Hier geh’n wir einfach rein

Die Frau in der blau-weiß gestreiften Jacke sah mich an und stoppte abrupt ihren flotten Gang. Wir hätten uns fast gegenseitig umgerannt, und ich wollte schon eine entsprechende  Bemerkung machen, aber darin war sie auch schneller. „Mensch, nee wa? Oder doch? Ja wa? Wußt‘ ick doch, daß Sie dit sind. Is ja‘n Ding. Hamwa uns ja ne Ewichkeit nich jesehn, und nu hier. Zack, Bums, beinahe wäre det nich jut jegangen. Is aba. Na also, Jottseidank!“ „Hallo Frau Kunze. Nett, daß wir uns wieder sehen. Es ist ja wirklich schon ziemlich lange her-!“ „Ja wa, det isset. Aber nu seh‘n wa uns ja. Wie geht‘s denn so?“  Wir standen nun mitten auf dem Gehsteig und wurden mal von hinten und mal von vorne angerempelt, weil der Bürgersteig ziemlich schmal war und auch nicht dazu gedacht, hier mit längerem Geplauder den Verkehr aufzuhalten. Ein paar Schritte weiter gab es ein kleines Café, in dessen Schaufenster eine Gipstorte und verschiedene Pappschilder mit Reklame für Gebäck, Tee, Kaffee und Kuchen ausgestellt waren, und auf einer weißen Pappe waren mit Filzschreiber noch ein paar Preise für verschiedene Suppen aufgeführt, die man offensichtlich ebenfalls bestellen konnte.

„Hier jehnwa rin“ sagte Semiramis Kunze und schubste mich ein bißchen aus dem Weg. „Sie ham doch bißken Zeit, oder? Wo wir so lange nischt voneinander jehört und jesehen haben. “Na ja, Zeit hätte ich. Was ich besorgen wollte, bekomme ich nachher auch noch. Sonst morgen. Es ist nicht wichtig.“ Frau Mira Kunze hatte in der Kanzlei, in der ich vor einigen Jahren gearbeitet hatte, die Büros gereinigt und das Treppenhaus, denn das Haus gehörte dem Chef. Und ich wohnte in einem entfernten Bezirk und hatte mir eine Arbeit in meiner Nähe gesucht. Zwangsläufig verliert man sich dann aus den Augen. Frau Semiramis hieß wirklich so und konnte zunächst ihrer Mutter nicht verzeihen, daß sie diesen Namen bekommen hatte, aber inzwischen trug sie ihn mit Grandezza, „denn dit is‘ ja schon mal wat, wa? Se-mi-ra-mis, und nich einfach Inge oder Helga oder Trautchen oder so wat!“

Ich mußte lachen. In der Nähe des Fensters setzten wir uns an einen Caféhaustisch mit Marmorplatte und eisernem Unterbau, und auf den stabilen schwarzen Holzstühlen mit weinrotem Kunstlederpolster konnte man ganz gemütlich sitzen. „Kennen Sie den Laden?“ fragte ich. „Nö, aber ick bin hier schon ofte vorbeijepeest, und jedes Mal dachtick, hier jehste mal rin. Na, nu sind wa hier. Is doch janz hübsch, oda?“ Doch ja, es war sauber und gemütlich und einige Gäste machten einen zufriedenen Eindruck. „Ich glaube, wir sollten uns jetzt etwas bestellen!“ sagte Frau Semiramis und sah in die Speisekarte. In der Plastikmappe lag ein dunkelweißes Blatt, und mit zerflossener Tinte in entsetzlicher Schrift waren ein paar Speisen aufgeführt, die man nicht entziffern konnte. „Na, dann fragen wir eben die Bedienung“ fuhr sie fort, und ich mußte sie wohl etwas irritiert angesehen haben. Sie grinste. „Ich kann auch hochdeutsch. Mein Mann sagt immer, wenn du wo hingehst, nimm Dich zusammen, Du mit deiner elenden Kodderschnauze, Und nun sind wir ja wo hingegangen, oder?“

Ich mußte schon wieder lachen. Eine bestechende Logik.Dann kam eine spindeldürre ellenlange Serviererin mit weißem Schürzchen über dem schwarzen Kleid an denTisch, zückte einen Block und einen Kugelschreiber und sah uns erwartungsvoll an. Ich studierte das Häkelmuster ihres weißen Spitzenkragens und überließ das Gespräch Semiramis. „Wir hätten gerne zwei Kännchen Kaffee und dazu Kuchen. Je ein Stück.Was hätten Sie da..“ „ALso, Kännchenkaffe hamwa nich. Bei uns jibtet entweder ne jroße Tasse oder ne kleene Tasse, also: zwei jroße Tassen Kaffee und Kuchen. Also da hätten wa Streusselkuchen (und nun sah sie angestrengt zur Decke und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen) also Streussekuchen natur, oder Streussel Kirsch, Streussel mit Appel, Streussel Flaume oder könnse ooch mit Aprikose, oder Streussel mit Vanillepudding, jefüllt eben, wa? Oder Obstschnitte, Obstschnitte Erdbeer, oder Obstschnitte Kirsche, oder Käse mit Kirsch, oder…. Ihr Blick hatte sich inzwischen an der Decke festgesogen und Semiramis hatte ihre Gesichtszüge längst nicht mehr im Griff. „Denn könnse aber noch Mohnschnitte, oder Mohn mit Appe……!“ Ich hatte mit einer Handbewegung die vorgetragene Kuchenkarte unterbrochen. „Zweimal Käse-Kirsch ohne Sahne.“ „Is jut“ sagte die Bohnenstange und verschwand in die hinteren Regionen.  „Meine Jüte“ entfuhr es Semirmis. „Det is ja ein Kaliber. Aber irjendwie? Nett war se ja, oder?“

Der Kaffee war wirklich gut, die große Tasse war nicht unsympathisch und der Kuchen schmeckte wirklich hervorragend. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile und Semiramis blickte noch mal in die  Speisekarte. „Det Ding hier heißt Rosendiele, na dit is lustich. Und hier jibt es ooch Eis. Wollnwa? Also bestellten wir Vanilleies mit Kirschen, und Semiramis lud mich ein. „Weil Se so nett sind. Und ick habe Sie ja ooch belatschert mit dit Kaffetrinkenjehn. Wär doch nett, wenn wa uns hier wieder mal bei Jelegenheit treffen. Ick arbeite an mir – nächstet Mal- fließend akzentfrei. Mein Jünta wirdma prüfen.“ Also, Mittwoch in 14 Tagen, so gegen Fünfzehn Uhr, gleiche Welle, gleiche Stelle.Bis denne—-!

Als ich vor einiger Zeit die sehr belebte Straße entlang ging, gab es dieses kleine Café nicht mehr. Da gab es jetzt Reiseandenken, Postkarten, Stadt-führer und allen möglichen Krimskrams. Ich fand es sehr schade. Hätte gerne wieder mal Käse-Kirsch und so…

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