SPLITTER (30)

(Da staunste Bauklötzer)

So ab und zu tauchen aus irgendeinem nicht nachzuvollziehenden Anlaß plötzlich Bilder aus der Vergangenheit auf. Nun habe ich in irgendeiner alten Illustrierten einen kurzen Abriß über das Europahaus in der Stresemannstraße gelesen. In Sichtweite vom Anhalter Bahnhof und wenn ich nicht irre, dem Askanischen Platz. In meinem Kopf sieht die Gegend noch so aus wie in meiner Kindheit.

Da gab es z.B. von KdF (Kraft durch Freude) immer Eintrittskarten für die Bürger zu unterschiedlichen kulturellen Veranstaltungen, Kinofilme, Theateraufführungen usw. Ich glaube, in der ehemaligen DDR ist dieser Brauch übernommen worden und die Bevölkerung bekam Eintrittskarten z.B. für Matinee’s und Unterhaltungssendungen im Friedrichstadtpalast und ähnlichen Veranstaltungsorten.

Damals gab es in diesem Hause einen ziemlich großen Veranstaltungssaal und mehrmals, so weit ich mich erinnere, bin ich mit meinem Papa dort zu verschiedenen Veranstaltungen gewesen.. Gerne gab es, so wie heutzutage im „Wintergarten“, Vormittagsvorstellungen mit Kabarettprogramm. Das war natürlich spannend, besonders für ein kleines Mädchen. Ich erinnere mich an Bauchredner, Jongleure, streitende Clowns und Zauberer. Und an das „Fräulein Nummer“. Da lief dann eine leicht bekleidete Dame auf hochhackigen Schuhen von links nach rechts und noch mal von rechts nach links mit der nächsten Nummer, „Acht“ meinetwegen, und die Glitzerumrandung dieses (Plakat‘s) ? flimmerte in den dunklen Saal.

Einmal ging auch mein Papa auf die Bühne, wo der Künstler den Leuten den Schlips, den Ring und die Brieftasche wegnehmen konnte, ohne daß sie es bemerkten. Ich war auch von den Bauchrednern beeindruckt, aber zu dieser Zeit hatten sie immer noch solche häßlichen Puppen mit dem beweglichen Unterkiefer, während in nachfolgenden Jahren die Bauchredner immer sehr putzige Tiere oder Figuren als Partner hatten. Natürlich gab es einige Zauberkünstler, die gewöhnlich auch eine Assistentin hatten. Das war natürlich sehr interessant, wenn mal eine Dame zersägt wurde oder wenn aus einem Zylinder auf einmal die ganze Bühne voller weißer Kaninchen bevölkert wurde. Auch sonst wurden einige wundersame Dinge vorgeführt, und auf dem Heimweg zerbrachen wir uns den Kopf, wie sie das wohl alles so gemacht hätten.

Die Zauberei hat inzwischen ganz andere Dimensionen angenommen. Unmerklich zunächst wurde es immer pompöser, unbegreiflicher, aufwendiger und steigerte sich bis zur, ich möchte fast sagen, Unglaublichkeit. Technik, Wissen und Naturgesetze haben ganz andere Voraussetzungen geschaffen.Die alten Zauberer hatten sicher große Fingerfertigkeit, die nachwachsenden Generationen, Zauberer wie Zuschauer, einen großen Schatz an Kenntnissen der Naturgesetze. Als fleißiger Fernsehkonsument hatte man im vorigen Jahrhundert noch entsprechende Sendungen mit Staunen verfolgt und sich den Kopf zerbrochen, wie alles so vonstatten gegangen sein könnte. Namen wie Musik in unseren Ohren waren die Fernsehdarbietungen von David Copperfield.

Den Beginn der Fernsehattraktionen haben wir wohl Uri Geller zu verdanken, an den sich wahrscheinlich nur noch ganz wenige Leute erinnern können. Besonders aber war man immer sehr gespannt auf Siegfried und Roy, deren Zauber-Karriere auf traurige Weise beendet wurde. Einige Zeit nach dem Unfall hatte ich noch immer Presseberichte verfolgt. Zu Beginn der Neunziger Jahre war ich selbst in lebensgefährlicher Situation und habe alles, was rund um mich herum passierte, vollkommen ignoriert. Da war es mir tatsächlich egal, ob es weiße Tiger gibt oder ob man ganze Bauwerke verschwinden lassen kann.

Heutzutage gibt es schon Vereinigungen, wo die Zauberkünstler bereits im Kindergartenalter mit dem Zauberunterricht beginnen und schon in jungen Jahren Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Die Darbietungen inzwischen, wie bei allem, sind beeindruckend. Aber etwas fehlt, und das ist schade. Früher hat man sich verwundert gefragt, wie er das macht, daß aus einem Zylinder plötzlich die ganze Bühne voller weißer Kaninchen werden konnte. Wenn man sich heute fragt, wie kann einer den Eiffelturm verschwinden lassen oder durch eine Mauer hindurchgehen (ein Mann geht durch die Wand (mit Heinz Rühmann, haha) ja, da muß man Naturwissenschaft studieren um herauszufinden, wie man solche Effekte überhaupt erzielen kann. Ich denke auch, daß die Zauberer sich gegenseitig mit ihren ganzen Kunststücken überbieten, weil im Zeitalter der Raumfahrt, der Roboter, Computer, Weltraumreisen, Tiefseetauchen – so viele Unglaublichkeiten herniederprasseln, daß kaum noch ein Mensch an solchen Experimenten interessiert ist.

Vor einiger Zeit erinnerte ich mich an das vor einigen Jahren verpackte Reichstagsgebäude. Wenn da nun einer mit dem Zauberstab aufgekreuzt wäre: „Hokus Pokus Fidibus“ und hätte das ganze Paket einschließlich Inhalt und Christo obendrein auf den Mond gezaubert – und wie kommt es wieder runter? (Na, so weit sind wir wohl doch noch nicht)!

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