SPLITTER (42)

Die Geister, die ich rief

Vor einigen Tagen, am 2, April, feierte Berlin das 50jährige Jubiläum des Europa-Centers. Zunächst hatte ich das nur mal so nebenbei zur Kenntnis genommen, aber beim frühstücken und den Blicken hinaus in die kahlen Bäume mit den düsteren Ästen und den jagenden Wolken bin ich dann doch gedanklich auf Wanderschaft gegangen. „Traumsuse“ hätte meine Mama sicher gesagt.

Obwohl ich mich bei der letzten „Aktion“ ja doch schweren Herzens von vielen Erinnerungstücken getrennt hatte, sind trotzdem noch unzählige vorhanden, die ich schon wieder fast vergessen hatte und die nun wohl verwahrt in schönen Kartons irgendwo herumstehen. Die Briefe und Andenken aus der Zeit, bevor wir hier her zogen, hatte ich ja schweren Herzens entsorgt, und damit verschwanden auch einige Personen aus meinem Gedächtnis, die längst nicht mehr leben. Nun habe ich schon mal ein bißchen angefangen zu kramen, ein bißchen zu weinen und ein bißchen zu lächeln, denn diese Kramkisten enthalten ja mehr oder weniger das Leben der letzten fünfzig Jahre. Nachdem meine Mutter 1982 starb, später mein Bruder und ich nur noch, Gottseidank, meine Kinder und späte rEnkelkinder hatte und habe, haben auch eine unglaublicher Menge von Menschen inzwischen meinen Weg gekreuzt.

So langsam nahm ja der Wiederaufbau der Stadt Formen an, und da wir im westlichen Teil lebten, war die Gegend vom Wittenbergplatz über den Breitscheidplatz, Bahnhof Zoo, Ku-Damm das Zentrum und die unterhaltsame Meile des Wochenendes und Garant für erstklassige Unterhaltung. Das war sie natürlich auch schon während unserer Kreuzberger Zeit, aber schließlich wurde man auch älter und die Ansprüche nahmen inzwischen eine angemessene Veränderung an. Aber beachtlich ist auch,  wie schnell man  eine Situation vergißt, wenn eine bestimmte Zeit darüber hinweg gegangen ist und einem das Alltagsleben kaum Zeit zum entspannen und besinnen läßt. Dann drängt sich alles in den Hintergrund und mit der Zeit verschwindet es. Aber nicht für alle Zeit und unwiederbringlich. Irgendwo hockt es und man kann es wieder erwecken.

In den ersten Jahren nach der Eröffnung des Europa-Centers hatten wir größtenteils diesen Ort für Verabredungen gewählt, weil er erstens ‘in‘ war und man sich dort trotz aller Menschenmassen auf jeden Fall fand. Im Dachgeschoß des Hochhauses gab es kurz unter den Wolken den I-Punkt. Und über uns der Himmel. Das Café war meistens gerammelt voll und die Fahrt mit dem Fahrstuhl bis dort hinauf war auch immer sehr unterhaltsam. Zum Glück hatte ich nie die Erfahrung machen müssen, daß der Fahrstuhl beim aufwärts oder abwärts fahren stecken blieb – was dann wohl auch gelegentlich vorkam. Dort oben gab es auch ein sehr angenehmes Restaurant, und wenn ich am Abend verabredet war, saßen wir dort in ziemlich guter Stimmung, obwohl sich oft ein seltsames Gefühl einschlich. Vom Tisch am Fenster sah man den hell erleuchteten Kurfürstendamm fast bis zur Wilmersdorfer Straße, Die angestahlte Gedächtniskirche, die hell erleuchteten umliegenden Gebäude, die hell erleuchtete Hardenbergstraße – schaute man auf der gegenüberliegenden Seite zum Fenster hinaus, sah man rabenschwarze Nacht. Kein Licht, keine Laterne, keine erleuchtete Straße, nichts. eine rabenschwarze Leere umfing einen, und wenn man nahe am Fenster stand, hatte man gelegentlich das Gefühl, der Brustkorb zieht sich zusammen. Man konnte im wahrsten Sinne des Wortes von den zwei Seiten der Medaille reden. Trotzdem sagten wir uns oft da oben, wir eingesperrten Berliner, daß wir das reale Beispiel direkt vor Augen hatten. Sonst hatte man längst genügend Training um so zu tun, als wäre dieser extreme Zustand das Normalste in dieser Walt.

Abgefüttert fuhr man dann wieder nach unten, um sich gleich mal zum nächsten Treffen zu verabreden. Am U-Bahnausgang Wittenbergplatz oder vor dem Haupteingang des Zoos oder vor dem KADEWE Eingang Tauentzienstaße. Und ein besonderes Gefühl war immer dabei: Man zog sich adrett an, flanierte, besuchte Restaurants, überwand manchmal das Bedenken, einen der zahllosen eleganten Geschäfte zu betreten und genoß zumindest an den Wochenenden ein bißchen Luxus.

Die Gattin eines bekannten Unternehmers aus dem Freundeskreis meines Bruders war Fahrstuhlführerin im Ka de We, Sie war klein und zierlich, trug eine elegante KADEWE Uniform und dieses komische Käppi, ich glaube Pillbox genannt; drehte an der Fahrstuhlkurbel, sagte die Geschosse an und zählte die Abteilungen auf, die dort vorhanden waren. Manchmal spielte auch leise Musik. Es war ein absoluter Vorzeigejob.  Man  erlangte jdenfalls  stadtweite Bekanntschaft und einen gewissen Grad an Berühmtheit. Die Fahrstuhlführerinnen vom KADEWE erfuhren zumindest besondere Aufmerksamkeit. Vorzugsweise bei der männlichen Kundschaft. Ich sage immer: „Früher war alles anders.“ Meine Oma, Jahrgang 1872, sagte immer:“Früher war alles anders!“ Mein Papa, Jahregang 1883, sagte immer: „Früher war alles anders!“ Meine Mama, Jahrgang 1898, sagte immer: „Früher war alles anders!“

Und was sage ich? „Früher war alles anders!“
Aber wie gesagt; alles zu seiner Zeit

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