SPLITTER (28)

Überlegungen

Seit dem 19. November (na, so schlimm ist das ja nun auch wieder nicht) habe ich außer ein paar läppischen Gedichten nichts mehr geschrieben. Das hat aber nicht damit zu tun, daß die Fantasie Leerlauf hat, sondern daß meine Gedanken seither pausenlos um weltbewegende Ereignisse kreisen. Je nach dem, in welcher Position sich der einzelne Mensch jeweils befindet, erwischt es ihn. Selten positiv, meistens negativ. Dann gibt es noch die kaum wahrnehmbaren, die werden einfach nie erwischt. Die agieren so in einer Grauzone, und plötzlich entsteht dann eine Wirkung; und kein Schwein hat davon etwas mitbekommen. Und auf diese Weise wiederum haben wir es dann mit dem „Ach na nu?“ Effekt zu tun.

Ich erinnere mich noch gerne an die Zeit, als meine Mama früh um drei Uhr verschlafen durch die Tür blickte und vorwurfsvoll fragte: „Ist denn hier noch immer keine Ruhe?“ In jedem Zimmer brannte eine kleine Lampe und außer gelegentlichen schweren Atemzügen und das leise rascheln einer umgeblätterten Buchseite war eigentlich nichts zu vernehmen. Nur noch ihr leises Gemurmel: „Na, auf die Stromrechnung bin ich gespannt“ und mein ebenso leises Gemurmel: “Du bezahlst sie doch nicht!“ Auf jedem Nachttisch stand etwas zu trinken, Tee, Apfelsaft, kalter Kaffee. Und zum Teil mit angehaltenem Atem las man die Abenteuer, die vor einigen hundert Jahren bestanden wurden und die man in der heutigen Zeit sicher nicht mehr wahrnimmt; oder jedenfalls im Zeitalter der Technik unter ganz anderen Voraussetzungen. Man ist nicht mehr dabei. Dabei ab der ersten Stunde der Entdecker. Viele der uralten Tagebücher liegen wohl aufbewahrt in alten Bibliotheken, und die Personen, die einst die großen Taten vollbrachten, bleiben unvergessen. Ebenso die Aufzeichnungen der Zeitgenossen.

Man zog aus, die Welt zu entdecken. Ferne Kontinente, fremde Menschen, wilde Tiere. Fremde Sitten. Nicht immer ging es kampflos ab. Nicht immer nahm es ein rühmliches Ende. Vielleicht auch nur in seltenen Fällen. Aber mir ist nicht erinnerlich, daß man anschließend einschließlich der Natur einfach alles platt gemacht hat.

So mußte ich wieder daran denken, auf welch seltsame Weise Erinnerungen an die Oberfläche kommen. Ich hatte letztens „Mississippi“ gehört und einige unterschiedliche Aufnahmen von „Ol‘ Man River“ und erinnerte mich an den Film mit Marilyn Monroe, „Fluß ohne Wiederkehr“. Das wiederum erinnerte mich an den Unterricht bei meinem Lieblingslehrer, der großen Wert darauf legte, die Landkarte mit geschlossenen Augen auswendig aufzusagen. Boston, New York, Philadelphia, Baltimore… Mississippi, Missouri, Arkansas, Red River…….usw. usw. Und dann dachte ich wieder zurück an die Ursprünge des Jazz und unter welchen Umständen er mal entstanden war. Die Gedanken laufen parallel in höchstens drei Sekunden, zum aufschreiben oder erzählen braucht man mindestens eine halbe Stunde, Denn nun sind die Gedanken „frei“ und verbreiten sich irrsinnig schnell in alle Richtungen.

In diesem Fall landeten sie bei Pierre Radisson, für den ich immer eine ganz besondere Vorliebe entwickelte. Vielleicht, weil er Franzose war. Ich bestaune immer wieder den bewundernswerten Mut, den viele Menschen aufbringen bzw. aufgebracht hatten, und die überragenden Erkenntnisse, die sie der Nachwelt hinterlassen haben – aber fast keiner ist zu seinen Lebzeiten durch Ruhm oder Anerkennung ausgezeichnet worden.
„Im Alleingang zum Mississsippi“ ist eine unglaubliche Leistung.

Im Itasca-See in Minnesota entspringt dieser riesige Fluß, der sich nun über eine Entfernung von über dreitausendsiebenhundert Kilometern dahinwälzt. Der Missouri ist sein längster Nebenfluß. Im Golf von Mexiko ist seine lange Reise zu Ende, die ihn durch einige amerikanische Staaten führt. Ich glaube, die Wolga könnte ungefähr mit ihm konkurrieren. In der Schule habe ich noch gelernt, daß bei uns die Donau der längste Fluß ist, und der allerlängste offensichtlich ist der Nil. Der ist zweimal so lang wie die Wolga.

Also, oft denke ich daran, was es alles unglaublich Tolles auf dieser irrsinnigen Welt gibt, woran man sich mit einiger Fantasie berauschen kann. Und trotzdem versucht der Mensch unermüdlich, so viel wie geht davon zu ruinieren. Und verschanzt sich hinter seinem jeweiligen Gott. Holla – denkt doch mal nach! Geht ja auch anders. Zumindest könnte man es doch einmal probieren.

Projekt M i s s i s s i p p i

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