SPLITTER (25)

Fundstücke

Die Aufräumungsarbeiten schreiten fort. Ordentlich gestapelt nach Wichtigkeit und Erinnerungswert wandern sie von einem Schrank in den anderen, und auch mal von einem Karton in den nächsten. Man wirft womöglich etwas weg, und dann? Vor lauter Erinnerungen vergesse ich zu dichten – ich vergesse es ja nicht, ich schiebe es nur vor mir her. Und dann diese überraschende Feststellung, wie viel Platz auf einmal auch in einem Kopf ist. Und daß der nicht rebelliert und schreit: verschone mich mit diesem ganzen trivialen Schwachsinn!!! Aber er tut es nicht, und ich bewahre alle meine Schätze auf.Jedenfalls noch eine ganze Weile.

Ich habe sogar schon etwas weggeworfen. Ein Stück silbrige Materie, ähnlich Stoff, und wahrscheinlich mit Tee bekleckert, weil vergilbt. Doch ja, es fiel mir leicht. War ja auch schon wieder fast zwanzig Jahre her, als ich es als besonderes Geschenk von einem unserer Kunden bekam; ein Stück von der Verhüllung vom Reichstag. Einige Geschäftsfreunde hatten in ihren Büros entweder große Fotos vom verhüllten Reichstag oder ein Stück „Stoff“ unter Glas, eingerahmt über dem Chef- Schreibtisch. Also, ich hatte im Nachhinein den Eindruck, ganz Berlin wird eingewickelt (ist eingewickelt worden.)

Ich sehe uns noch mit unseren Besuchern aus Hamburg auf dem großen grünen Rasen stehen, und genau wie alle anderen starrten wir gebannt auf das Gebäude. Jeder tat seine Meinung kund und es war so ein leichtes Gefühl von Volksfest, verbunden mit dem Ernst der Stunde. Und mir fehlt bei solchen Anlässen meistens der nötige Ernst, so daß ich dann lieber den Mund halte. Das erweckt anscheinend die Einschätzung von Andacht. Na ja – man hatte es gesehen. Persönlich, direkt – nicht auf der Leinwand oder so. Komischerweise hatte es aber niemand von uns fotografiert. Ich hatte damals nur eine kleine Box – die ist mir auf der Autofahrt von Harburg nach Jesteburg abhanden gekommen.

Es war also ein ganz besonderes Verpackungsmaterial, wie mir später von einem, der es wissen mußte, anvertraut wurde. Danke für‘s Bescheid sagen. Kein Wunder, das Bild (der Stoff unter dem gerahmten Glas) hängt ja noch immer in der Kellerbar. Sollte man vielleicht auch mal bißchen die Scheibe putzen. Könnte man ja vielleicht noch versilbern – das war ja damals wie ein Fieber. Also das Aluminium bedampfte Polypropylengewebe. Na ja, so von jetzt auf gleich hatten sie das ja auch nicht machen können, da gehörte schon eine Menge Planung dazu. Und ich fand die beiden auch immer sehr sympathisch, obwohl sie ja danach auch noch eine ganze Menge eingewickelt hatten. Ich kann mich an einige Objekte erinnern und wenn ich mal Lust habe, werde ich die alten Jahrgänge der einschlägigen Jounale durchforsten. Christo und Jeanne-Claude. Die waren jahrelang in aller Munde. Und trotzdem – irgendwann gerät alles in Vergessenheit, bis es wieder durch irgendeinen Anlass an die Oberfläche kommt. Und in dieser Angelegenheit – es war wirklich wie ein Fieber. Vorher und nachher.

Mitte der achtziger Jahre, also mindestens zehn Jahre zuvor, wurde in Paris der Pont Neuf eingewickelt, die älteste Brücke der Stadt über die Seine. Sie hatten es eben mit dem Einwickeln. Vielleicht könnten sie jetzt mal paar Politiker einwickeln, dazu brauchen sie nicht so unglaublich edles Material. Muß ja nicht braunes Packpapier sein, es ginge ja auch mit schön bedrucktem Geschenkpapier. Bändchen rum, und rein in‘n Sack. Für den Weihnachtsmann.

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