SPLITTER (38)

Mal bißchen was für das Gemüt

Gegen sechzehn Uhr haben die Gymnasien Schulschluß und in Sekundenschnelle sind alle Busse bis auf den letzten Zentimeter besetzt. Ich warte dann in der Regel auf den nächsten, mich treibt ja keiner. Aber viele Leute m ü s s e n ausgerechnet diesen Bus nehmen, obwohl der nächste schon unterwegs ist. Und diese Fahrgäste m ü s s e n nach Steglitz fahren, weil die Kaufhäuser noch eine Weile geöffnet haben. Na, ich bin froh, ich m u s s überhaupt nichts, nur ein paar Stationen zur Post in Mariendorf. Die ist nämlich ebenerdig, die in Lichtenrade hat eine unsympathische Treppe. Ich muß mal paar Päckchen aufgeben und einen dicken Brief abwiegen lassen. Briefmarken sind auch alle.

Direkt vor dem Eingang unterhalten sich ein paar junge Damen temperamentvoll über eine neue Lehrkraft. Ich klopfe mal nachdenklich meine Manteltaschen ab und sinniere und tue so, als ob ich etwas vermisse, denn es würde mir Gelegenheit verschaffen, das Gespräch über den Anlass der Erregung zu verfolgen. Aber leider wurde es sofort abgebrochen, weil man sich noch anderweitig informieren mußte und alle ihre Handys zückten, um weitere Klassenkameraden zu befragen. Na ja, in den Manteltaschen war nix und ich machte mich aus dem Staube. (Es war ja auch ein Staubmantel).

Und dann dachte ich plötzlich daran, wie wir uns damals in diesem Alter verhalten hatten. Es ist ja fast unglaublich; man war schließlich mal ein Teenager, aber zu meiner Zeit nicht einmal das. Da war man eine Jugendliche. „Die Jugendlichen“ hatte man schon immer gerne überall verscheucht. „Geht mal hier weg!“ war keine seltene Aufforderung, zumal eventuell auch noch gerne ein paar Jungen dabeistanden. Aber in den Nachkriegsjahren änderte sich dann doch eine Menge für uns „Jugendliche“, zumal wir das Glück hatten, im Westsektor und dann auch noch im amerikanischen Sektor zu wohnen. Und wir hatten unser kleines Radio. Und langsam wurde man kaum wahrnehmbar erwachsen. Ich habe gearbeitet seit ich 14 Jahre alt war.

Überhaupt nahm man an allen möglichen Unterhaltungen teil, „Jugendliche nur in Begleitung Erwachsener“ . In den Ballhäusern war „Eintritt für Herren“ ab 27, für Damen ab 21 und für „Jugendliche“ nur in Begleitung Erwachsener oder Erziehungsberechtigter. Da fielen einem eine Menge Tricks ein, um diese Bestimmungen zu umgehen. Viele Filme durften „Jugendliche unter 18 Jahren“ nicht ansehen. Das war schon alles spannend genug und dementsprechend wurde es auch niemals langweilig.

Dann kam die Zeit, wo man so seine Favoriten hatte, und man war wlld auf Autogramme. Na, das war nicht so meine Masche. Ich wollte keine Autogramme sammeln. „Bild‘ dir bloß nichts ein du Affe“, und von weiblichen Akteuren wollte ich erst recht kein Autogramm. Ich hatte ja durch unsere Verbindungen später einige Male Gelegenheit zu Begegnungen mit der Prominenz. Hatte vorbildlich geklappt, auch ohne Autogramme. Aber die Schulkameradinnen tauschten Fotos, Unterschriften, berichteten mit strahlenden Augen von Begegnungen – „Bleibense bedeckt.“ Das war auch so ein Berliner Spruch. – Sie brauchen nicht den Hut zu ziehen – bedeutete das. Nun ja, manches war gut, manches nicht – es bedeutete letztendlich den inzwischen totalen Verlust von Höflichkeiten und Umgangsformen.

Und dann begann bei mir die Phase der Leidenschaft und enthusiastischen Begeisterung für den Boxsport. Wir wohnten damals in Reinickendorf und einige Jungen, mit denen wir früher mal zusammen in eine Klasse gingen, schmissen nur so mit Fachausdrücken um sich herum. Wir trafen uns oft Müller- Ecke Seestraße in Wedding. Natürlich gab es stürmische Auseinandersetzungen, wer nun recht hatte oder nicht. Das soll ich heute noch wissen? Nee, weiß ich nicht mehr. Aber ich schwärmte hingerissen von Conny Rux, der mindestens 10 Jahre älter war als ich, aber doch mehr oder weniger noch ein junger Spund. Ein Halbschwergewicht. Ein Dauersieger in seiner Gewichtsklasse soweit ich mich erinnern kann und ein ewiger Anlaß zu Streit.

Unser zweiter Gegenstand maßloser Verehrung war Bubi Scholz, Der machte auch Karriere mit Steilvorlage, war aber glaube ich ein Schwergewicht. Also diese beiden haben uns reichlich beschäftigt. Muß alles so in den fünfziger Jahren vonstatten gegangen sein, denn 1966 zogen wir nach Lichtenrade am entgegengesetzten Ende von Reinickendorf. Und Anfang der Fünfziger erst mal von Reinickendorf nach Kreuzberg. Und bis 1945 wohnten wir in Berlin Zentrum sozusagen.

Lichtenrade war damals ein Dorf. Aber die Straßenbahn fuhr nach Mariendorf, und da war die Rennbahn. Da ist sie immer noch, aber jetzt habe ich da auch keine rechte Lust mehr. Es ist eben alles anders. Nicht besser, nicht schlechter – anders eben. Dann denke ich auch ab und zu an meinen Papa, den alten Schöneberger, wenn er aus seinen Jugendtagen erzählt hat. Da waren es nun auch wieder ganz andere Lebensumstände und Voraussetzungen. Zusammen mit Onkel Gustav, den Sandkastenfreund aus Kindertagen: Wie sie als Junge Männer im Lunapark als Karussellschieber sich ihr Taschengeld verdient haben. Und wie mein Papa in Rixdorf auf dem Tanzboden „Maitre de Plaisier“ war, denn man mußte 5 Pfennige bezahlen, wenn man auf den Tanzboden wollte.

Na ja, bißchen weiter sind wir ja wohl doch schon, was?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s