Ein ganz besonderes Fluidum

Ziemlich ab Anbeginn meines beruflichen Aufstiegs, so etwa zehn bis elf Jahre nach Kriegsende, wohnten wir und arbeitete ich ja noch in Kreuzberg. Da konnte ich den Arbeitsplatz natürlich zu Fuß erreichen, denn in diesen Jahren lief man noch viel, selbst wenn es bequeme Fahrverbindungen gab. Man sparte das Fahrgeld. Auch mußte man zwangsläufig oft häufiger die Arbeitsstelle wechseln, weil den Firmen nicht immer der wirtschaftliche Aufstieg vergönnt war. Der Bezirk blieb, die Stelle wechselte, bis man, und die Firma auch, Glück hatte und auf einen Fortbestand hoffen konnte.

Da gab es nun im Hinterhof des stark bombengeschädigten Nachbarhauses eine Autoschlosserei und zwei bis drei Parkplätze für zahlungswillige Nachbarn. Mein damaliger Chef war zahlungswillig, und so half ich ihm, wenn er auf Kundentour fuhr, seine Aktentasche runterzutragen; die Pakete trug er in der Armbeuge und bevor ich ihm den Kofferraum öffnete, fiel meist die Hälfte davon zunächst mal auf den Boden.

Nachdem er dann vor sich brubbelnd ins Auto stieg, kurbelte er das Fenster herunter und legte mit ufgestütztem Arm zwei Finger an die Stirn. Den Zeigefinger und den Mittelfinger. So wie er außer Sicht war, legte der „Autofritze“ auch zwei Finger an die Stirn und brubbelte ebenfalls: „Fahrn‘se vorsichtich!“ „Na Kleene, wat is los?“ fragte er anschließend mich, falls ich noch da stand. Neben der geöffneten Werkstatt-Tür stand in den Sommermonaten oder auch bei günstigen Temperaturen ein runder Gartentisch an der Seite, ein Klapphocker, auf dem ein bräunliches verwaschenes Kissen lag, aber anscheinend nie jemand dazu gekommen ist, darauf zu sitzen, weil die Katze Minka es in Beschlag genommen hatte. Außerdem eine zweisitzige Bank uf einem eisernen Gestell mit bräunlich lackierten Holzleisten und zwei Korbstühle, vom Regen total verwaschen und ächzend, wenn man sich darauf setzen wollte. Fleckige graue Sitzkissen jedoch konnten einen nicht unbedingt zum Platz nehmen verleiten.

Ich hatte schon früher mal darauf hingewiesen, daß es zu der damaligen Zeit, zumindest in Berlin, eine Unmenge „Fritzen“ gab. Z.B. den Zeitungsfritzen, den Zigarrenfritzen, den Gemüsefritzen, den lumenfritzen, aber den Wurstmaxe, den Heringsbändiger, wer auch immer bekam einen entsprechenden Titel. Meist kam im Laufe des Vormittags die Meisterin vorbei, um ihren Gatten zu verpflegen und auch die beiden Angestellten. Mücke, den Lehrling, und „Großer“, den Gesellen. So groß war er ja nun auch wieder nicht, Aber der Meister war klein und gedrungen und Mücke noch bißchen entwicklungsbedürftig, denn er hatte mal gerade seinen Volksschulabschluß mit der achten Klasse beendet. Damals war eben alles noch anders. Einige meiner langjährigen Bekannten hatte mit 14 Jahren die achte Klasse mit ausgezeichnetem Zeugnis verlassen, gingen anschließend in die Lehre und haben mit achtzehn Ihre Gesellenprüfung gemacht. Man konnte wohl mit dreiundzwanzig Meister werden, bestimmt war man es aber mit fünfundzwanzig. Und man war stolz, man war ein Handwerker.

„Komma ruhich n‘ Viertelstündchen rüber, Kleene“ sagte manchmal die Meisterin, wenn ich noch auf dem Hof stand. Dann legte sie eine Wachstuchdecke undefinierbarer Farbe auf den runden Tisch, stellte die braune Steingutkaffeekanne auf eine Kachel und fügte ein Weidenkörbchen mit belegten Schrippen hinzu,
und aus braunen Steinguttassen tranken wir dann Kaffee mit Würfelzucker und Büchsenmilch..!

Ich habe immer den Geruch dieser Werkstatt geliebt, auch den Geruch des Garagenhofes bei meinem Onkel, die Gerüche in den Druckereien, in denen ich später viel zu tun hatte und eine befreundete Schlosserei, eine Tischlerei – Und als ich als kleines Mädchen mit meinem Papa den Onkel auf dem Anhalter Bahnhof besuchte, als er draußen mit dem großen Schraubenschlüssel die Lokomotive wartete und ihr Räder mich erheblich überragt hatten. Es roch nicht nur nach Öl, es roch auch nach Arbeit. Und die Leute waren stolz auf das, was sie sichtbar geschafft hatten. Und sie hatten dreckige Arbeitsklamotten an. Bei der Arbeit passiert.

Ich möchte gar keine Vergleiche ziehen, ich bin nur immer wieder von neuem glücklich und zufrieden und dankbar für all das, was es mir vergönnt war zu erleben. Den Briefträger, der zweimal am Tag kam mit der schweren Ledertasche umgeschnallt, und die Post nach oben trug, und am Monatsende kam, um meiner Mutter die Rente auszuzahlen. Und immer ein paar freundliche Worte zu wechseln. Den Kohlenmann (kein Fritze), der die Briketts zu uns in die zweite Etage brachte und dazu einen Kasten Holz. Das stapelten wir auf dem Korridor, weil wir keinen Keller hatten. Und einen kleinenTeil davon in der Küche, denn der große Herd (die Kochmaschine) wurde mit Brikett gefüttert, um eine schöne warme Küche zu haben. Oft fügte man noch eine kleine Schaufel Koks hinzu, bis die Herdringe aus Eisen glühten. Auch diese wohlige Wärme und der leichte Kohlegeruch. vermischt mit Kaffeegeruch und aufgewärmten Essen – alles war irgendwie vertraut und vermittelte ein Gefühl von Geborgenheit.

Früher war eben alles anders. Vielleicht nicht besser (oder doch)? Aber anders auf jeden Fall. Da hatten wir es jedenfalls besser als die, die vor uns da waren, denn die hatten längst nicht diesen Komfort.

Ich liebe ihn noch immer, den Geruch von Arbeit.

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