SPLITTER (47)

Aufregung pur

Am 21, Juli 1969 wurde einer meiner „Pfleglinge“ Papa. In den Nachmittagsstunden besuchte er seine Frau auf der Entbindungsstation im Auguste-Victoria-Krankenhaus, um sich seinen Nachwuchs zu betrachten. In der Zwischenzeit patrouillierte ich auf dem Munsterdamm bei seinem Auto auf und ab und wartete auf seine Rückkehr, da er meinte, es würde ja nicht lange dauern. Ich stellte meine Handtasche auf dem Autodach ab, schaute Löcher in die Luft und wartete geduldig auf sein Erscheinen. Na, endlich war es so weit. Er war ein sehr liebenswerter, geselliger Mensch, charmant und leichtsinnig und hatte mehr Schulden als Haare auf dem Kopf, aber ein sehr elegantes Geschäft mit einer Menge Designermöbeln, die kaum bei einem Durchschnittsbürger Gefallen fanden. Aber seine Klientel war entsprechend abgehoben; man lernte eine Menge irre Typen kennen.

Nach einer kurzen Strecke vermißte ich meine Handtasche, und nachdem mir einfiel, daß ich sie auf das Autodach gestellt hatte, wo sie ja nun nicht mehr sein konnte, setzten wir zurück. Nun, auf dem großen Munsterdamm, zumal noch auf der Krankenhausseite, ging außer einer Verrückten wie mir kein Mensch spazieren. Wir hatten das Glück, den Ausreißer wieder einzufangen, gingen auf der Weiterfahrt irgendwo noch Kaffee trinken, um uns dann mit einigen seiner Kumpane an der Uni in der Hardenbergstraße zu treffen, um dann derselben (Uni) auf das Dach zu steigen.

Dort oben versammelten sich eine ganze Menge Leute und blickten abwechselnd wie verrückt durch ein langes Teleskop auf den Mond, und der blickte vollkommen uninteressiert auf das Dach der Uni. Wir wollten nämlich zusehen, wie die Fähre auf dem Mond landet. Na ja, da haben wir sozusagen in den Mond geschaut. Später hieß es, daß die Landung auf dem Mond auf der erdabgewandten Seite stattgefunden hat. Da hatten nun eine Menge Leute, wie man im Volksmund zu sagen pflegt, mit Zitronen gehandelt.

Nun hatte Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond gesetzt, und wir sahen nur einen dunkelblauen Himmel und ein paar glitzernde Sterne. Voller Enttäuschung mußte man sich nun auch noch einigen, was man mit dem Rest des angefangenen Abends beginnen sollte. Den Spruch: „That‘s one small step for a man, one giant leap for mankind“ kannten wir da ja noch nicht.

Wenn ich mich recht erinnere, trieben wir uns noch eine Weile auf dem Ku-Damm herum, um unserer Enttäuschung Herr zu werden. Aber dann trafen wir im Alt-Berliner Biersalon (so hieß er damals, glaube ich) noch ein paar abgedrehte Kollegen, fuhren ins Geschäft, lümmelten uns in die Designerkreationen und tranken (ich weiß nicht mehr, was) und aßen, was wir unterwegs gekauft hatten (ich weiß nicht mehr was). Und einer von der Bande fuhr mich nachhause (ich weiß nicht mehr, womit)! Mit seinem Wagen natürlich, aber was für einer? Keine Ente jedenfalls.

Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken……

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