SPLITTER (20)

Jubiläumsausgabe

Heute war ein etwas verworrener Tag, und nun habe ich es auch dabei belassen. Muß doch nicht immer alles so perfekt sein. Um 10 Uhr hatte ich einen Termin bei meiner Kardiologin in Lichterfelde, und deshalb bin ich schon um 7 Uhr aufgestanden. Und um neun Uhr kam ein guter Freund, um mich zum Termin zu fahren. Bis Halbzehn habe ich ihm etwas erzählt, und dann während der Fahrt versucht den Mund zu halten. Dann hat er mich Punkt zehn in der Praxis abgeliefert, und gegen Zehn-Uhr-dreissig hatte ich schriftlich, daß bei mir alles in Ordnung ist. Sollte man nicht für möglich halten – aber sie hat ja nur mein Herz untersucht.

Dann wurde ich wieder abgeholt und nach zwanzig Minuten vor meinem Block abgesetzt. Und nachdem ich ihn noch ein bißchen mit Schokolade abgefüttert hatte, fuhr der Gute kehrtwendend wieder nachhause. Nun habe ich wieder ein Jahr Zeit, bis mich die sehr liebe Frau Doktor wieder sehen will. Anscheinend braucht man so lange, um sich von mir zu erholen. Zuhause bemerkte ich, daß ich doch ganz schön müde bin, denn ich war gestern erst um 2 Uhr schlafen gegangen. Also hatte ich nun endlich mal den Wirsing gekocht und eine kurze Zeit danach war ich so müde, daß ich mir einfach einen Mittagsschlaf gestattete. Aber dann war es eben wieder Abend. Und dann habe ich erst mal die ganzen Hinterlassenschaften und Sammlungen von einem Platz auf den anderen sortiert, bißchen darin gelesen, gestaunt, geträumt – es ist unglaublich, was sich angesammelt hat. Aber ich weiß, daß mich vor Jahren schon einmal die große Entsorge überfiel und ich eine Menge vernichtet habe. Meine Güte. Wenn ich nun auch noch die Bücher – die Schallplatten – die Journale – die Videos, die DVS‘s, die CD‘s, also, ob die mich dann abholen? Von den Foto‘s will ich ja erst gar nicht reden.

Aber es täuscht: ich bin keine Sammlerin. Ich sammle nichts. Bekannte von mir haben ihren halben Korridor mit Bierdeckeln tapeziert, eine andere Spezies mit Zirkusplakaten, wieder ein anderer sammelt Kugelschreiber und Streichholzschachteln resp. Briefchen. Ansichtskarten, Kristallfigürchen, Bierkrüge. Nichts da. So einen „Krempel“ hebe ich nicht auf. Na jedenfalls habe ich nun, gut ausgeschlafen und satt und frischen Kaffee neben mir, beschlossen, jetzt mal wieder etwas nutzbringendes zu tun. Ich hatte nämlich schon gestern Abend eine Entdeckung gemacht und inzwischen vergessen, wo ich nun dieselbe abgelegt hatte. Dank ihrer rosa-orangenen Farbe habe ich sie nun aber wieder gefunden.Und deshalb soll sie nun heute Abend auch mein Thema sein.

Im Jahre 1966 sind wir zum 1. Juli nach Lichtenrade gezogen, was zu diesem Zeitpunkt wirklich noch eine Einöde war. und im Februar 1967 waren wir im Haus Carow am See lt. Programm, und das war in Gatow. Das war tatsächlich das nächste Ende von hier und ebenso das Ende des amerikanischen Sektors, denn es war dicht an der Zonengrenze. Mein Bruder und meine Schwägerin wohnten damals noch in Moabit, und natürlich waren sie auch noch im Besitze des weißen Opel-Kapitäns mit dem blauen Dach. Aber ob es nun noch der blau-weiße oder schon ein anderer war – ich glaube nicht. Aus den Erzählungen meiner Eltern und den Erzählungen von Papas Jugendfreunden (und Jugendsünden) waren uns viele Dinge und Begebenheiten stets gegenwärtig, sofern sie sich in Berlin und auch besonders im alten Berlin befanden oder zugetragen hatten. So war uns also Carow‘s Lach-Bühne vertraut, die erst während des Krieges bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Rund um den Alexanderplatz gab es ja eine Menge kleine Bühnen, die man glaube ich auch Volkstheater nannte sowie in der Provinz oder in bäuerlichen Regionen.

Es ist ja nun wirklich lange her, und sicher hat mein Bruder dieses Unternehmen organisiert, daß wir nun nach Kladow gefahren sind, und das im Winter. Vielleicht hat uns auch sein Chef dazu animiert oder er war sogar dabei, ich kann mich nicht erinnern. Aber ich habe das Programm und

Gesellschafts- und Betriebsveranstaltungen
Einen gepflegten Rahmen
Erstklassige Speisen und Getränke
zu erschwinglichen Preisen
Unterhaltungs- und Tanzmusik
Das Spitzenkabarett unter Mitwirkung
namhafter Künstler

ist annonciert. 10 Kabarettnummern sind aufgeführt, die sicher sehr beeindruckend waren. Aber nach dieser langen Zeit ist es wohl nicht angebracht, sie namentlich zu erwähnen, weil sie bestimmt kein Mensch mehr kennt und sich bestimmt auch kein Mensch mehr dafür interessiert.

Mittwoch, Donnerstag und Sonnabend um 15 Uhr dreissig bietet Ihnen das Haus Carow
am See die beliebte Hausfrauen-Kaffeetafel mit dem vollen Abendprogramm .
Eintritt 2.50 DM

mit Kurt Höhne, dem Meister der Pointen. Ein wirklich sehr gut aussehender Herr
mit einem abgründigen Lächeln.

Im Jahre 1955 hatte Erich Carow das alte Haus Gatow am See übernommen und es dann in Haus Carow am See umbenannt. Bereits 1957 ist er verstorben. das Gelände ist abgerissen worden und wie man erfuhr, sollen dort Terrassenhäuser entstanden sein. Im Programm ist die Anschrift Alt Gatow 57, Berlin 22 angegeben.

Aber an seiner alten Wirkungsstätte am Weinbergsweg in Berlin im Bezirk Mitte traf man auch bekannte Besucher an, Kurt Tucholsky z. B. Und sogar Charlie Chaplin soll dort gewesen sein. Und die Darbietungen konnten wir uns eigentlich nur denken, denn die kannten wir ja von zuhause und auch die Interpreten waren uns ein Begriff. Otto Reuter, Fredy Sieg, Claire Waldorf, die glaube ich, sogar mit Theo Lingen verwandt war. Und die ganzen Lieder und Couplets kannten wir sowieso, die haben wir immer mit Papa zuhause gesungen.

„Und dann schleich ick still und leise immer an de Wand lang, immer an de Wand lang….“
„Mutter der Mann mit dem Koks ist da…!“

Schade. Heutzutage ist alles so banal, finde ich.

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