Der Sender hatte von Anbeginn unser Leben begleitet, und nicht nur die Erinnerungen an diesen, sondern die Erinnerungen an unser Leben in dieser Zeitspanne ist eigentlich von großer und unwiederbringlicher Bedeutung, aber im derzeitigen Zustand der Umstände fast ausgelöscht worden. Aber so sollte es nicht sein. Unsere Generation soll und muß sich erinnern.

1977 war das Jahr, in dem meine Tochter geboren wurde und zwei Schlager aus diesem Jahr mir nicht aus dem Kopf gingen: ABBA‘s Money, Money, Money, und Smokie: Living next door to Alice. Und diese „Alice“ hämmerte eine Kollegin jahrein jahraus unauslöschlich ins Gehirn, es war ihr Lieblingslied, und immer wenn es irgendwo gespielt wurde, drehte sie auf bis zum Anschlag. Howard Carpendale hat es ja wohl auch gesungen, aber ich bevorzuge noch immer die Originalaufnahme, obwohl sie nicht sehr häufig gespielt wird. Ich habe ja ‘ne Menge CD‘s, aber leider, diese nicht.

Unvergessen sind auch die Quiz-Sendungen mit Hänschen Rosenthal „Wer fragt gewinnt“, weil da auch unsere „Oma“ gerne zusah und die Nachbarn zu uns herüber kamen, weil sie es bei uns gemütlicher fanden. Nach meiner Erinnerung haben wir diese Rosenthal-Sendungen im Fernsehen gesehen, es kann aber auch sein, daß sie im Rundfunk kamen und im Fernsehen anders hießen. „Bei „das war Spitze“ sprang er ja immer wie ein Gummiball in die Luft. Den langjährigen Reporter vom RIAS, der leider relativ jung verstorben ist, Jürgen Graf, lernte ich Anfang der fünfziger Jahre anläßlich einer Reportage in unserem Betrieb kennen. Und ebenso Friedrich Luft mit Frau und Schwester, die im gleichen Fischrestaurant wie wir gelegentlich anzutreffen waren, und die ganz in der Nähe meiner damaligen Firma wohnten, dicht am Nollendorfplatz. Da gab es eine ganz interessante Räuberpistole von einem Einbruch mit sensationellem Ausgang zu berichten.

Und etwas, was ich sowieso bis zum heutigen Tage bedaure und vermisse: Ich möchte liebend gerne die täglichen Nachrichten von einem Nachrichtensprecher mit geschulter, wohltönender Stimme hören in einem angenehmen Tempo, emotionslos und ohne seine persönliche Meinung. Einfach so. Als wenn man eine Gebrauchsanweisung liest. Es gab sie doch -sind die denn alle in Pension gegangen oder ausgestorben? Gibt es keinen geschulten Nachwuchs? Das sind zum Beispiel Namen, die sich nauslöschlich in das Gehirn eingebrannt haben, genauso wie die von den ersten Fernseh-Ansagerinnen. Wolfgang Behrend, Rudolf-Günther Wagner, Heinz Petruo, Eberhard Matusch.

Dann gab es Jazz mit John Hendrik und jedesmal sehnsuchtsvoll erwartet den „Insulaner“, der noch während der Blockadezeit gegründet wurde, von Günther Neumann, und die Mitwirkenden sind bis heute nicht vergessen und ihre Stimmen und zum Teil die Texte hat man immer noch im Ohr. So wie die Erinnerung an eine Menge Schauspieler und Kabarettisten, die zumindest unserer Generation unvergessen bleiben. Denn wir und sie, das war Berlin. Die „Stachelschweine“ hatten es mir vom ersten Augenblick an angetan und jeden, der mir in die Quere kam, schleifte ich dort hin. Aber nicht jeder hatte einen Nerv dafür. Die geschliffenen Sätze waren nicht Jedermann‘s Sache. Sie stammten von Thierry und Rolf Ulrich.

Das Kabarett und die interessanten Unterhaltungssendungen lenkten vom grauen Alltag ab, und hinzu kam ein umfangreiches Kino-Angebot. Ebenso Theater und Konzerte, Sportveranstaltungen und Messen. Im Rückblick möchte man beinahe sagen, mit einigen Abstrichen war es die schönste Zeit unseres Lebens. Oder präziser ausgedrückt, es war die schönste Zeit, in der wird lebten. Und das ist nicht zu leugnen.
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